„Wo der Name wohnt“ – Kein Hineinschreiben in die Lücken gelebten Lebens
Ricarda Messner erhielt für ihren Debütroman den Fuldaer Literaturpreis 2025

„Wo der Name wohnt“ wurde von der Zeit-Redaktion unter die 100 besten Bücher 2025 gewählt. Im gleichen Jahr erhielt Ricarda Messner für ihren Debütroman den Fuldaer Literaturpreis. Was darin erzählt wird, ist weitgehend autofiktional angelegt. Für die junge Ich-Erzählerin gibt die Auflösung der Wohnung ihrer Großeltern in Charlottenburg den Anstoß, nach den Vorfahren zu forschen und die Familiengeschichte über mehrere Generationen zu rekonstruieren. Dabei wird sie auch mit der Vernichtung von Juden aus dem Rigaer Ghetto konfrontiert, von der ihre früheren Angehörigen seitens des Großvaters – lettische Juden - in Teilen betroffen waren. Im Verlauf der Spurensuche stößt sie auf das Verdrängte, das Ausgelöschte und die Lücken im gelebten Leben derjenigen, von denen im Buch erzählt wird. Damit begibt sie sich absichtsvoll auf die Suche nach der eigenen Identität und nach einer Vorstellung von „Heimat“.
Trauma der Postgeneration(en): Widerfahrenes Geschehen - gewaltvoll, verstörend. Versuche eines Nachvollzugs des Grauens. Gleichzeitig der Wunsch nach Ehrung des Andenkens von Menschen, welche die eigene Identität mitprägten. Die Protagonistin ist – entsprechend der autofiktionalen Züge des Romans - bestrebt, als einzige Tochter den Namen der Familie fortzuführen, um eben den Namen mütterlicherseits, Levitanus, „weiter am Leben zu erhalten“. Die Auskunft des Bezirksamts Berlin Charlottenburg im September 2020 in der apodiktischen Lautung: „Unter Zugrundelegung Ihrer Schilderung kann hier kein wichtiger Grund für eine Familiennamensänderung gesehen werden und ein entsprechender Antrag wäre folglich abzulehnen.“ Zäsuren setzend, durchzieht Messner ihren Roman mit behördlichen Sätzen wie diesem, deren Aussage immer nur ein und dieselbe ist: Dem Wunsch nach einer Namensänderung wird nicht stattgegeben.
Frau Messner, wissen Sie noch, wann und in welchem Zusammenhang Ihnen erstmals der Gedanke gekommen ist, die Thematik von „Wo der Name wohnt“ literarisch zu verarbeiten?
Ricarda Messner: Da ist zum einen der offizielle Beginn, der konkret mit der Möglichkeit einer Veröffentlichung verbunden war, also mit einem Angebot seitens eines Verlags und dem daraus entstehenden Vertrag. Und dann gibt es all die Jahre davor, die unabhängig von dem Gedanken an ein Buch für sich stehen.
Es ist genau diese der eigentlichen Schaffensphase vorgelagerte Zeit, die eine nähere Beleuchtung verdient. Ich kann mir vorstellen, dass man sich selbst sichtend und tastend zum einen noch in einem gedanklichen und emotionalen Freiraum bewegt. Andererseits dürfte es auch in der Phase der Vorbereitung nicht ganz ohne eine Anordnung der Ideen und auch nicht ohne eine erste skizzenhafte Strukturierung des Vorhabens gehen. Wie lief das bei Ihnen?
Lange bevor überhaupt die Idee einer literarischen Verarbeitung entstand, hatte sich bereits viel Material angesammelt, durch Recherchen, Dokumente, Geschichten, Entscheidungen, Gedanken, das eigene innere Erzählen und Erinnern von Anekdoten. Für den Schreibprozess war das teilweise überfordernd, weil es zunächst weniger um das Schreiben selbst ging als um die Suche nach einer Form, die all diese Fragmente miteinander verbindet. Gleichzeitig bin ich dankbar dafür, dass vieles bereits unabhängig von einem konkreten Buchprojekt entstanden ist. Damals ging es nie um die Frage, wie sich etwas literarisch verarbeiten oder anordnen lässt, sondern zunächst einfach darum, den Wegen ohne jegliche Erwartungen nachzugehen.
War Ihnen beim Erzählen die Beibehaltung einer chronologischen Abfolge vorrangig oder lassen Sie es Ihrer Ich-Erzählerin durchgehen, dass sie abweicht, springt und Alltägliches in die erzählte Historie hineinmischt?
Mich interessiert das Erzählen dort, wo es aus dem Alltag, aus dem Alltäglichen entsteht. Zumindest war es bei Wo der Name wohnt so. Ich habe vier Jahre gebraucht, um herauszufinden, wie ich dieses Buch schreiben kann, welche Stimme ich dafür finde und wie sich ein Verhältnis zwischen Nähe und Abstand herstellen lässt. Erst als ich mich auf eine unmittelbare Nähe eingelassen habe von der Wohnung und dem Haus zu erzählen, in dem ich bis heute lebe, habe ich verstanden, das ist das Buch, das ich schreiben kann. Hier ist der Ort, an dem Alltag und Erinnerung aufeinandertreffen. Die ersten Jahre waren hingegen von einer künstlichen Distanz geprägt. Ich dachte ich muss die Geschichten meiner Familie linear und historisch chronologisch „richtig“ zu erzählen. Oft begann alles bei einem Urgroßvater vor hundert Jahren. An diesem Versuch, aus dem Abstand zu beginnen, bin ich gescheitert.
Welchen Fragen sind Sie in der Erforschung der „past lives“ nachgegangen?
Ich hatte in diesem Sinne keine konkreten Fragen an die „past lives“. Vielmehr ging es mir um die Haltung: Wie sich Menschen nähern, die nach unserem klassischen Verständnis keine physische Existenz mehr haben? Wie kann man sie sprechen lassen, wie kann ich ihnen weiterhin zuhören? Und mit welchem Recht erzählt man ihre Wege, Entscheidungen und Geschichten weiter? Diese Fragen bleiben für mich auch nach der Veröffentlichung teilweise offen und genau das gilt es auszuhalten. Es ist letztendlich ein Versuch gewesen, ein „Wir“ entstehen zu lassen, mit den eigenen Toten zu erzählen und nicht bloß über sie zu schreiben.
Wie verlässlich bzw. wie präzise sind Erinnerungen?
Mich beschäftigt weniger die Frage nach der Präzision von Erinnerung als vielmehr: wie funktioniert Erinnerung eigentlich? Wohin trägt sie einen? Die Erinnerung selbst als einen Art Zwischenraum zu begreifen, durch den man sich bewegen kann.
Was sind die Verdrängungen, das Ausgelöschte, die Lücken im gelebten Leben der Angehörigen? Wie ist das literarisch darzustellen?
Für mich bestand der einzige mögliche Weg darin, diese Lücken weiterhin zu respektieren und die Toten im Nachhinein nicht zu analysieren oder zu interpretieren. Stattdessen wollte ich zulassen, dass sie mich mit ihren Widersprüchen, Verdrängungen und Leerstellen an die Hand nehmen und von einem Satz zum nächsten führen. Ich wollte so gut wie möglich, die vermeintliche Hierarchie zwischen mir als Erzählerin und ihnen aufzulösen. Die Macht abgeben, die ich als Stimme aus dem Heute vermeintlich habe.
Wie dürfen wir uns dieses „Macht abgeben“ vorstellen?
Vielleicht lässt sich das an einem konkreten Beispiel besser verdeutlichen. Mein Großvater nahm lebenslang für sich und uns Kassetten auf und stellte Musik zusammen. Viele dieser Lieder waren auf Russisch oder Jiddisch, in Sprachen, die ich nicht verstand. Fast drei Jahrzehnte später, mein Großvater war längst verstorben, hörte ich diese Lieder erneut und ließ sie übersetzen. Dabei dachte ich, dass er insbesondere bei zwei Liedern an seine Eltern gedacht haben muss. Mein Großvater sprach allerdings nie über seine eigenen Toten, die ermordet wurden. Es wäre ein Hineinschreiben in eine Lücke gewesen im Nachhinein zu behaupten, er hätte bei den Liedern jede Nacht an sie gedacht. Davor bin ich zurückgeschreckt und wollte diese Grenze beim Schreiben nicht überschreiten. Stattdessen habe ich die Texte der Lieder übertragen und meinen Großvater in diesem Moment selbst zum Erzähler gemacht.
Kann Erinnerung tyrannisch sein?
Ja bestimmt, aber es ist ja nie die Erinnerung an sich, die tyrannisch ist, sondern das, was die Erinnerung nicht vergessen kann oder auch das, was die Erinnerung vergessen muss.
Wie stehen Sie zu dem Begriff der „Aufarbeitung“?
Ähnlich wie bei der Erinnerung richtet sich die Aufarbeitung an etwas, das sich vor allem mit dem Vergangenen beschäftigt und den Fokus auf die Vergangenheit setzt. Mich interessierten zum Beispiel die Vergangenheit und die Wege, die vor mir lagen, allerdings nie losgelöst von der Gegenwart. Daraus haben sich auch das ständige Springen zwischen den Zeiten und die Entscheidung ergeben, nicht linear erzählen zu wollen. Auch über das Buch hinaus möchte ich das Vergangene nicht einfach als vergangen betrachten. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit findet für mich immer in einer Verbindung zwischen Gestern und Heute statt. Was bleibt? Was bleibt nicht? Und wie zeigt sich das Heute im Gestern, das Gestern im Heute, mal deutlich, mal kaum wahrnehmbar? „Aufarbeitung“ interessiert mich deshalb weniger als eine rückblickende Verarbeitung des Vergangenen, sondern ebenfalls als eine Möglichkeit andere Zukünfte denkbar zu machen.
Die Behördenantworten, die in Ihrem Buch auszugsweise immer wieder auftauchen – sie weisen aus meiner Sicht auf die Kommunikation mit Ämtern hin, die durchaus seltsame Blüten treiben kann und mitunter ins Absurde geht. […]
[…] Die Zitate aus dem deutschen Namensänderungsgesetz empfinde ich jedenfalls nicht als absurd. Es handelt sich dabei um die Sprache staatlicher Verwaltung, eine Sprache, die Normen setzt und Realität bestimmt. Gerade deshalb wäre ich damit vorsichtig, sie als „absurd“ zu bezeichnen, dafür ist sie viel zu mächtig.
„Wo der Name wohnt“ trägt buchstäblich den Namen im Titel. Könnten Sie mehr zu dem Anliegen sagen, aus dem heraus das Buch entstanden ist?
Das Buch selbst ist aus und in der Sehnsucht nach einem Namen entstanden, dem Namen Levitanus, in dem ich noch geboren wurde und der mich mit der mütterlichen Seite meiner Familie verbindet. Ich habe um diesen Namen wie um ein Gesicht getrauert und wollte ihn wieder annehmen. Deshalb schrieb ich einen Brief an das Amt und erhielt eine Antwort mit Verweisen auf die Gesetzgebung und die Gründe, warum dies nicht möglich sei. Zum Beispiel warum mein Geburtsname nach staatlichem Verständnis nicht mehr mein Geburtsname ist. Und durch diese Anordnung sind womöglich die anderen Seiten des Buches – die Wege und Bewegungen der Menschen, die in diesem Namen gelebt haben – letztlich auch zu Geschichten gegen die Ablehnung dieser Namensänderung geworden.
Das Interview führte Martina Pfeiffer
Ricarda Messner, Wo der Name wohnt (Roman), Berlin: Suhrkamp Verlag, 2025.

Über die Autorin:
Die Großeltern waren 1971 mit der Mutter nach Berlin Charlottenburg gekommen. Hier wurde Ricarda Messner 1989 geboren. Nach ihrem Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin zog sie zunächst nach New York. Mit 23 war Ricarda Messner Mitbegründerin und Herausgeberin des Independent-Magazins Flaneur. Dieses Format widmet sich in jeder Ausgabe einer Straße der Welt und wurde mehrfach ausgezeichnet. Wo der Name wohnt ist Messners Romanerstling, erschienen 2025. Dafür erhielt sie das Alfred-Döblin-Stipendium und den Literaturpreis Fulda, mit dem jährlich das beste deutschsprachige Prosadebüt der Büchersaison gewürdigt wird. Die Autorin, Redakteurin, Verlegerin und Kuratorin lebt und arbeitet in Berlin Charlottenburg.