Ein Erlebnisbericht von Martina Pfeiffer

Wer möchte nicht manchmal drauflos pfeifen können, aus reinem Übermut. Oder dann, wenn es einem in der Not hilft. Man denke an das berühmte Pfeifen im Walde, wenn uns mulmig zumute ist. Oder frei von der Leber weg einfach auf alles und jeden pfeifen. Das wär's doch.

Mäuschenstill ist es im Figurentheater Grashüpfer, als die Vorstellung beginnen soll. Theaterleiterin Alessia Ludovici tritt vor die Anwesenden und fragt das junge Publikum: "Kennt ihr denn den Namen des Theaterstücks, das heute gespielt wird?" Ein kleines Mädchen wagt sich zaghaft vor: "Hasen pfeifen nicht". Stimmt, genau das ist der Titel. Das Murmeltier ist dafür bekannt, dass es die Kunst des Pfeifens beherrscht. Pfeifende Hasen jedoch kennt man nicht. Allerdings gibt es da ein Langohr, welches in dieser Sache der Normabweichler sein will. Und das steht im Theaterstück (Produktion: Nicole Gospodarek) mit der heutigen Premiere im Mittelpunkt.

Die Schauspielerin Nicole Gospodarek hat in Zusammenarbeit mit Regisseurin Judith Seither eine Bühnenfassung in Anlehnung an das gleichnamige Kinderbuch von Ludvik Askenazy erarbeitet. Das Bühnenbild (Anke Lenz) zu Beginn: Ein grünes Tuch, über ein Gerüst drapiert,  deutet hügelige Landschaft und Gebirge an. Rechts ein Plakat mit der Aufschrift: "Bestes Pfeifkonzert der Welt!!!". Wie wir sogleich erfahren, hören wir das guinessbuchverdächtige Pfeifkonzert per Radioübertragung von Kunstpfeiferin Murmel Murmel: Melodien aus der Zauberflöte von "Murmeldeus Muzart" (Arrangement: Horia Dumitrache). Die Messlatte liegt also ziemlich hoch für alle, die sich mit dem Gedanken tragen, pfeifen zu lernen. Allen voran unser kleiner Meister Lampe mit seinen gelb-grünen Kulleraugen. Der hat einen Plan gefasst. Er fragt überall herum, wie er die Bekanntschaft der Koryphäe in der Disziplin des Pfeifens machen kann, um eben dieses zu erlernen. Das ist sein Sehnsuchtsziel. Mümmelmann macht sich also auf die Suche nach Frau Murmel Murmel. Nicole Gospodarek tritt gleich zuanfangs in Trachtenloden,  mit jauchzenden Jodlerrufen und einem burschikosen "Servus miteinand’" auf die Bühne. Sie kündigt an, wen sie nachfolgend alles spielen wird: den Hasen, das Wiesel, das Birkhuhn, den Fisch, den Hirschen, das Murmeltier. Fliegende Rollenwechsel – atemberaubend umgesetzt von der Schauspielerin, die ihre Ausbildung am Europäischen Theaterinstitut Berlin (ETI) erhielt. Neben dem fulminanten Rollenspiel übernimmt sie im Stück auch sämtliche Umbauten.

Nicole Gospodarek ist für ihr Publikum sichtbar, während sie den Puppen ihre Stimme leiht. Die energetische Qualität von Körper und Stimme der Schauspielerin geht über in die Puppe und beseelt das Objekt, so dass die Illusion gern angenommen wird. Zumal das Stück geradezu sprüht vor pfiffigen und poetischen Momenten. Es wendet sich an die Kinder in den Stuhlreihen ebenso wie an das Kind in uns. Erinnert sei an das Wort des Theatermannes Stanislawski: "Die Art, wie man für Kinder spielen muss, ist dieselbe wie für Erwachsene, nur muss man besser spielen". Denn den Kleinen, aufmerksam wie sie sind,  entgeht nichts. 

Die Aufführung ist gespickt mit zauberhaften Augenblicken. So zum Beispiel, wenn das Birkhuhn, ganz untypisch für seine Gattung, ein furioses Flamencosolo hinlegt. Das Wiesel reimt wortgewitzt  à la Morgenstern. Der hilfsbereite Fisch setzt mit schillerndem Seifenblasen-Geblubber ein Notsignal an den Hirschen ab. Nicht minder berückend: Der Einsatz von Flachfiguren im Stück. Hirsch und Hase im Doppel en miniature. Es geht hurtig über Stock und Stein, das Häschen mit seinen wundgelaufenen Pfoten im Huckepack. 

Auf vergnügliche Weise gelingt es der Aufführung, Stereotype sichtbar zu machen und statt der allseits auffindbaren Abfinderhetorik: "Es ist wie's ist" die Kraft der Veränderung spürbar werden zu lassen. Hasen können nicht pfeifen, Menschen können nicht fliegen, Behinderte sind keine Olympioniken, alte Menschen können sowieso nichts mehr lernen. Hätten alle so gedacht, hätte es nicht den Schneider von Ulm mit seinen Flugversuchen gegeben, nicht die  Paralympics und auch nicht das Konzept des Lebenslangen Lernens. Und und und…

Das virtuose Spiel mit Stereotypen durchzieht das gesamte Stück. Das Wiesel vertritt die Meinung: "Man kann nicht alles können". Das Birkhuhn ist überzeugt "Hasen pfeifen nicht". Der Hirsch amüsiert sich über des Hasen Wunsch und kommentiert:  "Hasen  pfeifen doch nicht!" Und auch das Murmeltier erhält seine feste Zuschreibung. Ein Murmeltier wolle keine Bekanntschaft machen. Murmeltiere seien ausgesprochene Einzelgänger, so die Auskunft von allen. Tatsächlich kann das Murmeltier zunächst einmal Gesellschaft nicht ausstehen, und schon gar keine Stadthasen. In seiner selbstgewählten Einsamkeit hat es eine innige Beziehung zum Theatervorhang aufgebaut und geht voll in der hohen Kunst des Pfeifens auf. Es denkt bei sich über den ambitionierten Schüler: "Er wird es sowieso nie lernen!" Und nachdem der Hase die Pfeiflektionen weinend und mit schmerzenden Wangen aufgibt, tröstet ihn Frau Murmel Murmel: "Es muss ja nicht jeder pfeifen können."

Am Ende geht dem Sympathieträger des Stücks, und auch dem Murmeltier wie überhaupt uns allen etwas auf: Unser Häschen hat zwar nicht Pfeifen gelernt, aber auf dem Weg zu seinem Sehnsuchtsziel, durch seine Lernlektionen,  hat es das Lippenflattern gelernt. Und das hilft ihm erstaunlicherweise gut gegen sein mitunter aufgeregt klopfendes Hasenherz. Dem Murmeltier hat der kleine Held dazu verholfen, geselliger zu werden. Der Hase, der nicht pfeifen kann und das Murmeltier, das nicht gesellig ist, schließen eine wunderbare Freundschaft.  Damit ist viel gewonnen. Mehr als nur die Fähigkeit, pfeifen zu können. Beide haben etwas, worüber sie sich freuen können und blicken frohgemut dem nächsten gemeinsamen Sommer entgegen.

"Wenn ich es recht überlege, war das der schönste Sommer, den ich hatte", bekennt am Ende derjenige, der anfangs alles daransetzte, das Pfeifen zu lernen. Auf dem Weg zu diesem für ihn unerreichbaren Ziel haben sich andere, fabelhafte Möglichkeiten geboten und Erfolge eingestellt. Und der nächste Sommer kommt bestimmt. Kurzum: Die neue Produktion von Nicole Gospodarek – ein hasenstarkes Stück mit Pfiff! 

Spielzeit: 45 Minuten

Die Premiere fand am 14.06.2025 im Figurentheater Grashüpfer statt: www.theater-grashuepfer.de 

Weitere Termine: www.nicolegospodarek.de