In kosmopolitischer Tradition

Martina Pfeiffer

Über Maria Cecilia Barbetta und das Schreiben in der Fremdsprache

Was mag LiteratInnen von Weltrang dazu bewogen haben, nicht in der Muttersprache zu schreiben, sondern vielmehr in einer Fremdsprache? Zu ihnen zählen Joseph Conrad und  Vladimir Nabokov, Elias Canetti, Milan Kundera, Eugène Ionesco und Samuel Beckett.  Lassen wir zwei unserer Zeitgenossen auf die Frage antworten, warum sie nicht in der Sprache schreiben, die sie als Kind im Herkunftsland lernten: Yoko Tawada und Abbas Khider. Die 1982 aus Tokyo nach Hamburg gezogene Literaturwissenschaftlerin veröffentlichte erstmals 1986  auf Deutsch. Im Interview mit der FAZ (faz.net 2/2020) findet sie originelle Worte. In der Fremdsprache habe man so etwas wie einen „Heftklammerentferner“.  Dieser entferne alles, was in der Muttersprache aneinander geheftet sei – bestimmte Gedanken an immer dieselben Worte. Durch diese Loslösung von Festverklammertem kann sich spielerische Freude an der Sprache entwickeln. Abbas Khider war im Irak politischer Häftling. Er lebt seit 2000 in Deutschland und schrieb alle seine bisherigen Romane auf Deutsch. Niederdrückende Erlebnisse im Herkunftsland können bewirken, so Khider gegenüber dem Goethe-Institut, dass man das Bedürfnis nach einer anderen Sprache habe, einer „neuen Zunge“, durch die man zu schreiben imstande ist, was sich zuvor verwehrte. Yoko Tawada und Abbas Khider leben und arbeiten in Berlin.

Auch Maria Cecilia Barbetta, aus Argentinien stammend und 1996 nach Berlin übergesiedelt, gehört zu jenen Autorinnen und Autoren, die in Deutschland leben und auf Deutsch schreiben. Sie alle verortet Walter Schmitz in seiner Rede zur Verleihung des Chamisso-Preises/Hellerau an Maria Cecilia Barbetta  (2019) in einer kosmopolitischen Tradition. Ihre Bücher bilden, so Schmitz, die Koordinaten einer Literatur der Vielfalt. In ihrer Dankesrede anlässlich der Preisverleihung verdeutlicht Barbetta, dass sie an Sprache und Literatur das „phantasmagorische Verfahren“ schätze, bei dem man „an zwei Orten zugleich oder an einem daraus resultierenden dritten Schauplatz“ sein könne. Sie setze das Verfahren ein, um totalitäre Denkstrukturen und Machtansprüche zu durchkreuzen. Damit  bietet die Autorin zugleich jeglichem Nationalismus die Stirn. Als sie im Internet auf dem T-Shirt eines AfD-Sympathisanten liest: „Unsere Sprache ist Deutsch“, das Wort „unsere“ unterstrichen, versetzt ihr das einen Stich ins Herz. „Ich dachte: Meine Sprache ist es auch“, sagt sie gegenüber Anne Ameri-Siemens der FAZ („Freiheit aushalten“, faz.net 9/2018) und formuliert ihr Bekenntnis zur deutschen Sprache: „Die deutsche Sprache ist mein Schutzraum. Sie gibt mir die Chance mir eine Welt anzueignen, die ich mit 22 Jahren verlassen habe.“ Das Ausmaß der Militärdiktatur in Argentinien – 30.000 Tote und Verschwundene, wie später bekannt wurde – war ihr als Kind und Jugendliche noch nicht bewusst. Weil ihr das, was sie in ihren Romanen schildert, sehr nahe geht, könne sie durch das Schreiben auf Deutsch Distanz aufbauen zu dem, was sie erzählen möchte. Diese Distanz habe es ihr überhaupt erst möglich gemacht, zu schreiben.

Zwei Romane in deutscher Sprache hat die gebürtige Argentinierin, geboren 1972 in Buneos Aires,  bislang vorgelegt. In „Änderungsschneiderei Los Milagros“ (2008) hat die junge Schneiderin Mariana Nalo, eine argentinische „Amélie“, den Auftrag, das Hochzeitskleid für die gleichaltrige Lehrerin Analia Morán zu fertigen. Mariana hat sich in ihre eigene wunderbare Welt einer gut gehenden Schneiderwerkstatt, eingesponnen. Mit diesem Roman bezieht sich Barbetta auf den Magischen Realismus argentinischer Autor­Innen wie Jorge Luis Borges, Sylvina Ocampo oder Julio Cortázar. Das weiße Kaninchen aus Lewis Carrols „Alice im Wunderland“ hoppelt durch das Buch und hinterlässt seine fantastischen Spuren. Für ihren Romanerstling erhielt Barbetta den Aspekte-Literaturpreis.

Barbettas zweiter Roman „Nachtleuchten“ spielt 1974/75 in Buenos Aires, im quirligen Einwandererviertel Ballester,  am Vorabend eines politischen Umsturzes – ohne dass die politischen Ereignisse direkt ins Geschehen eingebunden werden. Barbetta ist selbst in Ballester aufgewachsen und besuchte dort die deutsche Schule. Ihr Roman bietet somit authentisch erlebte Atmosphäre. Es geht Barbetta darum, wie die politische Dimension in den Alltag der Menschen aus verschiedenen Bevölkerungsschichten hineinwirkt. Ihr ist daran gelegen, die Stimmung und die leisen Zwischentöne, die Angst und die Unsicherheit angesichts der Geschehnisse einzufangen. In einem überbordenden Erzählstil macht die Autorin ihre Leserschaft mit Teresa und den Kameradinnen ihrer katholischen Mädchenschule, mit dem Friseur Celio und dem Salon „Ewige Schönheit“ sowie  mit Julio und seiner Mechanikertruppe in der Autowerkstatt „Autopia“ bekannt – mit deren Aberglauben, Macken, Sehnsüchten und Vorstellungen von einer besseren Welt. Barbetta lässt ihre Figuren in lockerer Form und umgangssprachlicher Färbung Überlegungen über das „Kommunistische Manifest“ anstellen. Und manches andere, Triviales und Bildungsgut in bunter Mischung, findet Eingang in die Romanwelt: Abba-Hits und das Musical „Hair“ genauso wie der „Bolero“ von Ravel und Schumanns „Geistervariationen“; Einlassungen über die Maler Kandinsky, Malewitsch und Kupka finden sich ebenso wie Bezugnahmen auf populäre Film- und Showgrößen, namentlich den Actionhelden Clint Eastwood und Tanz-Ikone ­Isadora Duncan; Gedanken über den Romancier Victor Hugo sowie Verweise auf die Schauer- und Kriminalliteratur, u. a. auf die Autoren Horace Walpole, Arthur Conan Doyle und Edgar Allen Poe, dürften nicht nur die literarisch Beschlagenen ansprechen. Das Werk nimmt mit auf einen animierten, streckenweise atemberaubenden Streifzug durch die Hoch- und Populärkultur in ihren vielfältigen Facetten. „Nachtleuchten“ gibt der Fabulierlust der Autorin reichlich Raum. Der 2018 erschienene Roman wurde mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet.

Die Lesung mit Maria Cecilia Barbetta findet am 05. September um 19:00 Uhr in der Kulturbundgalerie statt.

 

Archiv