Lyrik zum Hinhören und Aufhorchen
Dichtkunst mal ...: Spoken Word & Poetry Slam

Vom Chicagoer Nachtleben, den Bars mit Jazz- und Blues-Livemusik, fühlte sich Marc Kelly Smith angezogen. Gleichzeitig galt sein Interesse Literaturlesungen an Universitäten und in Buchhandlungen. Ab 1985 hielt der ehemalige Bauarbeiter in Chicago seine ersten Poesielesungen ab und veranstaltete Open Mikes. Poetry-Performance stand dabei im Mittelpunkt. Die Wirkung primär über das Wort. Zwischenrufe aus dem Publikum erwünscht. Das neue Kulturformat des Slam, bei dem eine Stimmung wie in einer Jazzsession sein durfte, war Smiths Gegenentwurf zu akademischen "Wasserglas-Lesungen". Das englische "slam" bedeutet "kräftiger Hieb" oder "Schlag", "einen Volltreffer landen", "schmettern". Man kennt den Begriff aus Sportarten wie dem amerikanischen Baseball. In Berlin wurde ab 1992 regelmäßig geslammt. Im "Ex´n' Pop ", im "Tresor", im "Tränenpalast" und im "Maria am Ostbahnhof." 1999 dann der Einzug ins "Bastard@Prater" der Volksbühne. Weitere Austragungsorte von Slam-Wettkämpfen: das "Scheinbar Varieté" in Berlin Schöneberg und "Rosi's" in Friedrichshain. Was "Spoken Word" betrifft: Diese Dichtung, mit der eigenen Intonation und Satzmelodie, der rhythmischen Strukturierung und den kalkulierten Wort- und Satzakzenten entfaltet erst im publikumsbezogenen Vortrag ihre volle Wirkung. Sie wird z.B. auf Lesebühnen und bei Poetry Slams performt. Wir hören genau hin bei den Gedichtvorträgen von Miedya Mahmodund Tabea Farnbacher. Yannick Steinkellner trat mit seinem Gedicht "Wie sie mir gesagt haben" beim Slam22 live im Wiener Burgtheater auf. Im Interview: Tabea Farnbacher und Yannick Steinkellner
Mittlerweile gibt es Einiges an Literatur zur Slam-Poetry. Da liest man beispielsweise, dass damit, zumindest partiell, die kulturelle Selbstvergewisserung von gesellschaftlichen Underdogs, Randgruppen und Minderheiten gelungen ist. Die Slammer setz(t)en statt auf die sogenannte Hochkultur und die als korrumpiert empfundene Kulturindustrie auf zeitgemäße und authentische Inhalte. Der Ellenbogenmentalität und der sozialdarwinistischen Idee des "Survival of the Fittest" stand ein Teil der Slammer von Anfang an kritisch gegenüber. Die Überzeugung, dass der Stärkere das Recht dazu hat, in der sozialen Interaktion als Sieger hervorzugehen und andere zu unterjochen – das kennen wir doch hinlänglich auch aus unserer Gesellschaft, oder?
Yannick: Ja. Wobei ich nicht sagen würde, dass alle Slam Poet*innen der Ellenbogenmentalität von Anfang an kritisch gegenüberstehen […] Ich habe nicht das Gefühl, dass der Poetry Slam stets auf der Höhe der Zeit ist. Aber wenn “die sogenannte Hochkultur” und “eine als korrumpiert empfundene Kulturindustrie” die Vergleichswerte sind, dann ist es natürlich nicht schwer, “edgy” und “on point” zu sein […] Finden Sie wirklich, dass die kulturelle Selbstvergewisserung gelingt? Das wäre aus meiner Sicht gerade in der deutschsprachigen Poetry Slam-Szene durchaus diskutierenswert.
Tabea: […] Poetry Slam ist ein Veranstaltungsformat – wie eine Lesung, oder wie ein Konzert. Ob die Bühne offen für alle oder nur für Geladene ist, ob sie in einer Kneipe oder einem Opernhaus steht, ob die Auftretende auch fürs Jahrbuch der Lyrik schreibt, das hängt von der jeweiligen Veranstaltung ab. Manche Menschen treten mit politischer Botschaft auf die Bühne, manche betrunken als Mutprobe. Die Slam-Szene ist Teil der Gesellschaft und Teil der gleichen diskriminierenden Strukturen. Es gibt allerdings eine gute Vernetzung untereinander, die ich als sehr besonders empfinde. Das macht Veränderung möglich.
Ihr Gedichtvortrag "Die Wasser" lässt aufhorchen, Tabea. Sie nehmen Ihr Publikum mit auf eine Hör-Reise zu den Ursprüngen des Lebens – mit poetischer Eindringlichkeit, durch die Sie die elementare Wucht des Schöpfungsaktes, geheimnisdurchwirkt, versinnlichen. Bemerkenswert ist, dass Sie Ihr Gedicht an einem weiblichen Schöpfungsmythos festmachen. Welche besondere Wirkung entfaltet für "Spoken Word" die Göttin Nammu im Gedicht, mit den ihr innewohnenden Kräften?
Die Geschichte von Nammus Schöpfung habe ich an einen sumerischen Schöpfungsmythos angelehnt. Nammu wirkt auf den ersten Blick freigiebig: Sie träumt von einem lebendigen Wasserreich und ist bereit, sich dafür in viele Formen des Wassers zu teilen. Sie ermöglicht das Entstehen von Leben an Land, weil sie "sich selbst als Horizont zu klein" findet. Sie hat aber noch eine andere Facette: Sie wird von der Göttin zur Königin, trägt eine Krone, ihr "Reich ist das Ende der Farbherrschaft Blau". Nammu hat eine machtstrebende, vielleicht sogar machtliebende Seite. Je nachdem, ob diese Passagen träumerisch oder eitel gesprochen werden, erhält Nammu eine andere Akzentuierung.
Was erfahren wir durch Ihren Schöpfungsmythos über das Verhältnis Mensch-Natur-Kosmos?
Durch die Aufteilung in verschiedene Formen des Wassers und der Lebensformen mit eigenen Sehnsüchten entstehen Konflikte, aber auch Lebendigkeit. Der Text spiegelt Fragen wieder, die ich mir selbst stelle. Nammu erschafft einen lebendigen Ozean und Lebensvielfalt - ist sie deshalb verantwortlich dafür, was ihre menschlichen Meereskinder später tun? Die Menschen verschmutzen die Meere - ist es deshalb gerechtfertigt, dass die Wasser sich sintflutartig zusammenschließen und sie ertränken?
Yannick, Ihr Slam-Gedicht "Wie sie mir gesagt haben" hat, so wie ich es lese, sehr viel mit den Knebeln durch Fremdbestimmung und mit dem Durchbruch zur Eigenständigkeit zu tun. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie damit beim SLAM22 im Wiener Burgtheater auftraten? Was kam Ihnen in den Sinn, als der Applaus aufbrauste?
Yannick: Das Burgtheater ist für mich Synonym für all die hermetisch abgeriegelten, abgehobenen Orte voller hochnäsiger Akademiker*innen, die sich gegenseitig als wichtigste Vertreter*innen ihrer Kultursparten titulieren und in ihren Parallelgesellschaften am realen Leben der Vielen vorbeileben. Mir diese fünf Minuten für meine eigenen Inhalte auf dieser Bühne erarbeitet zu haben, bedeutete mir unbeschreiblich viel. In einem Raum zu sprechen, wo sonst (wenn überhaupt) über Menschen meiner Herkunft und Klasse geredet wird und nicht mit ihnen. […] Der Poetry Slam hat sich die Bühne im Burgtheater selbst ermöglicht und bezahlt und dadurch konnte ich mir diesen Auftritt erarbeiten. Von der sogenannten Hochkultur hat niemand etwas dazu beigetragen. Hier sehe ich Parallelen zur heimischen Politiklandschaft, denn auch dort wird zwar viel “vom kleinen Mann” und “der hart arbeitenden Bevölkerung” geredet, es wird aber kaum etwas Konkretes getan, um Verhältnisse zu verbessern, sich für Menschen ohne Lobby tatsächlich einzusetzen. Viel eher wird der Zugang zu Sozialhilfen, zu Arbeitslosengeld, oder eben die Teilhabe am kulturellen Leben erschwert und so verlieren sich die sogenannte Hochkultur und die heimische Politik in derselben heißen Luft der Untätigkeit, die sie in ihren Burgtheatern und Parlamenten produzieren. Mit diesem Text habe ich mich freigeschrieben von dem, was immer gesagt wird, aber nie gemeint. Durch diesen Auftritt habe ich mich frei gefühlt. Als ich von der Bühne kam, dachte ich: “Ein Glück, dass ich den Text fehlerfrei und mit der richtigen Intensität vorgelesen habe.” Hoffentlich konnten ein paar Menschen meine Wut, meine Unzufriedenheit, meinen Schmerz und meine Inhalte fühlen und nachvollziehen.
Yannick

Yannick Steinkellner (*1992) wurde in Österreich geboren und lebt seit 2016 im Ruhrgebiet. Er gewann den Poetry Slam Landesmeistertitel von Steiermark & Kärnten 2015 und stand im gesamten deutschsprachigen Raum, Tschechien, Polen und Kroatien auf der Bühne. 2018 gründete er das Magazin "bühnen.texte". Im Herbst 2020 erschien sein erstes Buch für "die galerie" bei Lektora. 2021 belegte er gemeinsam mit Jule Weber den zweiten Platz bei den deutschsprachigen Meisterschaften im Team-Poetry Slam als "Lingitz & Puchert". 2022 erreichte er den fünften Platz bei den deutschsprachigen Meisterschaften im Wiener Burgtheater. Seit 2023 arbeitet er mit Lisa Pauline Wagner und Henrik Szanto am Literaturformat "Salon Gute Laune" und bietet seit 2020 mit dem "Slam Kollektiv" (www.slamkollektiv.at) Bühnen für Spoken Word- und Poetry
Slam-Künstler*innen im Raum Graz.
Wie sie mir gesagt haben
Yannick Steinkellner
Wie sie mir gesagt haben, ich solle endlich meine Beine benutzen.
Wie sie mir sagten, du hast dir den Hintern jetzt selber zu putzen.
Es is ein ewiges Lernen und
dass Stützräder genau das beim Fahren erschweren.
Wie sie mir sagten, dass mein Hamster im Himmel ist.
Und dass du als Mann nicht zeigst, wenn du traurig bist.
Wie sie meinten, dass es nun Zeit für den Ernst des Lebens wär’.
Aber wegen sowas muss man jetzt nicht unbedingt plärr’n.
Wie sie mich frugen, ob ich wohl brav noch immer nicht rauchte.
Und zu verstehen gaben, dass ich Mathe-Nachhilfe brauchte.
Wie sie mir sagten, dass das Wahlrecht ab 16 verpflichtet.
Und befahlen, dass die Wehrpflicht Wadln viere richtet.
Wie sie mir sagten: Nach dem Zivi wird eingeschrieben & glernt,
weil nur wer mitmacht, hat in dieser Gesellschaft sein’ Wert.
Wie sie mir sagten, dass zu viel Alkohol nicht gut für mich sei.
Und beim Familienfest gaben es mit 14 schon Wein.
Wie sie mir sagten, als Künstler wird man nur arm und ganz sicher nicht frei.
Und den Kopf schüttelten sie, ich blieb trotzdem dabei.
Bist du versichert? - haben sie immer gefragt.
Und “Haftpflicht” und “Steuern” wurde auch oft gesagt.
Wie sie mir sagten, Bua, was soll nur aus dir wer’n.
Und das Finanzielle wäre dann auch noch zu klär’n.
—
Wie sie mir sagte, dass sie sich jetzt trennen muss,
weil sie das nicht mehr erträgt.
Wie sie mir sagten, dass es sich auszahlt,
wenn man ein gebrochenes Herz überlebt.
Wie sie mich umarmten und selbst wenn’s schwierig war da waren,
wie die Freunde bis heute an mich geglaubt haben.
Nie haben sie gesagt: Oida, mach doch einfach was anders.
Meine schwersten drei Worte blieben trotzdem “Ich kann das!”
Wie sie sagten: "In Deutschland ist es anders, das werd ich schon sehen.”
Und: "In Österreich hätt’s das ganz sicher nicht geben.”
Wie sie mir sagten, ich bräuchte dieses und jenes Formular
und ein Stempel fehlt hier und eine Unterschrift da.
Wie sie in Behörden nur Stöcke in Speichen schmeißen
während wir Mauer um Mauer einreißen
werden gleich wieder fünf neue aufgebaut
Ich hab über die Jahre so viel Frust angestaut.
Wie sie uns die Grenzen des Machbaren zeigten.
Wie sie ständig nur sagten, befahlen und meinten:
Man bekommt im Leben nun mal nichts geschenkt.
Und: es ist oft besser, wenn man sich seinen Teil denkt.
—
Wie sie uns gesagt haben, es ist ernst und keine Kleinigkeit.
Es ist besser, wenn ihr alle zuhause bleibt.
Wie sie gesagt haben, dass sie eine Strategie überlegen.
Es wird für die Künstler genug Förderung geben.
Wie sie gesagt haben, eine richtige Strategie, ja, das wär schon richtig fein.
Und immer: Die nächsten Wochen werden entscheidend sein.
Wie sie uns sagten: Die Klimakrise braucht dringende Maßnahmen.
Wie sie uns sagten: Dass wir heuer wohl nicht genug Gas haben.
Wie sie uns sagten: Dass die Preise stark steigen.
Wie sie immer betonten: Das sind die heutigen Zeiten.
Wie ich hörte, sie haben eine Schülerin abgeschoben.
Wie ich hörte, sie haben ein Kind “nach Hause” geflogen.
Wie ich höre, im Mittelmeer kämpfen sie bis heute um ihr Leben.
Wie ich höre, es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen.
Ich lese vom gegenseitigen Versorgen und Postengeschiebe
Von Sand im Untersuchungsausschuss-Getriebe
Von Chat-Verläufen, die man sich nicht ausdenken kann
Ich liebe meinen Kanzler :) :) und der fickt unser Land.
—
Dort lachen ein paar Reiche von ihren Yachten.
Da tausend Leichen vom Massentierschlachten.
Und während Leute weltweit am Hochwasser sterben.
Gibt’s keine ordentlichen Steuern auf Erben.
Und die Wirtschaft liegt angeblich machtlos am Boden.
Die Löhne werden trotz Inflation nicht gehoben.
Und während die Bäcker in meiner Straße schließen,
lese ich vom Mangel an Privatjets zum Fliegen.
Sie müssen die Grenzen schützen, um mit unseren Werten ruhig zu schlafen
Kein Boot bekommt durch sie einen sicheren Hafen.
Gerade noch so über Wasser mit unser’n Köpfen,
streichen sie uns das Geld aus sozialeren Töpfen.
Wie sie gesagt haben, dass sie unser Vertrauen brauchen.
Wie sie gesagt haben, dass ihre Köpfe schon rauchen.
Wie sie gesagt haben, dass wir das schaffen.
Wie sie gesagt haben, dass sie irgendwas machen.
Wie sie gesagt haben, dass das nichts Persönliches sei.
Hey, wisst ihr wo ich herkomm? Da sitzt der Gürtel eng und die Schnalle ist tight.
Meine Mum hat geputzt, mein Dad is Taxi gefahren
und dann sagt mir ein Rich Kid, DIE müssen jetzt sparen?!
Von 8020 Graz bis hier auf diese Bühne zu geh’n
um als Arbeiterkind auf diesen Brettern zu steh’n
sich Gehör zu verschaffen vor vielen Leuten
das ist was Poetry Slam für mich bedeutet.
“Du kannst sein, was du willst”
ist was der Staat nie gemeint, nie gedacht, aber immer gesagt hat!
Dieses System sagt mir immer, dass ich so nicht geplant war:
Heute stehe ich vor euch im Burgtheater.
Es sind die schwersten Worte, aber ich fühl sie heut anders:
Mach, was du willst, denn ich glaub dran
du kannst das!