Mit seinem Debütroman "Lexi.exe" (Berlin 2024) über Künstlertum und über Liebe, Gefühle, Partnerschaft in Zeiten der Künstlichen Intelligenz greift Felix Kraus spannungsgeladene Themen auf.  In der Tat ist das, was wir "Wirklichkeit" nennen, durch die rapide Entwicklung der KI verwirrend komplex geworden, eben weil sie neue Realitätsebenen aufmacht. Den Durchblick im Begriffsdschungel des Virtuellen und das Verständnis, was wirklich dahintersteht und auch, was dies nach sich zieht, bekommt man nicht ohne die geistige Auseinandersetzung mit der digitalen Welt.  Die tragikomische Liebesgeschichte in "Lexi.exe" setzt das Nachdenken darüber in Gang, wie Liebe und KI zusammenpassen: Ab welcher Entwicklungsstufe der KI kann man bei ihr Gefühlsvermögen, Bewusstsein und Identität vermuten? Ist aus Fleisch und Blut zu sein, ein Kriterium für eine "Realität", die den Menschen über die artifizielle Intelligenz stellt? Ersetzt oder ist Simulation physische Erfahrung? Ist es irrwitzig, sich in einen digitalen Partner zu verlieben? Oder kann man mit ihm/ihr eine erfüllende Beziehung führen? Ähneln die Schöpfungen der KI ihrem Wesen nach dem Traum? Stellten Bücher durch ihre erfundenen Figuren immer schon "virtuelle" Realitäten dar? Was macht den Menschen so sicher, selber keine Simulation zu sein? 2007 hat Felix Kraus die fiktive Künstlergruppe "Swan Collective" ins Leben gerufen – mit ihr schreibt und malt er. Musik, Filme sowie VR- und AR-Experiences sind weitere Arbeitsschwerpunkte des Kollektivs. Ich begrüße Felix Kraus sehr herzlich und bin voller Neugier aufs Gespräch.

Lassen Sie uns mit einem Gedankenspiel anfangen: Wenn Sie Lexi van Dijk, die Protagonistin Ihres Romans daten könnten, was würden Sie bei diesem Date gerne ansprechen?
F.K.: Da steigen wir ja direkt mit meiner Achillesferse ein. Ich bin unvorstellbar schlecht im Daten und würde mir ähnlich schwer tun wie der Protagonist Sol, der sich so hoffnungslos in Lexi verliebt hat. Aber jetzt gehe ich mal davon aus, ich habe das erste Date hinter mir und die Magenkrämpfe sind verflogen. Ich würde relativ bald schon die Katze aus dem Sack lassen: Lexi, ich bin dein Autor!
Bloß, wie soll die arme Künstlerin denn darauf reagieren? Dieses unüberwindbare Machtgefälle ist ja ein direkter Spiegel zum Programmierer Sol, der – ebenso wie ich – Lexis Realität komplett im Griff hat. Das kann ja eigentlich nur schief gehen.
Lustigerweise war die erste Idee, die ich zu diesem Roman jemals festgehalten habe, folgende: »Eine Romanfigur tritt in direkten Kontakt mit ihrem Autoren.«
Aus der Simulation des geschriebenen Textes ist aber schnell die Simulation einer Künstlichen Intelligenz geworden. Das Gedankenspiel bleibt aber ein ähnliches.

Fabelhaft, dass Ihre erste Idee auch meine war, nämlich dass eine Romanfigur in persönlichen Kontakt mit ihrem Autor tritt. Sie sagen, Sie und Programmierer Sol haben Lexis Realität komplett im Griff. Das führt mich zur Frage nach der "Identität" von Lexi, von Identität überhaupt. Haben wir es in Ihrem Roman auch mit, wie man auf neudeutsch sagt, "floatenden" Identitäten zu tun? Wenn ja, inwiefern wird das durch den Cyberspace befördert?
F.K.: Die floatenden Identitäten sind wahrscheinlich eher meinem künstlerischen Konzept zu eigen. Denn ich verkörpere seit 17 Jahren als Felix Kraus das »Swan Collective«. Ein fiktives Künstler:innenkollektiv, das ich durch Performances und eine erdachte Vita zum Leben erwecke. Alle fünf Alter Egos bedienen ihre jeweilige Kunsttechnik, meine Ausstellungen sind das Ergebnis auf die selbstgestellte Frage: »Was passiert, wenn diese fünf unterschiedlichen Charaktere eine Gruppenausstellung vorbereiten? Oder ein Buch schreiben?«
Die Figuren in meinem Debütroman sind dagegen alles andere als floatend. Sowohl Lexi als auch Sol sind in ihrer jeweiligen Realität maximal gefangen in ihrem Körper und ihrer Identität. Wie gerne würde der schüchterne Sol beim Daten aus seiner Haut fahren, seine Hülle abstreifen und als souveräner Frauenflüsterer emporsteigen. Wie sehr wünscht sich Lexi van Dijk nach ihrem selbstverschuldeten Unfall, bei dem sie einen Influencer schwer verletzt, ihre Identität wechseln zu können. Einfach ihr schuldbehaftetes Ego hinter sich zu lassen und als geläuterte, schlichtere Existenz in der Natur ihr Glück zu finden. Es gibt leider nichts Schwierigeres.

Das Glück durch die Liebe zu finden erhoffen sich sehr viele Menschen. Die Liebe hat ja bei Gabriel Garcia Marquez schon die Zeiten der Cholera durchgestanden. Wird Amor auch aus den Zeiten der virtuellen Realität als Sieger hervorgehen?
F.K.: Die Liebe ist wohl DER rote Faden des Universums. Nichts ist ein so unerschütterliches Grundbedürfnis, nicht nur der Menschen, sondern der gesamten Natur. Klar übersteht sie Cholera, Corona, die Politik und auch die virtuelle Realität.
Aber es werden sich neue Spielformen dazugesellen. Stand jetzt hat ein großer Anteil der jugendlichen Weltbevölkerung KI-Freund:innen, mit denen geflirtet wird, denen sie Geheimnisse anvertrauen. Und diese KI-Chatbots kennen die Jugendlichen um einiges besser als die eigenen Eltern es jemals werden.
Ob dies einen negative Effekt für die Gesamtbilanz realer Liebe in der Welt bedeutet, ist noch nicht absehbar. Im besten Fall sind solche virtuellen Partner:innen das Sprungbrett in reflektierte, offenherzige und einvernehmliche echte Beziehungen; im schlimmsten Fall sind diese simulierten Erfahrungen derart perfekt, dass jede menschliche Interaktion im Kontrast verblasst und unbefriedigend bleibt.
In LEXI.exe geht es um die gleiche Kernfrage. Die Interaktion des Programmierers Sol mit der simulierten Künstlerin Lexi van Dijk verhandelt das Potenzial wahrhaftiger Gefühle zu »unechten« Entitäten, genau so wie umgekehrt auch das Gefühlsvermögen eines Algorithmus auf den Prüfstand gestellt wird.

Was den Menschen betrifft, denken Sie, dass eine durch Simulation erzeugte Umgebung und ein künstlich generiertes Lebensumfeld unsere authentische Erfahrung, auch als physische Lebewesen, in der realen Welt ersetzen kann?
F.K.: Dieses von Ihnen beschriebene Umfeld ist ja die Lebensrealität von Lexi. Nur weiß sie eben nichts davon – für sie ist das real. Es geht also gar nicht um das Ersetzen von körperlichen Erfahrungen, diese Simulation IST ihre körperliche Erfahrung. Der ganze Roman spiegelt im Prinzip genau das: Auch unsere Realität wird ja vom Universum simuliert, nur anstatt Einsen und Nullen zu verwenden, benutzt der Kosmos eben Atome. Wir Menschen müssen ja auch täglich dieses Paradoxum akzeptieren. Das Zusammenprallen immer und immer gleicher, kleinster Kügelchen resultiert in allem, was wir als real empfinden, in unseren Gedanken und Emotionen, Träumen und Ängsten.

VR, AR, Mixed Reality. Manche kennen sich bestens damit aus, für andere ist das ein einziger Begriffs-Dschungel. Würden Sie uns erklären, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt? Und worin liegen die besonderen Möglichkeiten dieser künstlichen "Realität"? 
F.K.: Erfahrungsgemäß sind wir diesen technischen Fortschritten in Deutschland eher skeptisch eingestellt. Das ist etwas schade, da diese neuen Ausdrucksformen in der Kultur die kreativen Ausdrucksmöglichkeiten enorm erweitern. Virtual Reality (VR) ermöglicht es dem Kunstschaffenden erstmals, sein Publikum komplett in seine Kunst einzuhüllen und die Werke sogar interaktiv erlebbar zu machen. Augmented Reality (AR) ist eine »Erweiterung« der Realität – heutzutage scannt man also mit seinem Handy oder einer Brille seine echte Umgebung und sieht darin virtuelle Inhalte verankert. Mixed Reality ist ein reiner Sammelbegriff für diese verschiedenen Techniken.
Ich als Künstler sehe großes Potenzial in der virtuellen Realität, abseits von Games und Chat-Anwendungen. VR ist als Technik das, was einem Traum am nächsten kommen kann. Und das fasziniert mich als langjähriger luzider Träumer sehr. Doch während mit einer VR-Brille die sensorischen Erlebnisse eindeutig zu kurz kommen, und daher echte Körpererfahrungen niemals ersetzt werden können, zeigt uns ein guter Traum, dass das gesamte menschliche Erlebnisspektrum vom Gehirn simuliert werden kann. Wie unglaublich ist das denn?

Geht das, was Sie mit AR und VR  beschreiben, in Richtung "Gesamtkunstwerk"?
F.K.: Virtual Reality ist für mich das ultimative Collagewerkzeug. Mit ihrer Neuentwicklung ab 2014 stellte es für mich die technische Antwort für mein Swan Collective dar, denn ich konnte in solch einer VR-Erfahrung sämtliche unterschiedliche Kunstpraktiken zu einem großen Ganzen vereinen. Im Gegensatz zur klischeehaften Annahme, eine VR-Erfahrung sei einfach nur »3D-Gaming«, kann ich in der Brille alles auftauchen lassen. Handgefertigte Skulpturen, Zeichnungen, analoge Musik, Texte, eingesprochene Gedichte – nichts MUSS aus der Virtualität entspringen, um am Ende in der Virtualität zu landen. Meine bisherigen VR-Arbeiten basieren zu 100% auf handgemalten Bildern, die ich zusammen mit lyrischen Voiceovers zu dichten, traumähnlichen Szenarien verwebe. Mein »Gesamtkunstwerk« kann also durchaus in VR stattfinden.
Je mehr ich allerdings schreibe, desto mehr werden mir die Analogien klar: Ein gutes Buch ist die ultimative virtuelle Realität.

Ihre Ansicht scheint sich mit der manch anderer Künstler zu treffen, z.B. mit der vom Videokünstler Herbert Wentscher.  Hat somit  jedes Kunstwerk tendenziell etwas von einer virtuellen Realität? Wenn man sich diese Logik zu eigen macht, dann war das schon immer so und was wir jetzt haben ist nichts Neues. Was sagen Sie dazu?
F.K.: Das passt vom Ansatz her zu meiner letzten Aussage, dass ein Buch auch eine virtuelle Realität darstellt. Natürlich kann man philosophische Bezüge und Überschneidungen zwischen den verschiedenen Medien herstellen. Aber strenggenommen bietet VR natürlich absolut neue Möglichkeiten. Das räumliche Einbeziehen des Körpers, die Interaktionsmöglichkeiten mit seinen Händen oder seiner Stimme, das ist eine noch nie dagewesene Erweiterung der klassischen Kunstpalette.   

Warum müssen wir geschriebene Texte durch zusätzliche Vermittlung, durch AR, VR und Film, erlebbar machen? Warum Sprachkunstwerke nicht einfach nur lesen und sie als "erlesene" Texte in unseren Köpfen weiterwirken lassen?
F.K.: Mein Roman steht vollkommen für sich, unabhängig aller anderen Techniken, die ich sonst bediene. Hier baut also das geschriebene Wort ganz autark eine Welt auf. Als Künstler empfinde ich aber eine tiefe Lust, den von mir geschaffenen Kosmos z. B. durch eine kostenlose Begleitapp zu erweitern. Beim Schreiben ist man mit Haut und Haaren vertieft in die eigene fiktive Welt, doch sobald das Buch gedruckt im Regal steht, verschließt sich das Portal zu dieser Welt auch wieder. Es wird etwas Starres, Versteinertes, etwas, das in der Vergangenheit stattfand. Meine App ist im Prinzip der Versuch, die Narration ins Hier und Jetzt zu holen. Wenn ich eine meiner Figuren Push-Nachrichten an die User versenden lasse, bringe ich die Fiktion in die Realität. Da findet dann etwas aus meinem Roman JETZT statt. In deiner Hosentasche. Wer spricht da zu dir? Eine erdachte Figur, der Autor, eine künstliche Intelligenz? Da erwacht für mich etwas zum Leben, was davor eher tot war.
Es ist also ein Angebot, nach Beenden des Buchs weiterhin Zeit mit dieser Welt zu verbringen. Oder auch mit mir als Autor. So habe ich eine Augmented-Reality-Lesung implementiert, wo der User meinen Avatar zu sich ins Wohnzimmer beamen kann.

Der Avatar im eigenen Wohnzimmer. Gruselig? Großartig? Verstehen Sie mit diesem background Jugendliche, die gedruckte Bücher als zopfig empfinden? Was könnte man den Verfechtern des rein "Technologieimaginären" entgegenhalten?
F.K.: Gibt es diese Verfechter:innen so explizit? Klar zocken manche Kids lieber Games anstatt zu lesen. Aber das war bei mir früher genau so. Ich bin ziemlich sicher, dass das Analoge immer seinen Reiz behalten wird, auch wenn es mehr »Konkurrenz« durch mediale Inhalte gibt. Ich selbst spüre gerade auch in der Kunst das intrinsische Bedürfnis, mich ganz klar abzugrenzen von den virtuellen Ästhetiken, von den KI-Algorithmen und Bildgeneratoren. Meine Kunstpraxis und auch die zusammen mit Bianca Kennedy (als kennedy+swan) legt großen Wert darauf, dass jeder virtuelle Pixel der finalen Arbeit in der Realität begründet liegt. So bauen wir Figuren und Modelle im Atelier, malen Bilder, die wir 3D-scannen und dann erst am Computer zu einem Video oder eine Experience verarbeiten. Auf diese Weise wirkt alles komplett handgemacht, und der Bezug zur echten Welt geht nicht verloren.

Auch mit dem Medium Film beschäftigen Sie sich, was mir von Ihrer Vita her bekannt ist. Der Franzose Jean Cocteau wusste Einiges über das Kino in Verbindung mit der Poesie zu sagen. Er meinte, der Film, den ein Dichter produziert, entspräche der Riesenauflage eines Buches dieses Dichters. Stimmen Sie ihm, was die mögliche Breitenwirkung betrifft, zu?

F.K.: Der Film als Medium kann bestimmt in kürzerer Zeit mehr Menschen erreichen. Doch lassen sich Filme auch schneller und oberflächlicher konsumieren. Ein Roman hat das Potenzial, einen stärkeren Eindruck zu hinterlassen. Er kann sich mehr im Unterbewusstsein manifestieren, was ihn eventuell »haltbarer« macht. Ich würde diese Medien nicht gegeinander ausspielen, auch wenn der Filmkonsum publikumstechnisch eventuell gewinnen mag.
Ich selbst bevorzuge beim Filmschaffen einen Mittelweg. Künstlerische Kurzfilme, die man durchaus als kleine Poesien betrachten kann. Meine/unsere traumähnlichen Szenarien versuchen auch das Unbewusste zu adressieren.
Beim Schreiben von LEXI.exe hatte ich ganz oft Filmszenen vor Augen. Das hat bei der Beschreibung von Schauplätzen und Abhandlungen geholfen. Manche Leser:innen empfanden den Roman auch als höchst verfilmbar, da sie sich die Szenen visuell sehr gut vorstellen konnten. So ganz kann man die Medien also wohl doch nicht immer trennen. Zumindest beeinflussen sie sich gegenseitig während ihrer Genese.

Beim Schreiben hatten Sie also Filmszenen vor Augen, das finde ich spannend. Daniel F. Galouyes 1964 erschienener Science Fiction-Roman "Simulacron-3", ich kenne die Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder mit dem Titel "Welt am Draht"(1973): Die simulierten Bewohner dieser künstlichen Welt sind selbst in der Lage, simulierte Welten und Bewohner zu kreieren, die wiederum selbst unbeirrt daran glauben, real zu sein und in der wirklichen Welt zu leben. Die Simulation der Simulation. Eine düstere Vision, die sich bald bewahrheiten könnte?
F.K.: Ungeachtet aller bekannten Sci-Fi-Visionen befinden wir uns tatsächlich in einer Zeit, in der wir uns als Menschheit die Frage stellen müssen, ob die von uns geschaffenen intelligenten Systeme ein Bewusstsein haben könnten. Die Antwort darauf wird im besten Fall philosophischer Natur sein, denn man wird niemals einem Algorithmus defacto ein Selbstbewusstsein attestieren können. Es ist ja nicht einmal möglich, einem anderen Menschen ein Bewusstsein nachweisen zu können. Wir schließen alle nur von uns selbst auf andere. Mehr können wir niemals mit Sicherheit wissen. Und jetzt diese spannende, diese beunruhigende Entwicklung, die sich da auf technischer Ebene gerade abspielt. Das lädt zwangsläufig zu diversen Gedankenspielen ein. Die Simulationshypothese des Philosophen Nick Bostrom besagt heruntergebrochen: es wird irgendwann perfekte Simulationen anderer Realitäten geben, die wiederum selbst eigene Simulationen erstellen werden, ad infinitum. Während es also nur eine (1) echte Realität gibt, wird es schier unendliche Simulationen geben. Die Wahrscheinlichkeit, selbst in der einzigen Wirklichkeit zu leben und nicht Teil einer solchen Simulation zu sein, geht mathematisch gegen null. Demnach ist es sehr wahrscheinlich, dass auch wir simuliert sind. Unabhängig davon, und das ist auch der zentrale Aspekt in meinem Buch, ist es fast nebensächlich, auf welcher »Wahrheit« unsere Existenz beruht. Wichtig ist nur, dass wir uns menschlich fühlen, dass wir Emotionen haben und subjektive Erfahrungen machen können. Lexi ist so gesehen genau so real wie Sol, auch wenn sich deren jeweiliges Realitätssubstrat zu unterscheiden scheint.

In unserer Gesellschaft sind Wokenness, Narrativbildung, soziale Ungerechtigkeit, Kriege in der Welt und der Klimawandel wichtige Themen. Treibt Sie das alles auch als Künstler um?
F.K.: Ganz klar befindet sich kein Kreativschaffender in einem Vakuum, und viele der angerissenen Inhalte werden auch in meinem Roman reflektiert. In Sols Welt hatte ich ja die Möglichkeit, die Entwicklungen unseres Status Quo in die Zukunft weiterzudenken. Diese Zeitebene ist für mich also ein Spiegel der aktuellen Geschehnisse. Wie geht die Genderdebatte weiter? Was passiert mit unserer Umwelt? Wie gehen wir langfristig mit selbst-bewussten KI-Systemen um?  Was macht ein universelles Grundeinkommen mit unserer Arbeitsmoral? Für all das versuche ich, in LEXI.exe Antworten zu finden.

Abschließend gefragt: Sie selbst befassen sich mit AR- und VR.  Bei Ihrer Leserschaft wollen Sie ein Problembewusstsein dafür anstoßen, aber auch für diese neuen "Realities"  begeistern. Was ist der Grund? Ist uns die Welt nicht mehr genug? Wo wird es für die Menschheit hingehen?
F.K.: Meine künstlerischen Exkurse in die Virtualität stellen für mich mitnichten »die Welt, wie sie ist« infrage. Im Gegenteil sind diese Möglichkeiten eine echte, ernstzunehmende Erweiterung für das menschliche Erfahrungsspektrum. So sehe ich auch die App zum Buch, die ich als künstlerische Arbeit verstehe. All dies sind Angebote für ein neugieriges, herzensoffenes Publikum, das vor der Zukunft nicht zurückschreckt, sondern sie aktiv mitgestalten möchte.
Momentan sind meine Prognosen für die Menschheit also recht positiv. Im Gegensatz zu vergangenem Jahr, als ich die KI-Entwicklung auf einer exponentiellen Kurve glaubte, die die Menschheit irgendwann überholen und obsolet machen könnte, halte ich nun diese anfängliche Furcht für den naiven Glauben an eine Art Perpetuum Mobile. Doch kein System kann mehr Energie generieren, als hineingesteckt wurde, und so wird vermutlich auch die beste KI immer nur so gut sein wie die Daten, die wir ihr zu fressen gegeben haben. 

Lieber Felix Kraus, haben Sie vielen Dank für die aufschlussreiche Unterhaltung. Ich kann mir gut vorstellen, dass die von Ihnen in "Lexi.exe" gestalteten und in unserem Gespräch erörterten Themen schon in naher Zukunft breitenwirksam verhandelt werden. Es war mir eine Freude, mich mit Ihnen auszutauschen. Ihnen und dem Swan Collective wünsche ich weiterhin alles Gute. Herzlichen Dank!

www.swancollective.com

Interviewerin: Martina Pfeiffer, September 2024