Begegnungen Wort-Wörtlich
Ein Projekt mit zugezogenen Kultur- und Kunstschaffenden aller Sparten aus dem In- und Ausland

Jedes Jahr wird der Öffentlichkeit die Statistik Zugezogener in Berlin vorgelegt. Was diese Menschen aus dem In- und Ausland zu sagen, was sie der Metropole zu geben haben, darüber schweigen die Zahlen. Die Neuberlinerinnen und -berliner, die diese Stadt zu ihrer Wahlheimat gemacht haben, vor Kurzem oder vor mehreren Jahren: Das sind auch Vertreter der Berufsgruppen der Bildenden und Darstellenden Kunst, Musik, Fotografie, Literatur sowie Regisseure, KuratorInnen und Galeristen.
Mit dieser Zielgruppe will der Kulturring näher ins Gespräch kommen. Er strebt an, sie und ihre Arbeit öffentlich sichtbar zu machen. Dies hinsichtlich der unterschiedlich gelagerten Biographien, Überzeugungen und künstlerischen Leistungen. Unser Motto: Gesprächsfreude grenzenlos.
Im Kontakt mit Künstlerinnen und Künstlern aus dem Ausland – z.B. jene, die ihr Atelier in den ID-Studios Hohenschönhausen haben – fällt auf, dass manche von ihnen aufgrund von Sprachbarrieren einem Podcast-Interview eher zurückhaltend gegenüberstehen. Die Selbsteinschätzung, nicht "perfekt" Deutsch zu sprechen, gibt hierfür oftmals den Grund ab. Prinzipiell würden die Betreffenden sehr gerne ein Interview geben – in englischer Sprache. Auf Englisch geführte Interviews werden in einer übersetzten deutschen Fassung auf den Projektseiten abgedruckt erscheinen.
Programm 2026
Januar: „Manche mögen’s wilderesk“. Podcast zum Billy Wilder-Jubiläumsjahr 2026: Rainer Rother gibt Auskunft. 2026 wäre Billy Wilder Hundertzwanzig geworden. Der späterhin weltbekannte Regisseur kommt am 22. Juni 1906 im Ort Sucha zur Welt, im damaligen Galizien, Nähe Krakau. Seine Eltern sind Max und Eugenia Wilder. Die Mutter ruft ihn „Billie“. Sein Vater führt ein Hotel in Krakau. 1916 flieht die Familie nach Wien. Mit knapp 20 kommt Wilder nach Berlin und wird als Reporter tätig. Nebenbei verdient er sich etwas dazu, als Eintänzer im Hotel „Eden“. Bald wechselt er zum Drehbuch über: der Beginn einer großartigen Karriere. 1933 reist er nach Paris und von dort in die USA aus. Als Regisseur, Drehbuchschreiber und Produzent erhielt Billy Wilder 21 Oscar-Nominierungen und sechs Oscars. Interessant für ihn: die Spannung zwischen Konformisten und Außenseitern, zwischen Norm und Identität. Er steht für Wortwitz und zündende Gags, schreibt aber auch mit nichtkomödiantischen Werken Filmgeschichte. Und vor allem hat er sich zum Ziel gesetzt, nie zu langweilen.
Rainer Rother wurde 1956 in Vechta geboren, studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Hannover. Von 1991 bis 2006 war er Leiter der Kinemathek des Deutschen Historischen Museums. Von 2006 – 2025 war Dr. Rainer Rother Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek, Museum für Film und Fernsehen. Von 2001 bis 2019: Mitglied der Auswahlkommission für den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Er leitete seit 2006 die Retrospektive der Berlinale und zeichnet für die Berlinale Classics verantwortlich. Bei den 75. Internationalen Filmfestspielen Berlin im Februar 2025 erfolgte die Auszeichnung mit der Berlinale Kamera. Rainer Rother ist Autor mehrerer Bücher wie etwa „Zeitbilder. Filme des Nationalsozialismus“, „Nina Hoss“, „Leni Riefenstahl. Die Verführung des Talents“; Herausgeber u. a. von: „King Vidor”, „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen”, „Weimarer Kino – neu gesehen”, „Linientreu und populär: Das Ufa-Imperium 1933 bis 1945“, „Sachwörterbuch Film“ sowie zahlreiche Ausstellungskataloge. Zum Einstieg ins Billy Wilder-Jubiläumsjahr 2026 also unser Interview für alle, die’s wilderesk mögen.
März: „Eine Rose mit Hang zum Krimi: Interview mit Olga Ivanova zum Stück Der Name der Rose am Kriminaltheater Berlin.“ Der Name der Rose von Umberto Eco ist ein Buch über Bücher, über Bibliotheken und über Menschen, die sich in Bücher vertiefen. Ist Olga Ivanova solch ein Mensch? Willkommen beim Interview mit der Schauspielerin, die als Zweitbesetzung in „Der Name der Rose“ (Erstbesetzung Jenny Löffler) im Kriminaltheater Berlin das namenlose Bauernmädchen spielt. Der Autor Umberto Eco über seinen Roman: „Die Idee zu dem Titel ‚Der Name der Rose‘ gefiel mir, denn die Rose ist eine Symbolfigur von so vielfältiger Bedeutung, dass sie fast keine mehr hat […] Ein Titel soll die Ideen verwirren, nicht ordnen“. Greift die Inszenierung seitens des Kriminaltheaters Ecos eigenes interpretatorisches Verständnis auf? Wie weit bricht sie die „Rose“ als Symbol herunter oder fächert sie mit ihren Implikationen und Assoziationen auf? Der Film von Jean Jacques Annaud, produziert von Bernd Eichinger, mit Sean Connery als William von Baskerville, kam 1986 in die Kinos. Olga frage ich nach den aus ihrer Sicht einschlägigen Gründen für den internationalen Erfolg des Buches und seiner Verfilmung. Die gebürtige Russin, aus Tscheboksary (Republik Tschuwaschien), kam als Neunjährige nach Deutschland, nach Hessen. Seit 2020 lebt sie in Berlin. Olga ist an der Berliner Schule für Schauspiel ausgebildet, für Bühne und Film. Am Theater und auf der Leinwandwirkt sie in den unterschiedlichsten Rollen. Im Interview spüren wir dem Mysterium der Rose nach.
April: Podcast-Interview: „Disziplin zu haben ist das wahre Talent. Interview mit den Orchestermusikern Karla Wulff und Georgio Bani von der Konzerthausakademie Berlin“ Karla Wulff aus Dänemark und Georgio Bani aus Italien sind seit 2024 junge Nachwuchsmusiker der Kurt-Sanderling-Konzerthausakademie Berlin und Musiker des Konzerthausorchesters am Gendarmenmarkt. Karlas Instrument ist der Kontrabass, Giorgio spielt Querflöte. Karla Wulff studiert an der UdK. Sie hat u.a. im Königlichen Dänischen Orchester gespielt. Mit der Norddeutschen Philharmonie Rostock und dem Philharmonischen Kammerorchester Wernigerode ist sie als Solistin aufgetreten. Giorgio Bani hat zunächst in Bergamo studiert. Aktuell ist er Masterstudent an der Hochschule für Künste Bremen. Orchestererfahrung hat er u.a. als Mitglied der Akademie der Magdeburgischen Philharmonie gesammelt. Beide Musizierende berichten darüber, wie ihr Musiktalent entdeckt und gefördert wurde, weshalb sie Feuer und Flamme für Kontrabass und Querflöte sind. Natürlich, Berlin ist anders als Kopenhagen und Bergamo. Der 25-jährige Italiener und die 26-jährige Dänin atmen gerne Berliner Luft und wissen die bunte Offenheit Berlins zu schätzen. Ein weiterer Schwerpunkt unseres Gesprächs ist die Frage, was ein musikalisches Talent ausmacht und welche Eigenschaften notwendig sind, um in einem Orchester, also in einem Musikerteam, zu spielen.
April/Mai: Eine Kunst, die Esperanto kann. Ekaterina Koroleva begeistert sich für die Urban Art (Interview). Korolevas Arbeiten sind konzeptbasiert, sie drücken Individualität aus und bieten emotionale Resonanz. Alles mehr als bloß dekorativ. Ekaterina ist in Russland geboren. Als Zweijährige kam sie 1985 mit ihrer Familie nach Berlin. Ihre Kindheit verbrachte sie im Norden der Stadt. Russische Märchen und traditionelle Folklore regen ihre Arbeiten an. Die Berliner Kieze nimmt sie als tonangebend in Sachen Trends wahr. So hat sie sich etwa in das Tempelhofer Feld und Kreuzberg verliebt. Die staatlich geprüfte Grafikdesignerin kooperiert als Illustratorin mit namhaften Labels. Als Urban Artist nimmt sie an verschiedenen Projekten teil. Ihr Markenzeichen: Frauenporträts in enger Verbindung mit botanischen Elementen.
Juni: Exklusivkompetenz der Kunst für Zeitthemen? Berlin Biennale-Direktor Axel Wieder gibt seine Einschätzung (Podcastinterview).
Die Berlin Biennale steht für Neuerung und Aufbruch im internationalen Kontext – und für Unabhängigkeit vom Kunstmarkt. Berlin präsentiert sich als Ankerpunkt auf der internationalen Landkarte der Kunst.
Schon lange vor seiner leitenden Tätigkeit für die Berlin Biennale 2025 war Axel Wieder selbst begeisterter Besucher dieses Kunstevents. In unserem Gespräch erörtern wir unter anderem die Frage, ob Kunst eine Exklusivkompetenz hat in der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zeitgeschehen. Außerdem: Lassen sich zwischen der Biennale Venedig oder der Documenta Kassel Vergleiche zum Standort Berlin ziehen? 2025 war Zasha Kolah aus Indien Kuratorin. 2027 wird der Ukrainer Vasyl Cherepanym kuratieren. Wir blicken zurück auf die Biennale 2025 und voraus auf 2027: Was fand beim Publikum 2025 – das waren immerhin 130 000 Besucher - besonderen Anklang? Was wurde kontrovers diskutiert? Wie gestaltet sich die Interimsphase zwischen zwei Biennalen? Gibt es schon einen Ausblick auf 2027?
Axel Wieder, gebürtiger Stuttgarter, war von 2018 bis 2024 Direktor der Bergen Kunsthall. Gemeinsam mit seinem Team hat er in Norwegen ein vielbeachtetes Programm mit internationaler Ausrichtung bei lokaler Verankerung produziert. Von 2014 bis 2018 war Axel Wieder Direktor von Index – The Swedish Contemporary Art Foundation in Stockholm. Im Zeitraum 2012 bis 2014 leitete er das Programm des Arnolfini in Bristol. Er war Verantwortlicher von Ludlow 38, Goethe-Institut in New York (2010-2011) und Leiter des Künstlerhaus Stuttgart (2007-2010). 1999 gründete Wieder zusammen mit Katja Reichard und Jesko Fezer die Buchhandlung und Diskursplattform Pro qm in Berlin. Axel Wieder studierte Kunstgeschichte und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin und der Universität Köln.
Die Berlin Biennale, eines der wichtigsten Foren für zeitgenössische Kunst, wurde 1996 gegründet. Seit 2004 wird die Berlin Biennale von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Sie gilt als „kultureller Leuchtturm“, der nicht allein bundesweit Beachtung findet, sondern seine Signale in die Welt aussendet.
Juni: Kann denn Sprache Sünde sein? Schauspieler Caner Sunar kommentiert die Aufführung des „Pygmalion“ am Deutschen Theater Berlin (Podcastinterview).
Sprache ist eine der verräterischsten Lebensäußerungen. Sie signalisiert Elite, Prestige, Erfolg und Macht. Und eben auch das Gegenteil. In George Bernard Shaws „Pygmalion“ (1913 uraufgeführt) spricht Eliza Doolittle Cockney English. Damit tritt sie hohen Herrschaften unbekümmert auf den Schlips und auf den Rocksaum. In der feinen Londoner Gesellschaft ist sie deshalb persona non grata. Der Sprachwissenschaftler Henry Higgins sieht sie als Studienobjekt und Trophäe. Er wettet, sie durch sein Sprachtraining innerhalb von wenigen Monaten von der Blumenverkäuferin zur vollendeten Gesellschaftsdame machen zu können. Der Titel des Theaterstücks verweist auf die Mythologie und auf Ovids Metamorphosen als frühes Zeugnis. Der Bildhauer Pygmalion verliebt in die von ihm geschaffene weibliche Marmorstatue. Die Liebesgöttin Venus verwandelt das Kunstwerk in eine lebendige Frau.
In der Aufführung des „Pygmalion“ am DT (Regie: Bastian Kraft) wird Eliza gleich mehrfach besetzt. Die Inszenierungsidee bringt auf faszinierende Weise die „Ballroom“-Subkultur mit ins Spiel. „Wir sind umgeben von Verwandlung“ (C.S. im Interview). Und Higgins selbst – ist der Lehrer lern- und wandlungsfähig? Mehr dazu im Gespräch mit Caner Sunar, der im Deutschen Theater das Blumenmädchen Eliza spielt: „Ej Alter, kaufste Blumen, ej?“ Cockney English mal auf Deutsch.
Caner Sunar, geboren in Antakya (Türkei), studierte am Thomas Bernhard Institut des Mozarteum Salzburg. Während seines Schauspielstudiums erwarb er Bühnenerfahrungen bei den Tiroler Volksschauspielen, am Landestheater Salzburg, bei den Salzburger Festspielen, am Düsseldorfer Schauspielhaus und am Werk X in Wien. Seit der Spielzeit 2017/18 ist Caner Sunar Ensemblemitglied am DT.
Das Deutsche Theater (DT) wurde 1850 als Friedrich-Wilhelm-Städtisches Theater eröffnet. Die Intendanten waren u.a Otto Brahm, Max Reinhardt, Heinz Hilpert, Thomas Langhoff, Ulrich Khuon: Seit 2023 ist Iris Laufenberg die Intendantin des DT. Die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und das RambaZamba Theater verdanken sich in ihren Anfängen dem DT; die Entwicklung der Theaterwissenschaft als akademische Disziplin ist untrennbar mit diesem Haus verbunden. Das Deutsche Theater wurde überdies mehrfach als „Theater des Jahres“ ausgezeichnet.
Juni/Juli: Dem Vorbehalt die Stirn bieten. Andréa Botelhos Konzertreihe „Komponistinnen!“ im Schloss Britz (Podcastinterview). „Ich bin in Rio de Janeiro geboren und habe früh erlebt, dass musikalische Exzellenz für Frauen nicht selbstverständlich anerkannt wird“, sagt Andréa Botelho, ihres Zeichens Dirigentin, Pianistin, Komponistin und Forscherin. Ihr Standpunkt: Die Musikgeschichte wurde nicht vollständig erzählt. Das Ergebnis ist ein System des Vergessens, der Auslassung und der strukturellen Abwertung. Das Herzensanliegen von Botelho ist es, Ausgewogenheit und Gerechtigkeit herzustellen, Ungleichgewicht sichtbar zu machen und vergessene Werke und Biografien zurück ins musikalische Bewusstsein zu holen. Sie will nicht nur „nachholen“, was lange übersehen wurde, sondern auch neue Perspektiven eröffnen – für das Publikum, für Musikerinnen und für die Musikgeschichte insgesamt. Komponistinnen sollten nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlicher Teil der Geschichte wahrgenommen werden. Doch Veränderung braucht Engagement, Wiederentdeckung, Repertoirearbeit und beharrliche Programmgestaltung.
Mit ihrer Reihe „Komponistinnen!“ im Schloss Britz möchte Andréa Botelho an Komponistinnen erinnern, die über Generationen hinweg vergessen oder unterschätzt wurden. Sie versucht, neue Wege zu erschließen und einen Wandel im Markt anzustoßen, in dem das Motto „Weniger Blumen, mehr Respekt“ lauten sollte.
Weitere Details folgen
Zusätzliche TeilnehmerInnen werden im Jahresverlauf rekrutiert
Was die genannten Kunst- und Kulturschaffenden sowie die Terminierung betrifft, sind Änderungen vorbehalten.
Weitere Details in den Podcastbegleittexten oder auf den Projektseiten.
Kontakt: martina.pfeiffer@kulturring.berlin
Literally Spoken Encounters
Conversations with artists and cultural workers from here and abroad are a great source of joy.
Every year the public is presented with statistics about newcomers to Berlin. But we hear little to nothing about what these people have to say or have to give to our metropolis. Many of these new Berliners – those who have made this city their chosen home – are representatives of professional visual and performing arts, music, photography, literature, as well as directors, curators and gallery owners.
Kulturring wants to get closer to these groups, to understand these people better and to make their work more publicly visible, to consider their different biographies, beliefs and artistic achievements. Our motto is: ‘The pleasure of borderless conversation’.
In our work with artists from abroad - for example those who have their studio in the ID – Studios Hohenschönhausen – we’ve realised that some of these people have language barriers and hesitate doing podcast interviews. Their self-assessment, not speaking ‘perfect’ German is often the reason. However, many would be happy to give you an interview – in English. English conversations, translated into German, will appear on our project pages.
Contact: martina.pfeiffer@kulturring.berlin