Buchvorstellung von Martina Pfeiffer

Zwischen den Exklamationen "Berlin, oh ja!" und "Berlin, oh je!" verläuft ein schmaler Grat. So sehe ich das zumindest. An Berlin Leidende oder für Berlin Entflammte, zu den einen oder den anderen gehört man nicht ein für allemal und auch nicht in allen Aspekten, die Berlin betreffen. Dies darf man auch Björn Kuhligks "Berlin-Beschimpfung" nachsagen, die in feiner Lakonik auf das Bild einer Stadt abhebt, die zerrissener nicht sein könnte. Die Palette der Stilmittel dieser Scheltrede - von der rhetorischen Breitseite bis hin zur wohlziselierten Ironie, meistenteils freilich eher das Florett als das Schwert. Und dann doch wiederum – trotz Unmutsbekundung - Kuhligks Argumentation für die Hauptstadt und zu ihren Gunsten: Wie der Verfasser konstatiert, könne er im Bademantel einkaufen gehen und niemand drehe sich nach ihm um. Und laut singend U-Bahn fahren. Er könne der Welt „seine Meinung geigen".  Berlin ­- ein Tummelplatz für Individualisten also, ein urbaner Freiraum für solche, die komplett neben der Spur sind oder eben nur ein bisschen verrückt? "Easy living" und „Laissez-faire“ hier, wo alles auch ein bisschen egal ist, – gut und schön. Abgekontert wird dies in Kuhligks Verbalattacke von der hohen Kriminalitätsrate und einem zunehmenden Gewaltaufkommen: "Im Sommer werden dann bei uns Filme und Serien gedreht. Unsere Stadt ist so schön und aufregend und im Arsch, dass sich jede Einstellung lohnt […] Gewalttätige Szenen werden bei uns auch gerne gedreht […] Da muss gar nichts mehr aufgebaut werden, die Kamera wird in irgendeine Straße gehalten und überall diese unglaubliche Struktur der Gewalt." 

Und auch die Armut Berlins hält der Autor so gar nicht für "sexy", ebensowenig wie den chronischen Lehrermangel an den Schulen.  Wenn wir schon bei proklamierter, de facto aber mangelnder "sexyness" sind: Was mir als Verfasserin dieser Buchvorstellung hierzu noch einfällt, ist das wissentliche und willentliche Kaputtsparen der Kultur. Kein Ruhmesblatt für die Hauptstadt!

Wer sich mit dem Gedanken trägt, mehr über Berlin als Reisedestination zu erfahren, oder gar diese Stadt zum Domizil zu machen, dem sei die Lektüre von Björn Kuhligks "Berlin-Beschimpfung" anempfohlen. Gleich auf den ersten Seiten sieht man sich ironisch einjustiert: "Wir haben Vorbildfunktion und eine Million Ansprüche auf Wohnberechtigungsscheine, was sowieso völlig egal ist,  weil es für diese Scheine gar keine Wohnungen gibt." Nicht bloß der hiesige Wohnungsmarkt veranlasst dazu, den Kopf zu schütteln, sondern auch die Verkehrssituation. Aufgespießt wird der ÖPNV, wenn nämlich die Unpünktlichkeit und die Ausfälle der Berliner S- und U-Bahn auch dem allerletzten Abo-Nutzer auf die Nerven gehen. Übrigens: War da nicht einmal mit "Schienenersatzverkehr" im Abendprogramm des rbb  als Unwort des Jahres das perfekte Stichwort für den Daueraufreger, die Berliner Verkehrsmisere, gefallen? 

Die Fahrer der SUVs auf den Straßen erregen derart den Unmut des Autors, dass er sie am liebsten zu Sozialarbeit verdonnern würde, und zu "Fahrrad auf Lebenszeit". 

Nach slawischer Wortbedeutung die „Stadt am Sumpf“, oder die"Stadt im Morast",  sei Berlin, so der Verfasser, der "Olymp der miesen Laune" und "Geburtsort der Unfreundlichkeit". Selbst bei Jubellaune komme dem Berliner gerade mal ein unwirsches "Ich kann nicht meckern" über die Lippen. Noch eine weitere Marotte: Der Berliner stelle ausrangierte Matratzen kurzerhand auf die Straße. Und dann komme einer, der was draufschreibt, und das werde dann als Fotomotiv in den sozialen Netzwerken geteilt, "und schon ist Berlin wieder geil, aufregend, bunt und wild." Die ausgemusterten Schlafunterlagen bilden nur einen Teil des – auch in den Parks und Wassern – illegal entsorgten Mülls. Solcherlei Bemängeltes findet sich im Buch gegenbalanciert von der manchen Naturliebhaber in Hochstimmung versetzenden Tatsache, dass es hier Hauptstadtfüchse, Hauptstadtnachtigallen und Hauptstadthonig von Hauptstadtbienen gibt. (Die anzutreffenden Füchse, Nachtigallen und Bienen scheinen sich mit einfallsloser Architektur und städtebaulichen Fauxpas arrangieren zu können.) 

Über den Alexanderplatz lesen wir, er sei so etwas wie der wachgewordene Alptraum eines bösen Städteplaners. Letzterer ginge wohl davon aus, dass Menschen  "etwas Grünes" brauchen, und deshalb habe er nichts davon eingeplant. Die "Europacity" in der Nähe des Hauptbahnhofs: "Ein Gebäude so ähnlich und so hässlich wie das andere. Es bedarf einer gewissen Leistung, so viele Wohnungen zu bauen und die komplette Gegend leer aussehen zu lassen, und ganz sicher sieht es in den Köpfen der Menschen, die sich das ausgedacht haben, ähnlich aus." Gleiches gelte für die Häuser am Rand eines Teils des Mauerweges. (Wir erinnern uns, dass neben der Armut der Metropole „die Brachen“ in Berlin vom ehemals Regierenden auch schon mal schöngeredet wurden…)

Nächster Malus, bei Kuhligk genüsslich zelebriert: In Berlin Papiere beantragen oder verlängern? Dann sich bitte darauf einstellen, dass von der Wohnung in Pankow aus in fünf Monaten der Weg zur Behörde in Britz anzutreten ist. Oder von Schöneberg nach Lichtenberg. Der Autor moniert die "gentrifiziert-durchpürierten" Kieze; die “Hauptstadtbüromenschen”, die bald wieder weg sind, wie viele andere Kiezbewohner quasi auf der Durchreise, ohne sich wirklich für Berlin zu interessieren. 

Wie verhält es sich nun genau mit der sogenannten "Berlin-Beschimpfung", die uns der Titel annonciert? Könnte es sein, dass sich hinter Schmähung und Kritik, die wir auf den 59 Seiten bekommen, hinwiederum doch eine sich diskret artikulierende Nähe zur Geburts- und Heimatstadt unseres Autors verbirgt? Die „Beschimpfung“ als verkappte Liebeserklärung? Dies mögen diejenigen, die den genannten Band zur Hand nehmen, für sich selbst entscheiden. 

Macht die Schelte die Sache nun besser oder tut sie dies eher nicht? Ich unterstelle Ersteres: man kann nicht bloß Dampf damit ablassen, sondern auch und obendrein auf Missstände und Miseren hinweisen. Und diese damit ans Öffentliche Schwarze Brett heften. Gerade weil das Herz für Berlin schlägt.

Schlussendlich: Wer keine Statistiken und Analysen lesen mag, dafür aber eine unverbrauchte, mit keckem Mundwerk und trockenhumorig vorgetragene Erklärung zum Thema, dann ist die "Berlin-Beschimpfung" ein  gleichermaßen amüsanter wie erhellender Lesestoff. Die erfrischend kessen Illustrationen von Jakob Hinrichs geben den kabarettistisch zugespitzten Sticheleien gegen die Stadt mit dem Bären im Wappen ihren wirkungsstarken visuellen Akzent. 

Björn Kuhligk, Berlin-Beschimpfung, Berlin: Favoritenpresse, 2024 

 

Björn Kuhligk wurde 1975 in Berlin geboren, wo er mit seiner Familie lebt. Ausbildung zum Buchhändler und Studium an der Ostkreuzschule für Fotografie. Er erhielt u.a. das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung, den Arno-Reinfrank-Literaturpreis, das Arbeitsstipendium des Berliner Senats und den Horst-Bingel-Preis für Literatur. Zuletzt erschienen das Langgedicht An einem Morgen im März, der Essay Grenze, die vorgestellte Berlin-Beschimpfung, Favoritenpresse 2024 und das Fotobuch Schönefeld, Favoritenpresse 2024. Er leitete Schreibwerkstätten u. a. am Literaturhaus Frankfurt und am Haus für Poesie und unterrichtete am Deutschen  Literaturinstitut.