Wie aus der Zeit gefallen – pastorale Szenerien voller Frieden und Anmut
Tobias Roth und Daniel Bayerstorfer über das Damals und Heute der Hirtendichtung

Zwitschernde Vögel, murmelnde Quellen, liebliche Auen, fruchtbare Felder und friedliche Hütten, der zarte Klang einer Flöte - sanfte Empfindungen eines einfachen, aber glückseligen Daseins. In Harmonie mit den Jahreszeiten und der beseelten Natur. Das ist, was - in wenigen Worten zusammengefasst - für viele die Hirtendichtung ausmacht.
Über den spätantiken Liebesroman „Daphnis und Chloe“ des Longos, der viele bukolische Züge trägt, sagte Goethe zu Eckermann, darin sei keine Spur von trüben Tagen, sondern immer der blaueste Himmel, die anmutigste Luft und ein beständig trockener Boden, „so dass man sich überall nackend hinlegen möchte.“ Was sich hier geltend macht, ist die zelebrierte Einheit von mitfühlender Natur und Menschennatur. Das Geschehen ist eine gewissermaßen zeitenthobene Idylle. Das Erwachen der Sinnlichkeit, ihre Auswirkungen auf die Seele und das Nieendenwollen der Wonnen, behütet von der Urmacht des Eros. Auffällig die absolute Gleichberechtigung der Geschlechter. Auch Chloe blickt bei Longos mit unverhohlener Lust auf den badenden oder schlummernden Daphnis, kann sich an ihm nicht sattsehen. Im alltäglichen Wortgebrauch ist uns noch das „Schäferstündchen“ erhalten geblieben.
Auf Bildteppichen und Porzellanmalereien, auf Kupferstichen und Holzschnitten, als Skulpturen, in Oper, Operette, Ballett findet sich das Thema der Schäferin und des Schäfers überliefert. Unvergessen die Farblithographien Marc Chagalls zu „Daphnis und Chloe“.
Im Interview mit Tobias Schwartz und Daniel Bayerstorfer erfahren wir einiges über die vorchristlichen Ursprünge der Hirtendichtung als eigener Gattung. Die aufgehobene Differenz zwischen Natur und Kultur - also die temporäre Flucht in ein entferntes Idyll? Dann wäre der liebliche Ort der Schäferlyrik also ein entrücktes Refugium? Oder ist er ein entschiedener poetischer Gegenentwurf zur Stadt? Vielleicht auch zu Kriegsgeschehnissen? Und wo ist die Schäferthematik in unserer Gegenwart noch spürbar, faktisch oder zumindest literarisch?
Lassen Sie uns den Hirtenstab greifen und über Schäferlyrik, im Fachbegriff Bukolik, reden: Weiß man Genaueres, wann der Schäfer auf der literarischen Bühne erscheint? Was sind einige der charakteristischen Merkmale des Schäfers und dem Sehnsuchtsort, der arkadischen Landschaft in der Dichtung?
D.B.: Hier ist vielleicht eine spekulative Antwort interessanter, bevor man wieder auf Theokrit und die unklaren Ursprünge zurückgeht, die sicher vor dem 3. vorchristlichen Jahrhundert liegen. Wer hatte außerhalb der Poleis und Städte, Zeit und Muße, sich etwas zu erzählen? Ob die Geschichten, die sich Hirten neben den Herden erzählten in unserem Sinne bukolisch waren, ist unklar, dass es Geschichten waren, die sich Hirten erzählten, dagegen offensichtlich. Sie werden von Hirten erzählt und sich vorgesungen haben. Von den Nymphen, Satyrn, Berggeistern und Göttern. Es wird also darin bukolisch zugegangen sein. Unbelauschte Anfänge eines Genres.
T.R.: Da die Schäferei zu den ältesten Berufen überhaupt zählt, tauchen auch Schäfer natürlich von Anfang an in der Literatur auf, bei Homer, in der Genesis und in andren Mythen. Bukolik im Sinne von Schäferdichtung (der Begriff leitet sich vom griechischen Wort für "Rinderhirte" ab) gibt es entsprechend schon seit der Antike: Als die beiden Gründerväter in der griechischen bzw. römischen Literatur gelten Theokrit, der um 270 v. u. Z. lebte, und Vergil, der 19 v. u. Z. starb. Bei diesen beiden wird auch greifbar, was dann später in der Renaissance wieder auflebt und was bis heute besonders interessant an dieser Gattung ist: Schäfer (und Schäferinnen!) stehen in der Mitte zwischen Natur und Kultur, und da sie selbst Sänger sind bzw. als Sänger dargestellt werden, geben sie dem schreibenden Dichter Gelegenheit, sein eigenes Tun zu reflektieren. Schäferdichtung ist also in doppelter Hinsicht ganz besonders "meta". Vergils Schäferdichtungen sind schlichtweg postmodern.
Würden Sie sagen, dass bei der Entstehung und Entwicklung der Schäferdichtung das mythische, das biblische und das poetologische Erbe zusammenfließen?
T.R.: Ich würde diese drei Bereiche sowieso nicht scharf voneinander trennen: Mythologie und Poesie sind in der Literatur der Antike wie der Neuzeit eine intime Gemeinschaft; und die Bibel ist auch nur ein antikes Buch unter vielen.
Von welchen Dichtern in der Geschichte der Schäferlyrik ist der Stand der Hirten und Bauern nicht verklärend, sondern realistisch wiedergegeben worden?
T.R.: Im strengen Sinne von keinem. Gewiss gibt es bei Vergil etwa, in den Schäferdichtungen Bucolica oder in den Gedichten über die Landwirtschaft Georgica, Elemente von tatsächlichem Leben, aber echte Schilderungen des alltäglichen Lebens gibt es dort nicht. Dafür gibt es auch gar keinen Platz: Ein Gedicht, auch ein langes, kann nicht so genau abbilden wie ein Roman. Der Schäfer der Schäferlyrik ist eine Rolle, eine Maske: Durch ihn werden bestimmte Strukturen, Zusammenhänge ausgedrückt. Ähnlich ist es mit der Liebe: In fast alle "Eklogen", so heißen einzelne Schäfergedichte, geht es bei Vergil auch um die Liebe, aber es gibt keinen Hinweis darauf, ob und inwiefern der Mensch Vergil selbst in jemanden verliebt gewesen ist. In Schäferdichtungen schwingt oft etwas Kosmisches, Allgemeines mit: Liebe ist insgesamt Bezug eines Individuums zur Welt, Schäferei der Zustand des Menschen zwischen Natur und Kultur, zwischen Biomasse und Erziehung sozusagen.
D.B.: Der realistischste Zugang zur Bukolik ist wohl der von Fernando Pessoas Heteronym Alberto Caeiro, dessen Gedichtzyklus „Der Hüter der Herden“ gleich am Anfang sehr richtig bemerkt: Nie habe ich Herden gehütet.
Muss Hirtendichtung sich den Vorwurf sentimentaler Verklärung und Wirklichkeitsflucht gefallen lassen?
D.B.: Ja. Aber das ist auch nicht weiter schlimm. Denn diese Fluchtbewegung ist Teil ihrer DNA. Ich würde sagen, dass gerade in diesen Dichtungen fühlbar wird, was für eine tilgende Bresche der Tod in den Alltag schlagen kann. Wenn Wölfe, Satyrn und andere Eindringlinge in diese Winkel der Welt eindringen können, gibt es nirgendwo Sicherheit. Noch einmal zu Tasso. Aminta versteigt sich in der Liebe wie eine Ziege in den Felsen und setzt damit sein ganzes Leben aufs Spiel. Er überlebt einen Selbstmordversuch nur, weil ein Gebüsch seinen Sturz abfedert. Die Frau, in deren Schoß er am Ende liegen darf, ist vorhin noch von einem Mann mit Hufen und Hörnern vergewaltigt worden. Ich habe von glücklicheren Lebensläufen gehört.
T.R.: Das ist eine sehr spannende Frage, die man nur mit einem Hinweis auf die lange, lange, lange Tradition solcher Dichtungen beantworten lässt. Denn Sentimentalität, Idyllik, Pastellfarbe kommen tatsächlich erst recht spät ins Spiel. Klar geht es, wie gerade gesagt, immer viel um Liebe, aber das Sentimentale wie das Romantische daran kommt erst recht spät, erst 17. und 18. Jahrhundert. Da geht es dann auch los, dass sich Königinnen und Könige als Schäferinnen und Schäfer verkleiden und alles so besonders nett und harmlos ist, Weltflucht reinsten Wassers. Das finde ich auch ziemlich scheußlich; und es wundert mich gar nicht, dass nach diesen Harmlosigkeitsexzessen im 18. und auch noch 19. Jahrhundert die Schäferdichtung insgesamt aus der Mode kam, ins Vergessen geriet, ausgemustert wurde. Noch in der Renaissance ist das anders, da ist Bukolik vor allem ein Ort der künstlerischen Selbstvergewisserung und des poetischen Experiments; das geht bis an die Grenze der Lesbarkeit. In der römischen Antike hingegen ist die Politik als eine Facette ländlicher Realität mitbestimmend: Die erste Ekloge des Vergil etwa dreht sich um Umverteilung und Vertreibung: Weil der Kaiser seinen Soldaten Landbesitz versprochen hat, werden nach dem Bürgerkrieg andere von den Flurstücken ihrer Väter vertrieben. Vor einem solchen Hintergrund redet man anders über Liebeskummer als Marie Antoinette im Schäferinnenkostüm.
Was halten Sie jemandem entgegen, der Ihnen sagt, Hirtendichtung sei obsolet und für uns heute nicht mehr von Interesse?
T.R.: Da würde ich keine Lanze für die Hirtendichtung im Speziellen brechen, sondern für Dichtung allgemein. Mit "Obsoletem" und "Uninteressantem" ist es ein wenig wie mit "Aktuellem" oder "Praktischem": Das sind Kategorien, in denen Poesie schwer mitspielen kann, weil es nicht ihre Kategorien sind. Dass ein Gedicht obsolet ist, also keine Funktion erfüllt, dagegen lässt sich schwer etwas sagen; das war schon vor zweitausend Jahren so. Welchen Dämmwert hat Gold? Welche Rolle spielt meine Lieblingsfarbe in der Magnetresonanztomographie? Das sind ebenso schräge Fragen. In der Dichtung geht es doch vielmehr um Genuss und Erkenntnis, um Spiel, Bildung und das begeisterte Erleben des Fremdartigen. Wenn jemand daran Geschmack gefunden hat, dann bin ich zuversichtlich, dass er auch an Schäferdichtung Geschmack finden könnte. Und wenn nicht, wäre ich auch zuversichtlich.
D.B.: Auf Kreta bin ich letztens über einen Gebirgspass gefahren. Ganz oben in den Lefka Ori erstreckt sich eine Hochebene. Ich bin ausgestiegen und habe eine Herde Schafe beobachtet, die gerade am gegenüberliegenden Hang in die Senke getrieben wurde. Sie waren rot markiert. Darüber war nur noch Wacholder, modelliert von den Winden, die über die Bergkämme streichen. Ich bin weitergefahren und auf der Straße dösten Ziegen und von oben sahen Ziegen aus steilen Wänden auf mich herab. Dieser Ort war so entlegen und dennoch wird so etwas wie zunehmende Hitze und menschliche Gleichgültigkeit sich in dieses Idyll fressen. Überhaupt ist die Gegenwart der natürliche Feind des Idylls.
Wie so oft mit Verschwundenem oder Untergegangenem in der Literatur ist dies vermutlich doch nicht spurlos verschwunden. Es ist möglicherweise in etwas Neues übergegangen, oder einzelne Elemente wurden gerettet, haben verwandelt überstanden. In welcher Weise hat die Schäferdichtung weitergelebt? Gibt es einen Wendepunkt und Neuanfang der Gattung?
D.B.: Im sog. nature writing gibt es sicher Spuren. Allerdings glaube ich, dass die Verwandtschaft noch mehr in der Erwartungshaltung gegenüber den Werken liegt.
Nature writing ist ein literarischer Rückzugsort in Zeiten globaler Veränderungen und damit ein idyllisches Korrektiv. Darin gleicht es wahrscheinlich den Sehnsüchten der urbanen Leserschaften wie einst in Rom oder anderen Städten. Was fehlt ist der Hirte. Er wird als Mensch getilgt. Natur ist nicht Landschaft.
T.R.: Wie schon erwähnt, ist die Renaissance für die Schäferdichtung wie für alles Antike der entscheidende Wendepunkt. Ab da sind etwa Vergils Eklogen wieder intim in der DNA der europäischen Literatur verankert - nicht zuletzt deshalb, weil diese Gedichte jahrhundertelang im Schulunterricht verwendet wurden, zur Alphabetisierung wie zum Fremdspracherwerb des Lateinischen. Natursehnsucht, Gartenbegeisterung, Fernweh aller Art lässt sich nicht nur, aber auch hierher zurückverfolgen. und immer wieder und nicht zuletzt jener fragende Gedanke, der in Europa zu immer neuen, immer interessanten Kapriolen geführt hat, was nämlich an uns Natur sein könnte, was Kultur, was wir in der Hand haben, und was nicht, was wir wissen und was wir fühlen? Was eine Schüssel Ricotta ist und was Zauberei?
Hirten und Schäferinnen, ihre Landschaft und Lebensweise haben die europäische Literatur, die Musik und die Bildende Kunst befruchtet. Tun sie dies heute noch in irgendeiner Weise?
D.B.: Dinge verwandeln sich in der Tat. Der Hirtenstab würde zum Wanderstab. Cowboys sind bewaffnete Hirten, aber doch Hirten. Sie haben auch die Musik beeinflusst, in den Pastoral-Werken und folglich in auch Vielem, was musikalisch in F-Dur gesagt wurde. Ich selbst habe lange Feldhockey gespielt, das der Legende nach von Hirten erfunden worden ist, die ihre Stäbe zum Zeitvertreib einfach umgedreht und als Schläger benutzt haben. Die Einflüsse lauern also auch da, wo man sie nicht erwartet. Ganz abgesehen von den Heiden und Hängen, die weidenden Schafen ihr heutiges Antlitz zu verdanken haben.
Ist das einfache Hirtenleben, ist Arkadiens Idylle verschlüsselte Gesellschaftskritik? Ein für uns heute mehr denn je unverzichtbares Korrektiv?
T.R.: Das würde ich bejahen. Ich weiß zwar nicht, ob das in den alten Texten so gemeint war, aber man kann es auf alle Fälle heute so lesen: poetische Kunstfertigkeit, die auf große Einfachheit trifft, wilde Phantasien und abgespeckte Formen. Auf einer strukturellen Ebene könnte man vielleicht sogar sagen: mentales, poetisches, künstlerisches Wachstum, das die materielle Schrumpfung, die durch den Kollaps unserer Wirtschafts- wie Ökosysteme auf uns zukommt, ausgleichen kann.
Brasilas und Bianor – Dieser Gedichttitel weckt natürlich die Neugier. Wer sind diese beiden? Vielleicht ein Liebespaar wie Daphnis und Chloé? Und ist mein Eindruck richtig, Tobias, dass eine Trauer ausgeht von diesem Gedicht? Eine lyrisch formulierte Trauer darüber, dass niemand mehr über "Amaryllis, die herrlich ist", singt und dass zu den "gefangenen Schäfern" keine Bienen mehr kommen?
T.R.: Brasilas und Bianor sind die Namen zweier Gestalten, die in den Eklogen der beiden einflussreichsten Bukoliker der Antike vorkommen, nämlich bei Theokrit und bei Vergil. […] Beide Male geht es um die Mitte zwischen der Stadt und dem Land, zwischen der Kultur und der Natur: also genau der Ort, an dem Bukolik stattfindet. Aber wer sind Brasilas und Bianor? Niemand weiß es. Außer diesen eben zitierten Versen gibt es nichts. Die beiden Namen beziehen sich also auf Figuren, von denen nichts bekannt ist; außer, dass sie so hießen, wie sie hießen, und dass ihr Grab auf der Mitte einer bestimmten Strecke liegt. Namen, aber zwei hohle Namen. Man könnte das also eine "halbleere Anspielung" nennen, und das scheint mir typisch für eine Literaturversessenheit humanistischer Prägung: Die Information, die durch eine Anspielung, durch die Nennung eines mythologischen Namens oder dergleichen verdeckt erschien, stand eigentlich immer schon im Text. Um das herauszufinden, muss man sich auf den Weg durch andere Bücher machen. Dabei wird man etwas entdecken, auf alle Fälle. Ich als Autor weiß nicht genau, was Leserinnen und Leser entdecken werden, aber es wird Literatur sein, und das ist immer gut. Es braucht nur wechselseitiges Vertrauen, dann entstehen Freundschaften zwischen Menschen und Texten. […] Vereinzelung aber ist genau das, was beklagt wird, auch Gewalt, gekappter Kontakt, Ausbeutung, Vertreibung. "Amaryllis" ist der Sehnsuchtsname, den ein Schäfer singt, und den der Wald zurückrauscht: ein Stück Idylle, Utopie, goldenes Zeitalter, dass es einen Austausch, eine Beziehung zur Welt gibt, eine Antwort auf die Frage. Oder eben eine Biene, die nicht einfach nur zu schwach ist, um zu verhindern, dass Mensch ihren Honig klaut, sondern die im Gegenteil den Häftling füttert, den ein menschlicher Artgenosse dem Elend ausgeliefert hat. Alles könnte auch ein Zitat sein. Was in dem Gedicht beklagt wird, ist auch Konkurrenzkampf, geballte Fäuste in jeder Hinsicht. Organisiertes Vergessen, so wie man sagt: organisiertes Verbrechen. Mord und Todschlag und Vertreibung: genau das, womit ein Schäfer nichts anfangen kann, weil er dem nichts entgegenzusetzen hat. Und damit verändert sich, einmal mehr, die Liebe: Das ist heute wie im alten Rom: über Liebeskummer klagen, mangelnde Poesie beklagen, bedeutet in erster Instanz, nicht mitzumarschieren und unterscheidungslos mit der Waffe rumzufuchteln. Tyrannen aber sollten sich hüten; singende Schäfer sind es auch, nach der Erzählung des römischen Historikers Livius, die erstmals einen römischen König ermorden.
Das Gespräch führte Martina Pfeiffer