Wachsen an den Widrigkeiten eines Kulturschocks
Jinran Kims Koreanische Geishas inmitten einer kriegsversehrten Stadtlandschaft

Wer hat schon einmal Kulinarisches aus Korea zusammen mit Berliner "Eisbein mit Sauerkraut", an ein und demselben Buffet, erlebt? Das koreanische Seoul und Berlin kommen zueinander. Die koreanische Künstlerin Jinran Kim wechselt 1994, damals 26jährig, nach Berlin und erfährt, was sie zuvor nur vom Hörensagen kannte: den Kulturschock. Doch nach dem ernüchternden "culture-clash" entdeckt sie zunehmend Parallelen zwischen beiden Kulturen, die in die Werkzyklen der Künstlerin – Gestaltungen u.a. mit Verbandsmull, Asche und Seife – Eingang finden. Was in ihren Augen den Vergleich zwischen Herkunft und Wahlheimat nahelegt, ist vor allem die Befindlichkeit der Menschen nach einem verheerenden Krieg und die Aufgabe beider Nationen, trotz dieser Erfahrungen frei zu werden für neue Sinnangebote.
Vielleicht kennen einige unserer Leser Choi Jeong Hwa, die Galionsfigur der koreanischen Pop-Art, und die Installation “Hubble Bubble” – 2010 auf der 17. Biennale in Sydney gezeigt und in internationalen Kunstmagazinen abgedruckt. Es gibt eine ganze Reihe koreanischer Künstlerinnen wie Sora Kim, Minouk Lim, Jiha Moon, Jean Shin, Yeesookyung. Jinran Kim kann als bemerkenswerte weibliche Vertreterin der zeitgenössischen bildenden Kunst angesehen werden. Seit 1994 lebt die Künstlerin, die ihre Ausbildung an der Seoul National University erhalten hatte, in Berlin. Ihre Aktivitäten in den Bereichen Malerei, Objektkunst/Installation, Performances und Kunst im öffentlichen Raum sind vielfältig und umfangreich – im In- und Ausland geschätzt. Sie half bei der Gestaltung der Fassade des Lotte World Tower in Korea, eines der höchsten Gebäude der Welt. In der deutschen Hauptstadt beteiligte sie sich mit einer permanenten Installation am GLS Facade Project. In der deutschen Hauptstadt hatte sie zahlreiche Ausstellungen, u.a. im "Haus der Kulturen der Welt", in der "Kommunalen Galerie Steglitz-Zehlendorf", "Schwartzsche Villa", "Boulevard Berlin", "Galerie im Körnerpark", in weiteren Galerien wie "Berlin Weekly", "Z22". Sie stellte in der "Kunsthalle Brennabor", Brandenburg, und im "Kunstmuseum Moritzburg" in Halle (Saale), aus. Einige Ihrer Werke sind permanent vertreten im "Museum für Moderne Kunst" in Frankfurt/Main und im "Nationalmuseum für moderne und zeitgenössische Kunst" Seoul. In Berlin betreibt sie seit 2019 "Project Space KIMGO" zusammen mit dem kanadischen Medienkünstler Baruch Gottlieb.
Jinran Kim, ich freue mich sehr, dass wir heute zu diesem Gespräch zusammenkommen!
Es ist sicherlich für viele interessant, etwas über die koreanische Kultur, Tradition und Gewohnheiten zu erfahren. Ganz klar, dass Essen da ein wichtiges Thema ist. Wie ich gehört habe, sitzen Koreaner üblicherweise im Schneidersitz auf dem Boden, wenn sie eine Mahlzeit zu sich nehmen. Was ist typisch für die koreanische Küche im Gegensatz etwa zu Berlins "Eisbein mit Sauerkraut"? Was sind typisch koreanische Gerichte?
J.K.: Koreaner sitzen auf dem Boden und essen gemütlich. Traditionell leben wir in einer Ondol-Kultur (Fußbodenheizung), also sitzen wir auf dem Boden, um Bücher zu lesen, Tee zu trinken und zu essen.
Kimchi, Bulgogi und Rippchen können mit Sauerkraut oder Eisbein verglichen werden. Es gibt viele koreanische Restaurants in Deutschland, so dass Sie koreanisches Essen probieren können. Ich bevorzuge koreanisches Essen, das zu Hause gekocht wird.
Korea ist bekannt für seine schöne Landschaft und seine Naturwunder. Einige Ihrer Motive scheinen auf Koreas landschaftliche Besonderheiten Bezug zu nehmen…
J.K.: Koreas Natur ist wunderschön. In den vier Jahreszeiten ändern sich jedes Mal die Landschaft und die Farben. Ich verwende oft koreanische Wälder und den Ozean als meine künstlerischen Motive. Das tiefblaue Meer der Ostküste inspiriert mich sehr.
Nicht nur die Natur Koreas, sondern auch die Naturlandschaft jedes Landes hat ihre eigene einzigartige Farbe, und ich bringe die Wälder und Meere verschiedener Länder in meiner Arbeit zur Darstellung.
Der Hit "Gangnam Style" des koreanischen Rappers Psy klingt manchem von uns vielleicht noch in den Ohren. Die koreanische Popkultur gewinnt zunehmend an Beitenwirkung. Musik, Zeichentrickfilme, Animationen, Scíence Fiction… Die Erscheinungsformen der koreanischen Populärkultur – sind einige davon vielleicht auch für Sie als Künstlerin relevant?
J.K.: Die koreanische Popkultur, insbesondere Dramen, Filme und Popmusik, ist auf der ganzen Welt beliebt. Ich mag sie sehr und bin auch ein Fan der koreanischen Popkultur. Es ist erstaunlich, dass koreanische Emotionen und Humor auch Ausländer inspirieren können. Ich unterhalte mich oft mit meinen deutschen Freunden über koreanische Schauspieler und Fernsehserien. Es hat keinen direkten Einfluss auf meine künstlerische Arbeit, aber es tröstet mich, wenn ich Heimweh habe, während ich im Ausland lebe. Und ich kann durch die koreanische Popkultur etwas über aktuelle koreanische Trends, die Gedanken junger Menschen und den Zeitgeist erfahren. Irgendwann möchte auch ich Kunstwerke schaffen, die Emotionen vermitteln können und so lustig sind wie die „koreanischen Dramen“, die viele Menschen sehr mögen.
Viele berühmte Worte sind von Konfuzius überliefert, weise und geistreich-witzige, wie etwa: "Der Bogenschütze, der sein Ziel verfehlt, gibt nicht der Zielscheibe die Schuld. Er stoppt, korrigiert sich und schießt erneut." Oder: "Der Löwe hat mich auf einen Baum gejagt, und ich habe die Aussicht von oben sehr genossen." Sind der konfuzianische und der buddhistische Einfluss in der heutigen koreanischen Gesellschaft noch spürbar?
J.K.: Buddhismus und Konfuzianismus gehören zu den großen Religionen in Ostasien. Selbst in der modernen Gesellschaft ist Religion immer noch ein wichtiger Teil des Lebens, so dass sie leicht auszumachen ist. Besuche Tempel, bete, meditiere und übe deinen Geist. Konfuzianische Ideen bleiben bestehen, aber die jüngere Generation will zunehmend ihren eigenen Lebensstil, und ich denke, Moral und Regeln müssen sich ändern, um der Zeit zu entsprechen.
Ich habe keine bestimmte Religion, aber ich möchte an das Karma glauben und wenn ich Angst habe, lese ich gerne Bücher über buddhistische Philosophie, um mich zu entspannen.
Wie ich gelesen habe, ist das Familienleben in Korea nicht nur wichtig, es bedeutet alles. Respekt vor Eltern und Ältesten, die Betonung von Pflicht und Loyalität gegenüber der Familie. Wie zeigt sich das im Alltag?
J.K.: Korea ist eine familienorientierte Gesellschaft. Respekt vor den Eltern sollte auf Liebe basieren. Wenn es obligatorisch gemacht wird, dürfte das viele Konflikte verursachen. Die jüngere Generation bekommt viel Unterstützung von ihren Eltern, aber wenn ihre Eltern alt werden und Hilfe brauchen, wenden sie sich oft ab. Aus diesem Grund bereiten sich junge Eltern darauf vor, im Alter ohne die Hilfe ihrer Kinder gut zu leben, Eltern und Kinder versuchen jeweils, ihr eigenes Leben unabhängig zu führen.
Die koreanische Sprache: Können Sie uns ein Beispiel für ein koreanisches Sprichwort geben, das die Mentalität Ihres Volkes veranschaulicht?
J.K.: Zum Beispiel "Der Himmel hilft denen, die sich selbst helfen", "Blut ist dicker als Wasser", "Keine Nachrichten sind gute Nachrichten", "Jeder Hund hat seinen Tag".
Können Sie beschreiben, wie es sich für Sie angefühlt hat, als Sie im Alter von 26 Jahren nach Deutschland kamen? Gab es für Sie so etwas wie einen Kulturschock?
J.K.: Als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam, erlebte auch ich einen Kulturschock, der jeden treffen kann. Dieser Schock betraf andere Dinge, die nicht unbedingt schlecht oder negativ waren. Mit vielen Deutschen kann ich zum Beispiel befreundet sein, ohne mir Gedanken über Alter oder Beruf machen zu müssen. In Korea muss man zu älteren Menschen höflich sein, daher ist es schwierig, mit ihnen wie mit Freunden zu sprechen. Interesse und Leidenschaft für Kultur und Kunst genießen nicht nur wohlhabende Menschen in Deutschland. Als Künstlerin gefällt mir, dass es in Deutschland viele Kultur- und Kunstliebhaber gibt.
Heutzutage sind koreanische Filme und Kultur durch YouTube und Netflix bekannt, aber als ich damals hierher kam, wussten die Deutschen sehr wenig über Korea. Es ist nicht mehr als ein Land, das in Nord und Süd geteilt ist. Viele Leute fragen mich, ob ich aus Südkorea oder Nordkorea komme. Diese Frage wird mir immer noch gestellt. Ich komme aus Südkorea und 99% der Koreaner in Deutschland kommen aus Südkorea.
In Korea lernen wir in der Schule viel über die westliche Geschichte und Kultur, und viele Intellektuelle wissen viel über die westliche Kultur. Allerdings scheinen die Deutschen relativ wenig über asiatische und östliche Länder zu wissen. Die Welt hat sich verändert. So viele Dinge passieren in Asien, außerhalb Europas, und es ist jetzt schwierig, dem zu folgen, wenn man die östliche Geschichte nicht versteht.
Die "Truemmerfrauen" – Serie. Auf einem der Bilder sieht man koreanische Geishas mit bunten Schirmen inmitten einer grauen, kriegsgezeichneten Stadt. Das wirkt wie eine surrealistische Montage…
J.K.: Die Serie "Truemmerfrauen" stellt deutsche Frauen dar, die sich nach dem Krieg für den Wiederaufbau eingesetzt haben. Und nach dem Koreakrieg kamen viele koreanische Frauen nach Deutschland, um als Krankenschwestern zu arbeiten. Durch diese Arbeit drückte ich metaphorisch das Bild einer starken koreanischen und deutschen Frau aus, die schwierige Zeiten überwunden hat. Andererseits kann die ursprüngliche Bedeutung von Geisha eine Frau sein, die künstlerisch tätig ist, also eine Künstlerin, und ich kann mich hineinprojizieren.
Ich habe die Perspektive einer Künstlerin eingenommen, die sich durch Ruinen (wie zerstörte Kirchen) bewegt. Das war der Eindruck, den ich hatte, als ich zum ersten Mal nach Deutschland kam.
In der Bildserie "After the Rain" greifen Sie ebenfalls den Krieg und seine Folgen motivisch auf. Nach dem 2. Weltkrieg wurde Berlin zerstört. Auch Seoul wurde nach dem Koreakrieg zerstört. Können wir die Erfahrungen beider Länder tatsächlich vergleichen?
J.K.: Inspiriert von Max Ernsts "After the Rain" habe ich mit diesem Titel viele Ruinenlandschaften gemalt. "Nach dem Regen" ist eine Metapher für die Zeit nach dem Krieg, und man könnte die Situation in Korea und Berlin vergleichen. Obwohl Deutschland jetzt geeint ist, ist Korea immer noch ein geteiltes Land, und diese politische Situation hat meine Arbeit beeinflusst.
Meine früheren Arbeiten, die "Truemmerfrauen"-Serie und die "After the Rain"-Serie, beinhalten traurige Geschichte und die aktuelle Situation in Korea, das immer noch unter der Spannung des Krieges steht.
Und nach der Pandemie sind Umweltprobleme und die Wiederherstellung der Natur große Probleme in der Welt. Die aktuelle Arbeit ist mit Gaze gefertigt, einem medizinischen Material zur Heilbehandlung; Ausdruck von Mensch und Natur, die verletzt und zerstört werden.
Lassen Sie uns beim Aspekt der "Verletzung" von Mensch und Natur bleiben. Ihre Porträtserien mit Gaze 2017, eingefärbt mit Asche, z.B. von Samuel Beckett, Leo Tolstoi, Arthur Schopenhauer und Rosa Luxemburg sind nach Ihren Worten "Landschaften in Menschengestalt". Dazu reißen Sie die Gaze, also Bandagen, auf und nähen sie aufs Papier. Landschaften und Porträts haben einen fotorealistischen Touch – besonders die Wiedergabe der Meeresgischt. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man die Struktur aus Fäden. Könnten Sie darauf eingehen, warum Sie ein Material für Ihre Kunst nutzen, das auch zur Versorgung von Wunden Verwendung findet?
J.K.: Ich habe bisher eine Vielzahl von Materialien verwendet, wie Seife, Asche und Bandagen. Für die Performance "Exercise in Futility" habe ich Seife verwendet, um das traditionelle Frauenleben darzustellen, für die Serie "After the Rain" habe ich Asche zum Malen verwendet und für die Serie "Painstaking" sind Bandagen das Hauptmaterial. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Menschen und Städte verletzt und zerstört, und mit dem Einsetzen von Wirtschaftskriegen und Industrialisierung wurde die Natur Opfer und begann zerstört zu werden. Der Ozean ist wie eine Mutter für die Menschheit, aber der Ozean ist verschmutzt und die Wälder verschwinden. Ich erschaffe Wälder, Ozeane, Menschen und Naturlandschaften mit dem Heilmaterial Gaze. Ich drücke mit Gaze das Thema Umwelt aus, aber auch das Innere der menschlichen Natur, verletzt und verwundet, und die heilende Natur metaphorisch und ästhetisch.
Was sind die wünschenswerten Effekte, die Sie durch Ihr künstlerisches Engagement anstreben?
J.K.: Das ist eine wichtige Frage, denn ich hatte ein Leben voller Frustration und Schmerz als Künstlerin, sowohl finanziell als auch auf der Suche nach Antworten auf zeitgenössische Kunst. Wie im Mythos von Sisyphos bin ich jeden Tag eine Künstlerin, die im Atelier arbeitet, scheitert und Erfolg hat. Ich denke, es ist der beste Weg für mich, einen Sinn in meinem Leben zu finden ähnlich wie ein Mönch.
Mein Ziel ist nicht der Geldbetrag auf meinem Bankkonto oder eine berühmte Künstlerin zu werden, obwohl ich darauf so neidisch war, als ich jünger war.
Ich möchte Werke schaffen, mit denen ich bis zum Ende meines Lebens zufrieden sein werde, und die Gedanken ausdrücken, die ich im Kopf habe, und mein erstes Publikum bin ich selber.
Ich habe bisher so viele nette Menschen durch meine Ausstellungen kennengelernt.
Wenn sich jemand mit mir anfreunden kann, nachdem er diesen Artikel gelesen und meine Werke gesehen hat, dann fühle ich mich als erfolgreiche Künstlerin.
Liebe Jinran Kim, vielen Dank für unsere freundliche Unterhaltung. Herzlich alles Gute für Sie und für Ihre Pläne und Projekte!
CV
Born in Seoul, Korea. Since 1994 working and living in Berlin and Seoul
1994 - 1997 Universität der Künste Berlin, FB1 Bildende Kunst with Wolfgang Knapp, Monika Murasch
1996 Winchester School of Art in England
1991 – 1993 M.A. course at Seoul National University
1987 - 1991 trained as a sculptor at Seoul National University
Find more on: https://jinrankim.com
Der Kontakt zu Jinran Kim entstand freundlicherweise über die Galerie Z22.
Interviewerin: Martina Pfeiffer


