Martina Pfeiffer

Lassen Sie uns zum Nicht-Ort Utopia aufbrechen. Ach, werden Sie seufzend sagen, einen Nicht-Ort kann man doch gar nicht aufsuchen. Wenn wir, verehrte Skeptiker, aber die Anziehungskraft des Unmöglichen in uns spüren, dann kann das Nowhere im Handumdrehen zum „now here“ werden. Eben nicht ausgelagert in fremde Welten, nicht hinausgeschoben in Fernstzeiträume, sondern in greifbarer Nähe und deshalb gestaltbar, auch wenn es zunächst kein erfolgsträchtiges Unterfangen zu sein scheint.

„Warum nur, grübelte der Bauernbursche, hatte der Prophet nicht das Weideland gekauft, wo man Rinder grasen lassen könnte, Ziegen und Schafe? Warum diese Sandberge?
Der Bärtige blickte mit seinen blauen Augen über die Dünen und sprach: Dort werden Häuser stehen, werden Menschen leben, werden einmal Blumen, Bäume und Büsche wachsen.
Hier, in diesem Sand? Wo nur Salzwasser ist? Wie soll das gehen?“ 
Soweit ein Auszug aus Uwe Timms titelgebendem Beitrag im Essayband „Der Verrückte in den Dünen“ mit dem Untertitel: „Über Utopie und Literatur“.

 Der Reiz, das Wagnis des völlig Anderen einzugehen
Das hier vorgestellte utopische Bewusstsein ist ver-rückt, weil sich in ihm in der Tat etwas verrückt, verschoben hat. Kühn und beinahe maßlos wird das ganz Neue ins Auge gefasst.  Der Aufbruch ins völlig Andere birgt freilich die hohe Gefahr, Schiffbruch zu erleiden. Die Warnungen eines diplomierten Landwirts schlägt Carlos Gesell,  der vom Glauben an seine Visionen erfüllte Protagonist in Timms Essay, in den Wind. Dreitausend Kiefern setzt er in den Sand von Wanderdünen.  Prompt verschwinden die Setzlinge, nachdem Stürme über diese hinweggefegt sind. Und doch will der „Verrückte“ an keinem anderen Ort der Welt außer eben hier sein „weltliches Jerusalem“ bauen - im Diesseits ein friedliches Zusammenleben Gleichgesinnter verwirklichen. Die Regeln dafür?  Ein eigenwilliges Gemisch von Verboten und vermeintlichen Freiheiten. Eines Nachts vernimmt Carlos Gesell im Traum die Anweisung „Geh hin und bringe die Dünen durch Schwärze zum Stehen“ - eine Botschaft seines Vaters Silvio, wie er intuitiv  vermutet. Im Duktus des alttestamentarischen Gottes gesprochen. Der die Rolle eines Propheten annehmende Carlos  fackelt nicht lange,  bringt die Schwärze in Form von Teer herbei und teert, was das Zeug hält. Den Strand mit Teer zuzugießen – Kann das denn sein Ernst sein? So will er die Wanderdünen zum Stehen bringen. Der Wille bricht sich Bahn. Doch schon nach kurzer Zeit bilden sich Risse, die Teerschicht sinkt ab, wird bald ganz vom Dünensand geschluckt. Status quo ante? Nicht ganz. Der Teer ist nunmal drin im Sand, hält aber die Dünen nicht vom Wandern ab.

Das Prädikat „realistisch“ – kein Kriterium für die Utopie
Mit fortschreitender Lektüre lässt sich erkennen: Ob sie zur realistischen Umsetzung taugt, ist kein Kriterium für die Utopie. Die zukunftsgerichteten Ideen des "Verrückten in den Dünen", der das So-Sein nicht akzeptieren will und dagegen ankämpft, würde so mancher unter dem Aspekt des Hirngespinsts verbuchen. Als Chimäre. Und dennoch ist diese Utopie kein Märchen. Denn ihr wohnt die Tendenz zur Gestaltwerdung in der empirischen Welt inne. Und tatsächlich ist ja das Dorf „Villa Gesell“ auf der amtlichen Landkarte Argentiniens eingetragen. Es existiert. Man kann es sehen, erleben, sich darin aufhalten, sich seine eigene Meinung darüber bilden. Was aus der ursprünglichen Konzeption geworden ist, dazu später.

Ein Weiterer aus der Riege der Visionäre: Christoph Schlingensief – ein Traumtänzer?
Als Autorin der vorliegenden Betrachtung bemerke ich, wie meine Gedanken zu einem anderen Projekt wandern, das als Entwurf anfänglich ebenfalls viele für grillenhaft und unrealistisch hielten: Christoph Schlingensiefs Opernprojekt in Burkina Faso.  Dieser teils bewunderte, teils umstrittene Visionär plante ein Operndorf mit einem Festspielhaus als Herzstück, einer Schule, einem Gästehaus und einer Künstlerresidenz, einer Klinik, einem Café, einem Sportfeld und einem Brunnen. Auch eine „Opernrose“ will er dort züchten. Das alles ausgerechnet in der ausgedörrten afrikanischen Savanne. Er bzw. sein Team hat mit der Dürre zu kämpfen, dann auch wiederum mit der Regenzeit, mit Sandstürmen und Wirbelwinden. Genie oder Spinner? Für ihn selber ist das Projekt, so seine Aussage in dem ihm gewidmeten Filmporträt: „Das Knistern der Zeit“: „wie die Mondlandung“. Er stellt sich vor, dass Geo vielleicht einmal ein eigenes History-Heft über ihn macht. Ich frage mich, kommen sich die Hungrigen, mit einer Opern-Freikarte „abgespeist“, möglicherweise  verhöhnt vor? Wäre ihnen mit einer Wagenladung Reis nicht mehr geholfen als mit Wagnerarien? Oder mit Befähigungsstrategien, um  sich selbst zu versorgen, um autark zu werden? Schlingensief verweist auf die „Heilungskräfte der Kunst“. Ist das realistisch angesichts ausgemergelter Körper, zahnloser Münder und Scharen unterernährter Kinder? 

Andererseits: Kann die Kunst sozial Benachteiligten über den ästhetischen Genuss nicht vielleicht Wege aufzeigen, aus ihrer Not herauszufinden, sich zusammenzutun, um neue Antworten auf Armut und Hunger zu entwickeln? Heiner Müller hat von der Utopie gesagt, sie sei der Drang nach dem Unmöglichen. Wenn man das Unmögliche nicht verlange, werde der Bereich des Möglichen immer kleiner. 

Man mag zu Schlingensief stehen wie man will, seit der Grundsteinlegung 2010 scheint sich bei seinem Projekt manches getan zu haben.  Das Operndorf ist in die internationale Kulturarbeit, in soziale und Bildungsprojekte eingebunden. Es steht für partizipative Kunst und den postkolonialen Diskurs.

Der „Verrückte“ im Gewand des  „Propheten“
Doch nun zurück zu Uwe Timm. Weit davon entfernt, die Hagiographie des visionsstarken Argentiniers Carlos Gesell betreiben zu wollen, setzt er in seinem Essay deutliche Ironiesignale. Und so kommen zwangsläufig Zweifel auf an einer einhellig positiven Bewertung der Gestalt des „Verrückten in den Dünen“. Zu nennen wäre das Faktum, dass Carlos Gesell von seinem Gehilfen „Prophet“ genannt wird. Dies vielleicht darauf hindeutend, dass der Geschäftsmann in Jesuslatschen, der hier im Dünensand eine Stadt bauen will, zwischen gesellschaftlicher Utopie, Heilslehre und Scharlatanerie oszilliert? Darauf aus, seine Vision zu verwirklichen, und dabei Gutgläubige für seine Sache einzuwerben? Prophetengleich schart Gesell seine Jüngerschaft um sich. Das Wort „Gemeinde“ oder „Dorf“ habe er nicht im Kopf, sondern – eine besondere Fähigkeit des Propheten - vor Augen. Gleich an verschiedenen Stellen macht Timm die Utopie als Ersatz-Religion kenntlich. Der erste Gehilfe kehrt zu seinen Verwandten mit einem Erzählungsschatz zurück, „von dem noch die dritte Generation von altgläubigen Russlanddeutschen zehrte“. Sonja, Tochter von Silvio Gesell, vertritt die Lehre der Freiwirtschaft ihres ebenfalls prophetengleichen Vaters als alle gesellschaftlichen Konflikte lösende Wirtschaftsordnung „mit der tiefen Überzeugung einer religiös Erweckten.“ Ironieverdacht also beim Personenkult um Vater Silvio und Sohn Carlos und beim haarsträubenden Argumentationswirrwarr aus dem Mund Sonjas über Marktwirtschaft und Kapitalismus. 

Noch mehr Ironiesignale
Die Indizien mehren sich: Für die geplante Inangriffnahme von Carlos Gesells Vision fließen Bestechungsgelder. Die finanziellen Zuwendungen machen es auf wunderbare Weise möglich,  dass der Notar, der den Kaufvertrag der Dünen beglaubigen soll, Carlos Gesell nicht mehr, wie unmittelbar zuvor, einen „Verrückten“ nennt, sondern plötzlich umschwenkt und das prekäre Vorhaben ins  Philosophische wendet: des Menschen Wille sei sein Himmelreich. Dubios auch: Die Häuser mit verschachtelten Ziegeldächern in der Feriensiedlung von Villa Gesell sind mittlerweile zum Statussymbol geworden, je mehr Dachpartien sie aufweisen. Das hat ein gewisses Geschmäckle. Keine guten Zeichen für das soziale Gefüge im „irdischen Jerusalem“.

Eine unbeirrt aufs Utopische gerichtete Energie
Kein Alkohol, keine Drogen, kein Glücksspiel. So vom Begründer der Villa Gesell verfügt. Nun ja. Geworden ist daraus ein Ort, dessen Bewohnerschaft rein gar nichts von solchen Verboten hält. Uwe Timm stellt fest, es sei etwas Buntes, Vitales, Lebensfrohes daraus geworden. Ein Ort mit der Aura einer Goldgräberstadt. Die Lehre hieraus: Ein Utopiemodell, das die Emotionen der Menschen nicht mitbedenkt, wird immer Gefahr laufen, sich realiter ins Gegenteil zu verkehren, zu scheitern. Verblüffend, doch Carlos Gesell macht nicht den Eindruck eines Gescheiterten. Der Essayist hält Carlos, als er ihn in Argentinien persönlich kennenlernt, für zufrieden mit dem was entstanden ist. Auch wenn es dem ursprünglichen Plan zuwiderläuft.  Die aufs Utopische gerichtete Energie des betagten Carlos Gesell erweist sich als unversiegbar.   Er wolle, heißt es von ihm, schon bald Sumpfland erwerben und dieses trockenlegen, damit es für Menschen bewohnbar werde. Das sage sein Protagonist mit dem Blick des Tagträumers, fügt der Autor hinzu.

Am Ende kein Ende des Ringens mit den Widerständen
Das Denkmal des Stadtgründers am Eingang von „Villa Gesell“ – eine gewaltige Holzstatue, einem indianischen Totem nachempfunden, „etwas bunt und sehr groß“, ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen auf seinem Kopf sitzend  - erfüllt der Beschreibung nach nicht höchste künstlerische Ansprüche. Aber es setzt ein Ausrufezeichen. Als Denkmal für einen, der als „Verrückter in den Dünen“ Belustigung, Kopfschütteln und gewiss auch berechtigte Kritik hervorrief. Einer, der die Mühsal in der Auseinandersetzung mit dem Ideal nicht scheute. Einer, den die Widerstände geradezu auf groteske Weise anspornten. 

„Der Verrückte in den Dünen“ setzt sich, die Mittel der Literatur nutzend, mit einem aufs Utopische abzielenden Bewusstsein auseinander. Bei Uwe Timm sucht man vergeblich die griffigen und eindeutigen Antworten. Der mit der Utopie verbundene Wille und die Lust an der Veränderung erscheint in positivem Licht. Zugleich ist die satirische Stoßrichtung unverkennbar. 

Uwe Timm, Der Verrückte in den Dünen: Über Utopie und Literatur, Berlin: Kiepenheuer& Witsch, 2020.

Uwe Timm  *1940 in Hamburg geboren, gilt als einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. Er studierte u.a. in München Philosophie und Germanistik. „Das Problem der Absurdität bei Albert Camus“ war das Thema seiner Dissertation. Timm schreibt Prosa, Lyrik, Essays, Hörspiele und Drehbücher. 

1974 erschien sein Debütroman Heißer Sommer, in dem er die westdeutsche Studentenbewegung der 68er Generation thematisiert. 1979 erhielt er den Literaturpreis der Stadt Bremen für den Roman Morenga. Die Novelle Die Entdeckung der Currywurst (1993) gehört zu seinen bekanntesten Werken. Sie wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt und von Ulla Wagner verfilmt. 

1996 publizierte Timm den Roman Johannisnacht, 1999 den Erzählband Nicht morgen nicht gestern. 2001 kam sein Roman Rot heraus und Timm erhielt den Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, im Folgejahr den Literaturpreis der Landeshauptstadt München. 2003 erschien die autobiographische Erzählung Am Beispiel meines Bruders. Im gleichen Jahr wurden Uwe Timm zwei Preise verliehen: der Schubart-Literaturpreis und der Erich-Reger-Preis. Es folgten 2006 der Jakob-Wassermann-Literaturpreis und 2009 der Heinrich-Böll-Preis.

(Auswahl aus Uwe Timms umfangreichem Werk) 

Der Autor ist auch im Bereich der Jugendliteratur eine feste Größe.

Uwe Timm lebt mit seiner Familie in München und Berlin.