Anhaltspunkte für Verdachtsmomente
Pascal Mercier „Der Fluss der Zeit“
Buchbetrachtung von Martina Pfeiffer
Wenn wir sterben, ist nur ein winziger Teil des beträchtlichen Spektrums unserer individuellen Möglichkeiten verwirklicht. Was aber ist mit dem Rest?
Ist es wirklich etwas grundlegend Anderes, wenn wir uns von wohlmeinenden Menschen mit manipulativen Absichten beeinflussen lassen als wenn wir uns von übel Gesonnenen lenken lassen?
Können wir von einem freien Willen sprechen, wenn der frei geglaubte Wille von handfesten Gründen bestimmt ist?

Peter Bieri alias Pascal Mercier hat sowohl in seinem philosophischen Werk als auch in seinen Romanen außergewöhnliche Fragen wie die eingangs sinngemäß referierten gestellt. Hinter ihnen steckt kein standardisiertes Bewusstsein, keine an einem vorgegebenen Maß orientierte Perspektive. Mercier ist Normabweichler und eröffnet als solcher unerhörte Denkräume.
Der vorgestellte Autor ist aus voller Überzeugung Diener zweier Herren. Peter Bieri hat einschlägige philosophische Arbeiten abgefasst. Als seine Hauptwerke gelten hier Das Handwerk der Freiheit (2001) und Eine Art zu leben (2013). Als Pascal Mercier hat er Belletristik vorgelegt, darunter vielbeachtete Romane wie Perlmanns Schweigen (1995) Der Klavierstimmer (1998), Das Gewicht der Worte (2020), Nachtzug nach Lissabon (2004). Nachtzug nach Lissabon in der Verfilmung mit Jeremy Irons und mit Bruno Ganz, Martina Gedeck, Charlotte Rampling, Lena Olin und Christopher Lee war eines der Kinoereignisse des Jahres 2013.
Der Fluss der Zeit ist 2026 posthum aus dem erzählerischen Nachlass von Pascal Mercier beim Carl Hanser Verlag München erschienen. Der Titel des 105-seitigen Bandes mit fünf Prosastücken ist zwar stimmig, insofern als jede der Kurzgeschichten reichlich Stichwörter zum Oberthema Zeit liefert. Doch Pascal Mercier wäre nicht Mercier, wenn es ihm allein um das ginge, was nur allzu klar auf der Hand liegt. Seine Kurzgeschichten verzeichnen das unausgesprochen im Raum Schwebende und lassen es mit den Mitteln der Evokation anklingen. Versteckt in jeder der Erzählungen vorhanden: das Motiv des Verdachts.
In der den Erzählband eröffnenden Geschichte „Die Übergabe“ übergibt Karl Prager sein Wohnhaus einem jüngeren Käuferehepaar. Tatsächlich geht es gleich mit einer Zeitangabe los: „Wir waren um 12 Uhr Mittags verabredet und klingelten“. Erzählt wird aus der Sicht des männlichen Käufer-Parts. Der bisherige Hausbesitzer Prager erfindet eine ganze Reihe von Vorwänden, um sich nicht endgültig von seinem Eigentum verabschieden und das Haus in die Hände der Kaufinteressenten geben zu müssen. Wohl ein halbes Dutzend Mal verlässt er das Gebäude, um dann doch wieder zurückzukommen. Prager - „zerstörerisch“ oder „liebevoll“, was trifft eigentlich auf ihn zu?
Das Käuferduo und auch wir Lesende sind hin- und hergerissen zwischen Mitgefühl und Argwohn. Anna hat Alpträume Karl Prager und das Haus betreffend. Ein böses Omen? Ist Misstrauen oder Mitgefühl des Käuferdoppels für Prager angebracht? Je nachdem, für welche Variante wir uns entscheiden, markiert der Schluss der Geschichte ein Ende, das an die Figur des Goldschmieds Cardillac bei E.T.A. Hoffmann erinnert. Cardillac ist immerhin bereit zu morden, um wieder an seinen vormaligen Besitz zu kommen. Je nachdem welche interpretative Richtung der Leser einschlägt, wäre auch ein maliziöses Roald-Dahl-Ende vorstellbar. Sucht Prager mit dem abschließenden Pfeifenwurf ins Gebüsch nur einen weiteren Vorwand, um nochmals in sein einstiges Eigentum zurückzukommen? Oder fackelt er - Versehen oder Vorsatz? - vermittels der womöglich glimmenden Tabakspfeife das Haus der neuen Eigentümer rigoros ab? Hat Anna mit ihren Alpträumen Recht und den beiden Neueigentümern geht ein Licht auf, wenn der Erzähler die bedeutungsgeladenen Worte spricht: „Die Pfeife, sagte ich, wenn er nur die Pfeife nicht weggeworfen hätte“? Das zuvor angerissene Streichholz und das Anstecken des Raucherutensils jedenfalls nährt den Verdacht, dass Prager dieses brennend weggeworfen hat. 99 Jahre war das Haus im Besitz von Pragers Vorfahren – auffällig die doppelte Verwendung der geburtssymbolischen Ziffer. Evoziert die Doppelung der Geburtsziffer das Enddatum des Hauses, weil es dieses nach der vollzogenen Übergabe in Kürze nicht mehr geben wird? Oder ist unsere Phantasie einfach nur ein wenig überhitzt?
Die zweite Geschichte „Die Wohnung“: Der Pianist Luca hat sich, wie er selbst vorgibt, aufgrund eines Fahrradsturzes unglücklich die Hand verletzt. Will er nunmehr durch den mit Gaze umwickelten Mittelfinger, der sein virtuoses Klavierspiel verhindert, Mitleid heischen? Die Gönnerschaft eines reichen Paares auf sich ziehen? Ist es möglich, dass er sich seine Hand nicht einfach umwickelt hat, damit das Paar einer Vortäuschung auf den Leim geht und er von dessen Mitgefühl profitieren kann? Und dann aus Lucas Mund noch die Geschichte von seinem Ärger mit der Wohnung. Tatsächlich reagiert das Paar prompt zu seinen Gunsten. Es kauft die Immobilie und überschreibt sie ihm, damit er sorgenfrei darin leben kann. Doch der Kontakt wird zunehmend spärlich, was Zweifel an Lucas Redlichkeit aufkommen lässt. Andererseits sieht sich das Paar von Skrupeln geplagt. Skrupel, ob es nicht von beiden selbst eigennützig war, dem Pianisten mit der getätigten Schenkung die Erwartung weiteren Kontakts aufzuzwingen. Mercier zieht den Leser hinein in den moralischen Konflikt zwischen uneigennnütziger Gönnerschaft und Dankbarkeitserwartung.
Überraschend gibt Luca den Zweien notariell die Wohnung retour, um nicht dankbar sein zu müssen. Er wolle seine innere Freiheit zurück, so sein Argument. Bei der Frage des Paares, ob er die innere Freiheit behalten könne, wenn er die Wohnung nach dem Ableben des Duos testamentarisch vermacht bekäme, lacht Luca befreit und äußert: Ja, denn das wäre dann etwas ganz anderes. Ist dieses Lachen verräterisch? Wird er geduldig das Versterben des Paares abwarten? Oder es beschleunigen? Ist das Ganze eine Art Schachpartie für ihn, der nunmehr seine Gönner dominiert und nicht mehr umgekehrt diese ihn durch die vormalige Schenkung? Ist es das Ungeheuerliche, was er vorhat, oder ist es ungeheuerlich, Luca, den feinsinnigen Pianisten, zu verdächtigen? Der Text bietet Anhaltspunkte für beide Sichtweisen.
Im Titel der Erzählung „Warten auf den Befund“ wird abermals die Zeit thematisch, und einmal mehr der Verdacht. Der Ich-Erzähler Winter hat den Verdacht, an einer schlimmen Krankheit zu leiden. Das Warten auf die Analyse der Gewebsproben wird ihm einerseits zur Qual, zum anderen gerät der Zeitraum bis zur Auswertung der Bronchoskopie zum Möglichkeitsraum, zum Spielraum der Freiheit.
Um die Wartezeit auf den Befund zu verkürzen, gönnt sich Winter einen Kaffee im „Adlon“, wo er schon immer hinwollte, geht endlich wieder ins Kino, besucht eine aparte Buchhandlung. Er fliegt mit seiner Exfrau Jeanne nach Paris zu einer Ausstellung, besucht das Musée D‘Orsay – kurz: er lebt erlebnisintensiver als jemals zuvor. Und er fasst den Plan zu schreiben, alles aufzuschreiben, um nicht mehr nur Opfer zu sein, sondern Täter. Zwischen Qual und Erlösung erscheint es zum einen „absurd“, an eine tödliche Diagnose zu denken, denn vieles spricht dafür, dass nichts dahinter ist. Nicht von ungefähr wird in dieser Geschichte der Filmregisseur Michelangelo Antonioni erwähnt. Mit Antonioni verbindet man den Kinofilm „Blow-Up“, wo ein Fotograf in dem von ihm vergrößerten Foto eine Leiche zu erkennen glaubt. Ist da wirklich ein Mord geschehen, den es aufzuklären gilt, oder ist die Mutmaßung eine fixe Idee, hochgefiebert und haltlos? Veranstalten wir einen Blow-Up in unserem Kopf? Die Wahrheit in „Warten auf den Befund“ ist, dass das medizinische Untersuchungsergebnis im Nachhinein die Gesundheit des Mannes belegt, den gehegten Verdacht der bösartigen Erkrankung falsifiziert. Doch gerade das intensivierte Leben während der Angst des vermeintlich Moribunden in der Phase zwischen dem Verdacht und der Lösung des Knotens birgt eine Wirklichkeit, die er in seinem Leben hinzugewonnen hat.
„Tödlicher Lärm“: Wir erfahren von der Hyperakusis eines Mannes, der - nach Aussagen der Lebensgefährtin von deren Sohn - durch absichtlich verursachten Lärm in den Selbstmord getrieben wurde. Aus ihrer Sicht eine Tatsache. Der schlafende Sohn kann sich nicht verteidigen, und weiß nach seinem Aufwachen von nichts. Viel zu affirmativ übernimmt der Erzähler in den Passagen der indirekten Rede die Perspektive der Partnerin, die dann zudem noch die erworbene Hyperakusis auf die Lektüre des Mannes – nämlich Herman Melville und Joseph Conrad schiebt. Hellhörig macht, wenn die Frau unter Verweis auf den schlafenden Sohn den Erzähler bittet „Würden Sie ihn zudecken?“ Ein Akt der Manipulation, um den Erzähler für ihre Zwecke einzuspannen? Um den Verdacht von sich als Mitschuldige an dem Selbstmord ihres Partners abzulenken? All dies könnte der ausgeheckte Plan dieser Dame sein. Den Erzähler für sich zu vereinnahmen, seine Zweifel an ihrer Mitschuld zu zerstreuen, das scheint ihr zu gelingen.
„Noch einmal die Mansarde“: Merciers Hinlenkung auf das Telegramm von Mutter im Zusammenhang mit dem berühmten ersten Satz des Camus-Klassikers „Der Fremde“. Ein Sprachwissenschaftler kehrt nach 40 Jahren in das Mansardenzimmer zurück, in dem er als Student eine glückliche Zeit verbracht hatte. Er will durch die Rückkehr an den Ort seiner Jugend, durch das Wiederaufsuchen der Mansarde, Klarheit über das Damals gewinnen. Mehr und mehr kommt ihm sein Unternehmen, die Vergangenheit in der Gegenwart nochmals nachzuvollziehen, „abstrus“ vor. Durch das Zusammentreffen mit einem Fremden lässt er sich in seinen Ansichten und Bewertungen beeinflussen. Schreiben wird auch für diesen Ich-Erzähler das einzige Mittel, um zu einem vertieften Verstehen zu gelangen und um vermeintlich Wirrem und Widersprüchlichem Bedeutung abzuringen.
Mercier zeigt in seinen fünf Erzählbeiträgen psychologisches Raffinement inmitten eines spannungsmeisterlichen dramaturgischen Aufbaus, indem er Elemente der Kriminalliteratur verwendet. Gleichwohl zielt er auf die in der Schwebe gehaltene Unendlichkeit von Deutungen und auf die Unmöglichkeit objektiver Wahrheitserkenntnis. Was wir herauszufinden glauben, was wir „herauslesen“, sagt mehr über uns als über das Geschriebene. Im Kopf der Rezipienten vollzieht sich die Fortschreibung des Textes. Tendieren wir dazu den Anhaltspunkten zu glauben, die für einen ungeheuerlichen Verdacht sprechen? Oder vertrauen wir den Indizien, welche die harmlosere Variante zu belegen scheinen? Anders gewendet: Wie beurteile ich Menschen? Wie schnell lasse ich mich beeinflussen, sie zu verurteilen? Oder: Wie schnell lasse ich mich dazu verleiten, ihnen zu glauben und die Warnsignale zu beschwichtigen? Was halte ich als aufmerksamer Leser für möglich? Wenn man im Text nach Argumenten für die eine oder auch die andere Deutung sucht, ist es letztendlich die Frage „Was für ein Mensch bin ich?“, die Mercier in der Verlängerung des Textes im Bewusstsein seiner Leserschaft aufwirft.
Unumstößliche Tatsachen scheint es in diesen Geschichten nicht zu geben, vielmehr nur Anhaltspunkte für konträre Interpretationen. Als Konsequenz etwas ebenso Subtiles wie Atemberaubendes: Das Sich-Selbst-auf-die-Spur-Kommen, das Ausloten der eigenen Person, die Witterung für das eigene Ich aufzunehmen durch die implizite Aufforderung: „Nosce te ipsum“.
Pascal Mercier, Der Fluss der Zeit, München: Carl Hanser Verlag 2026