Interviewerin: Martina Pfeiffer

Es ist uns eine Ehre, Michael Lederer als Gesprächspartner in unserem Projekt "Begegnungen Wort-Wörtlich" zu begrüßen. Der Kulturschaffende, Schauspieler und Autor lebt seit 1998 in Berlin. Michael wurde 1956 in Princeton, New Jersey, geboren. Seine Großeltern mütterlicherseits waren Deutsche, beide aus Stettin. Seine Verwandten väterlicherseits waren Juden aus Zagreb, Jugoslawien, dem heutigen Kroatien. Der Vater Ivo Lederer wurde im Laufe seiner akademischen Karriere bekannt als Universitätsprofessor im Ressort Diplomatiegeschichte in  Princeton, Yale und Stanford. Michael studierte Theaterwissenschaften an der Binghamton University, New York. 2009 gründete er das Dubrovnik Shakespeare Festival (DSF) und war in den Folgejahren dessen Künstlerischer Leiter. Herzlich willkommen lieber Michael Lederer. Ich freue mich sehr auf unser Gespräch!

Nachdem Ihre Familie 1965 nach Palo Alto in Kalifornien umgezogen war, ließen sich ihre Eltern scheiden. Sie waren damals 12. "Der Zug von Michael ist entgleist",  das haben Sie im Interview mit der "Deutschen Welle" gesagt.  1975-77 haben Sie im Tipi-Zelt einer Hippiegemeinschaft gelebt, die nannte sich "The Land" in den Santa Cruz Bergen. Joan Baez hatte diese Gemeinschaft gegründet, um  Gewaltlosigkeit in ihren Möglichkeiten auszuloten.  Bei Gewaltfreiheit denke ich unwillkürlich an Mahatma Gandhi und seinen gewaltlosen Widerstand.  War Gandhis Persönlichkeit für Sie damals eine Inspirationsquelle?
M.L.: Ja, Gandhi schon, aber zeitlich näher lag Martin Luther King, Jr., der knapp sieben Jahre vorher wegen seiner gewaltlosen Proteste ermordet worden war. Joan Baez and ihr Mann David Harris waren große Namen einer gewaltlosen Widerstandsbewegung, die sich gegen die  Greuel des Vietnamkriegs gestellt hatte, und gegen die Rassentrennung in den Südstaaten der USA. Als Weißer, aufgewachsen im Norden der USA, war ich zwar nicht unmittelbar physisch an diesen beiden Auseinandersetzungen beteiligt, geistig aber schon.  Als Kind der Sechziger sah ich die Gewalt jeden Abend im Fernsehen. Die Musik, die wir damals hörten,  war ein kollektiver Schrei nach Frieden.  Die  Gewalt war unmittelbar da, und das greifbar!

Haben Sie in jungen Jahren auch an Protestmärschen gegen den Krieg teilgenommen?
M.L.: Mit 13, in Palo Alto habe ich in einem Marsch zusammen mit anderen im "October Moratorium"  gegen den Krieg protestiert. Das war im Woodstock-Jahr 1969. Meine eigene Schule war beteiligt, was sich für mich und uns alle gut anfühlte. Ich habe nicht verstanden, wie überhaupt jemand dagegen sein konnte. Wir waren gefühlsmäßig voll dabei.  Ich erinnere mich gut daran, als  im November 1963 meine Mutter mir unter Tränen sagte, der Präsident sei ermordet worden. Und ich erinnere mich an den Tag, als Martin Luther King Jr. niedergeschossen wurde. Ich hatte Glück, das wusste ich,  und mir war klar, dass so viele eben nicht die Chancen hatten wie ich selber. Jung wie ich war, bot die Widerstandsbewegung die Gelegenheit, sich zu engagieren.

Hatten Sie andererseits nicht das Gefühl,  in der Hippiegemeinschaft ein Leben in der Schwebe zu führen und den Kontakt zur Welt zu verlieren; dass das "wirkliche" Leben vielleicht an Ihnen vorbeigeht?
M.L.: Was für eine  "Wirklichkeit" meinen Sie? Im Film “Die Reifeprüfung” von 1967 gibt ein Älterer dem jungen Dustin Hoffmann einen Rat für die Zukunft: “Nur soviel: Plastik".  So vieles in der sogenannten modernen Welt ist Plastik: 

Wegwerf-Stifte aus Plastik, Plastik-Feuerzeuge, Plastik-Ehen –  Thoreaus “Walden,” E. F. Schumachers “Small is Beautiful,” Buckminster Fuller und sein Domzelt,  die amerikanischen Ureinwohner, sie alle präsentieren ein Leben, das genauso real war wie das mechanisierte, petrochemische, militärisch-industrialisierte Leben, dieses ständige Mit-der-Nachbarschaft-Schritt-halten, das rund um die Uhr von den Massenmedien vermarktet wurde und den Bach runterging. Es gibt Bäume und Steppen, sternenklare Nächte und einen Mond,  im Osten und Westen, im Norden und Süden. Daher würde ich behaupten, dass wir uns damals nicht aus der Welt um uns herausbewegten, sondern vielmehr in diese hinein.  Drei Jahre ohne Elektrizität, die ersten beiden in einem Domzelt, das dritte in einem Canvas-Zelt, da habe ich mir eine Widerstandskraft erworben und eine Wertschätzung für natürliche Schönheit erfahren, die mir seither Tag und Nacht dienlich war. Feuer zu machen, um es warm zu haben, statt auf einen Schalter zu drücken. Sich die Jahreszeiten nicht nur aus dem Fenster anzuschauen, sondern sie wirklich zu riechen. Sich von den eigenen Gedanken unterhalten zu lassen, ohne sich vom weißen Rauschen einer überladenen Welt ablenken zu lassen. Gemeinschaft auf einer Ebene, wo das gesprochene Wort wieder zählt.  Diese Erfahrungen fühlten sich so wirklich an, wirklicher geht's nicht. Meine Sommer verbringe ich immer noch in einem Steinhaus ohne Stromanschluss, in einem Olivenhain in Spanien. Ich möchte da natürlich nicht immer wohnen, aber ohne das geht's für mich auch nicht.

Haben Sie damit eine Wirklichkeit erfahren, die heutzutage in vielerlei Hinsicht verloren gegangen ist?
M.L.: Wir haben uns die Wirklichkeit ausgesucht, die wir damals wollten und brauchten. Die Uhr zurückstellen, um das Kind in sich wiederzuentdecken, indem man Ernst und Spiel mischt. Jeder, der dies liest, hat seine Wirklichkeit bis zu einem gewissen Grad selbst gewählt. Diese Laufbahn anstatt einer anderen, an genau diesem Ort zu leben und nicht anderswo. Jeder Tag bringt Weggabelungen mit sich. Wie Robert Frost so schön gesagt hat, wir haben jene Abzweigung genommen, die nicht so frequentiert war. Das war interessant und hat Spaß gemacht. Auf Neil Young zu treffen, auf dem kleinen Markt an irgendeiner Ecke des "Skyline"-Viertels. Jerry Garcia fährt vorbei in einem kleinen roten MG – er sah aus wie eine bunte M&M-Schokolinse, die man in dieses kleine Ding reingestopft hatte. Alan Ginsberg führt sein weißes Hündchen aus. Ich habe ihm zugerufen: “Ich liebe dich, Alan!”. Er rief zurück: “Ich dich doch auch!". Ken Keseys "Merry Pranksters" aus La Honda,   Pancho stopft Butter in sich rein als wär's Käse.  Um auf die Gewaltlosigkeit zurückzukommen, wir folgten Martin Luther Kings berühmtem Wort, "den Bogen des moralischen Universums in Richtung Gerechtigkeit spannen".  Frieden und  Liebe sind keine schlechten Pfade, die man wirklich beschreiten kann. Das war groovy.

1984/85 haben Sie Ihren ersten Roman "Nichts ist mehr für die Ewigkeit" verfasst, der in dem kleinen Fischerdorf La Herradura in Südspanien angesiedelt ist. Der Text handelt von einer Familie im Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne.  Die Familie steht vor der Entscheidung, entweder zu bleiben oder ihre Farm an eine Immobilienfirma zu verkaufen. 1999 wurde der Roman in Cadaqués veröffentlicht, und  2013 kam die deutsche Fassung in Berlin heraus. Wie fühlt sich für Sie Ihr Text jetzt an, nach einem so langen Zeitraum von 40 Jahren?
M.L.: Dieses eine Jahr, das ich mit dem Schreiben zugebracht hatte, als ich in ebendiesem Dorf lebte, war im Grunde nichts anderes als die natürliche Fortsetzung meines Lebens zuvor,  in der Hippie-Community "The Land". Nochmal zurück zur Natur. Ein Ziegenhirt führte seine Ziegen jeden Morgen und Abend am Haus vorbei. Von meinem Balkon aus konnte ich die Fischer beim Netzeflicken am Strand beobachten. Ich joggte damals, und nahm jeden Morgen den alten Ziegenpfad, den die Mauren in die Felsen gehauen hatten. Da war auf einem Felsen eine alte Steinruine, und ich fragte mich, warum jemand überhaupt einen so schönen  Ort verlassen würde. Und da spielt meine Geschichte. Denn von dort aus, wenn man ins Weite schaute, konnte man von fern Kräne sehen, und Bulldozer setzten Eigentumswohnungen und Hotels dort hinein, die vormalige Lebensstile hinwegfegten. Das machte mich betroffen. Daher entschloss ich mich,  diese Veränderungen festzuhalten. Dieser rasante Wandel ist natürlich immer schon da gewesen. Autos statt Pferdedroschken, statt Feuer elektrisches Licht. Heutzutage ersetzt das Smartphone den direkten menschlichen Kontakt,  die Maschine wird unser Freund. Ich glaube, diese Geschichte wird von Tag zu Tag wichtiger.

In Ihrem Lebenslauf bin ich auf eine andere wichtige Jahreszahl gestoßen: 1998 haben Sie das "Safe Haven - Museum"  in Oswego, New York, mitbegründet.  Dessen Mission:  die Nachverfolgung der Fluchtgeschichte einer Gruppe von 982 Juden, die während des 2. Weltkriegs Zuflucht in Amerika fanden, darunter Ihre Tante Mira, Ihre Großeltern Otto und Ruza, und Ihr Vater, Ivo Lederer. 2023 wurde Ihr Stück "Gelegenheitsgepäck" am  English Theatre Berlin aufgeführt. Die Amerikanische Botschaft in Berlin hat es in ihr Literaturprogramm aufgenommen. Das Thema passt zur Fluchtgeschichte Ihrer Familie. Könnten Sie uns etwas über diese Flucht erzählen?
M.L.:  Mein Vater, seine Eltern, seine Schwester und weitere Flüchtlinge an Bord dieses Schiffes waren  die einzigen jüdischen Flüchtlinge, die während des Krieges in die Vereinigten Staaten gebracht wurden. Sie wurden dann hinter Stacheldraht interniert, in einem alten Militärcamp im Bundesstaat New York bis zum Kriegsende, weil die Regierung in Wahrheit keine jüdischen Flüchtlinge hereinlassen wollte. Das war eine bezeichnende Geste um der Publicity willen, und meine Familie hatte unglaubliches Glück, dass sie dabei war. Sie wurden nicht als Einwanderer anerkannt, doch sie trugen buchstäblich Schildchen um den Hals, die sie als “Gelegenheitsgepäck des US-Militärs" auswiesen. Nach dem Krieg gewährte Präsident Truman den 982 Flüchtlingen das Bleiberecht. Bald danach wurde ich 1956 geboren, gut gewindelt und mit einem amerikanischen Pass.

Wann hatten Sie mit der Abfassung des Stücks begonnen?
M.L.: Das war 2019, als ich von einer mit dem Tony Award ausgezeichneten Broadway-Produktionsfirma, Latitude Link, damit beauftragt worden war. Aber dann kam Corona, die Theater machten dicht und die Firma zog sich aus dem Projekt zurück. Das Stück zu schreiben war mir ein sehr persönliches Anliegen. Ich kam nicht darüber hinweg, dass es, bei all dem Glück, das ich selber hatte,  nahezu unmöglich war, die Verzweiflung und dann  später auch die Erleichterung seitens meiner Familie zu verstehen, und schon gar nicht das Leid der Vielen, die es nicht so gut getroffen hatten. Ich suchte Auschwitz auf, um für mich selber mehr Klarheit zu bekommen. Aber selbst da, in dieser Hölle,  kam mir bei jedem Schritt, den ich tat, zu Bewusstsein, dass ich aus freien Stücken dort war. Danach warteten ein warmes Essen und die kurze Rückfahrt zum Hotel auf mich. Deshalb dreht es sich in meinem Theaterstück auch um die Frage, wie schwer es für die Folgegeneration ist, die Angst und den Hass zu verstehen, wie wir dies von unseren Eltern und Großeltern vermittelt bekommen hatten, ohne dass wir dies am eigenen Leib erfahren hatten. Das Gleiche gilt für die in den Zeitungen berichtete Misere all der anderen, diesen Familien von "men and women",  – "Wankind", wie ich uns nenne. Ich hoffe wirklich, dass das Bewusstsein dieser Kluft dabei hilft, sie zu verringern. Das Museum in Oswego auf dem alten Armee-Areal, wo die Flüchtlinge festgesetzt waren, eignet sich ganz besonders für ein vertieftes Verständnis. Es waren nur 982. Unglaublich.