Aphoristiker sind die Seiltänzer des Wortes. Ihr Balancieren auf der Grenzlinie zwischen Dichtkunst und Philosophie - ebenso stilsicher wie elegant. Dergleichen Drahtseilakte erfordern eine geistige Beweglichkeit, die es sich nicht bequem macht. Und Mut zur Aussage, die den Lesern einiges abverlangt. Der Aphorismus: ein auf bündigem Raum konzise gefasster Gedanke, der tiefere Zusammenhänge schlaglichtartig erhellt. Durch lakonisch präsentierte, rhetorische Überraschungscoups versetzen Aphorismen einen Erkenntnisschock - eine vorsätzliche Anstachelung des Lesers, sich nach solchen Verabreichungen selbst um Wahrheitsfindung zu bemühen. Wohlgemerkt: wir befinden uns auf aphoristischem Gelände und damit nicht auf den ausgetretenen Pfaden des Sprichworts.

Das in größtmöglicher Kürze und verblüffend Gesagte - gleichsam die Quintessenz aus durchwachten und durchdachten Nächten. Die Gewalt des Gedankens in nuce zu fassen, ist ein geistiger Kraftakt. Seine Leserschaft will der Aphoristiker nicht an die Hand nehmen und zu ihrem Glück zwingen, sie nicht am Gängelband führen. Anders herum. Am besten ist der Zubereiter aphoristischer Feinkost, wenn es ihm gelingt, uns über seine schmackhaften Sprachkreationen nicht nur zum Genießen zu verleiten, sondern mit seinen Wahrheiten unsere Augen zu öffnen. Der Aphorismus vollendet sich in den Köpfen der Selbst- und Weiterdenker. Einsicht als Prozess. 

Der Aphoristiker sagt in wenigen Worten, was andere in einem ganzen Buch sagen, beziehungsweise nicht sagen. So die Ideen Nietzsches und Balzacs zu der literarischen Gattung, deren Stärke in der pointierten Verknappung liegt. „Sprachkürze gibt Denkweite“, sagt treffend Jean Paul.

Das griechische Verb aphorizein beinhaltet drei Bedeutungsnuancen: unterscheiden, abgrenzen, genau bestimmen. Von der Antike bis ins 18. Jahrhundert hinein verstand man unter Aphorismen überlieferte Sammlungen von medizinisch-naturwissenschaftlich ausgerichteten Lehrsätzen und Lebensregeln nach dem Vorbild der Schriften, die dem griechischen Arztes Hippokrates zugeschrieben wurden. Hinzu treten weitere Traditionsstränge: Sammlungen von „Geflügelten Worten“, die ihren Stammvater in Plutarch haben. Außerdem die Sinnsprüche von Kirchenmännern als Maximen einer gottesfürchtigen Lebensführung. Ein maßgeblicher Beitrag zur zugespitzten Miniaturform als Reflexionskunst, im Einzugsbereich der Geisteswissenschaften, erfolgt 1797 mit Friedrich Schlegels „Kritischen Fragmenten“.  Der klassische deutsche Aphorismus beginnt mit Georg Christoph Lichtenbergs „Sudelbüchern“, seiner „Milchstraße von Einfällen“. Am Ende der Aufklärungsepoche lässt Lichtenberg in aller Bescheidenheit verlauten: “Wenn auch meine Philosophie nicht hinreicht, etwas Neues auszufinden, so hat sie doch Herz genug,  das längst Geglaubte für unausgemacht zu halten“. Montaigne und La Rochefoucauld sind Vorbilder Lichtenbergs. Als Höhepunkt in der Fortentwicklung der Gattung wird vielfach Friedrich Nietzsche genannt, der hinsichtlich seiner Aphorismen den doppelten Anspruch von Literatur und Philosophie geltend macht. Für ihn selbst ist dabei der Stellenwert des „mit den Begriffen Tanzen-Könnens“ zentral. Seine Leserschaft fordert er zum Mittanzen auf - ohne tanzmeisterliches Belehrenwollen.

Wie Elias Canetti meinte, lesen sich die Aphoristiker, als hätten sie alle einander persönlich gekannt. Man ist unter sich. Und auch wir, die wir uns für den Aphorismus begeistern, gehören zu diesem erlauchten und gewitzten Kreis.

Das bringt mich zu der 2025 erschienenen Aphorismensammlung „Pralinen mit Menschengeist“ von Autor Sascha Heße – übrigens auch ein geschätzter Essayist. Nein, der Titel verweist nicht auf eine neue Kreation der Chocolatiers. Auch keine aufsehenerregende Neuschöpfung aus dem Genlabor ist damit gemeint. Genug davon, was diese Sammlung nicht ist. Anstelle einer trockenen Definition hier nun eine Auswahl der Aphorismen aus der Feder von Sascha Heße mit dem diesen besonderen „Pralinen“ eigenen Überraschungspotenzial, das entsprechend goutiert werden darf: 

„Wie arm wäre ein Leben, das nicht zumindest ein paar schwerwiegende Versäumnisse aufzuweisen hätte“.

Wie wahr! möchte man da rufen, taugt doch gerade das fatal Versäumte dazu, sofern erkannt und akzeptiert, den Blick für die Realitäten des Lebens zu schärfen und damit für existentiellen Zugewinn zu sorgen. 

„Vom wahren Gott trennen den Waren-Gott nur wenige Zeichen“. 

Nichts Heiligeres als der wahre Gott und nichts Profaneres als die käufliche Ware, doch oftmals fallen – in einer Konsumgesellschaft wie der unsrigen – beide Götter ineins. 

„Wo sich der Kopf leer ausnimmt, muss der Mund voll genommen werden“. 

Betrachten wir die Antithese Kopf leer – Mund voll: Wie ist es also dann um die Klugheit der vielen bestellt,  die auf dieses billige Ablenkungsmanöver hereinfallen und Maulhelden, die es nicht besser als manche Pubertierende wissen, auf den Leim gehen?

„Die beste Art Zeit zu verbringen ist, sie zu vergessen.“ 

Oder versuchen, sie totzuschlagen, bevor sie uns totschlägt. Wäre also die Vergesslichkeit, bezogen auf die Zeit, eine himmlische Gabe? Vielleicht denkt man an dieser Stelle an den „Vergesslichen Engel“, gezeichnet von Paul Klee…

„Enttäuschung ist ein Tauschhandel, bei dem wir für wenig Illusion viel Wahrheit bekommen.“ 

Enttäuschung als Ent-Täuschung, die Befreiung von einer Täuschung. Heße geht zudem auf den „Tausch“, der in der Enttäuschung steckt. Was kann einem Besseres passieren als dieser Tauschhandel?

„Unser Leben läuft – Wir laufen hinterher“: 

Ob wir es laufen lassen, unser Leben, oder meinen, seinen Lauf voll im Griff zu haben – in jedem Fall sind es oft Re-aktionen, von denen wir nur glauben, es seien Aktionen. Merke: Das Leben ist uns in der Regel gleich mehrere Nasenlängen voraus.

„Manche, so scheint es, vertreten sich auf ihrem Standpunkt nur ein wenig die Füße.“ 

Gerade die Leute mit lautstark verkündetem festem Standpunkt sind volatiler, als man denkt. Dabei ist die imposante Stellungnahme oft nichts weiter als das Aufbürsten alter Hüte.

„Vordenker, das sind meist solche, die besser nachdenken sollten“ 

Danach ist man bekanntlich immer schlauer.

„Humorlose meinen es ernst damit“ 

… und Möpse kämen für sie also Haustier nie in Frage. Eher Schäferhunde. Der Humorist Vicco von Bülow lässt zwei Knollennnasenmännchen in der Badewanne im Streit um die Ente im Brustton der Überzeugung sagen: „Es ist mir ernst!“        

„Eine einzige Einsicht muss oft gegen eine ganze Schar von Ansichten kämpfen.“ 

Irgendwelche Meinungen haben schließlich viele, allerdings ohne je etwas vertieft zu haben.

„Leg ihn ab, den Mantel des Schweigens, und dir wird wärmer“. 

Sich kommunikativ zu zeigen, argumentativ zu agieren, um sich dann angemessen durchzusetzen: ein erstrebenswerter Bonus. Wenngleich nicht bei den Hitzköpfen mit Schlagseite rechts.

„Das Glück hat gerade keine Termine frei ? – Vielleicht triffst du es an, wenn es gerade Kaffeepause hat.“ 

Vielleicht, ja vielleicht ist es da sogar ansprechbarer als zu den Pflichtterminen…Mit dem Glück ist es wohl wie mit den wichtigen Wahrheiten im Leben. Die werden eher an Türschwellen gesagt als im Großen Salon. 

„Besserwissern merkt man immer den Frust darüber an, dass sie es nicht zu Ambestenwissern gebracht haben.“ 

Das Defizit, von dem der Besserwisser in seinem tiefsten Innern angetrieben wird, tritt klar hervor. Der klassische „smart alec“ grämt sich, dass es nicht zum Superchamp gereicht hat.

„Was wir hinter uns lassen, kommt uns von vorn entgegen.“

Und das Entgegenkommende meint es nicht immer gut mit uns. Wiedersehen macht zwar Freude. Allerdings nicht immer und in jedem Fall.

„Identität – der Name unseres Lieblingskostüms“. 

Es soll Leute geben, die wechseln die Identität wie andere die Hose und den Hut. Wir sind, aber wir haben uns nicht, deshalb werden wir erst (Ernst Bloch).

„Mit Vorsicht zu genießen? Entweder mit Vorsicht oder genießen!“ 

Ingo Insterburg, Namensgeber der Berliner Komikertruppe Insterburg und Co., mahnt da zur Synthese: „Der beherrschte Genuss ist der wahre Genuss. Oder anders gesagt: Wenn’s am schönsten ist, sollte man vorher aufhören. Dann passiert auch nicht so viel!“

„Wer gerne Denkzettel austeilt, hat das Zeug zum Philosophen“,                                                             

 …sollte sich dabei aber nicht verzetteln. Jedenfalls sollten Denkzettel von Philosophen nach dem Austeilen dann auch gelesen werden, beispielsweise als Aphorismen (siehe Lichtenberg, Nietzsche oder Heße).

„Wir finden manches gerade dort, wo wir nichts verloren haben.“ 

Also haben wir doch die Stirn, und machen uns am besten gleich auf den Weg dorthin, gerade wenn einer uns predigt, man habe dort nichts zu suchen.

„Wer nach dem Ganzen verlangt, fabriziert nur Bruchstückhaftes; wer sich mit dem Bruchstück begnügt, offenbart darin die Ganzheit.“

Der vorliegende Aphorismenband unterstreicht dies auf eine ebenso unterhaltsame wie geistvolle Art und Weise. Wendig, blitzgescheit und originell: So manch behäbiger und ausladender philosophischer Verlautbarung laufen die hier versammelten Aphorismen und Aperçus damit den Rang ab. Vielen Dank!

Buchvorstellung und Kommentare zu den Aphorismen: Martina Pfeiffer

Vorgestelltes Buch: Sascha Heße, Pralinen mit Menschengeist: Aphorismen. Berlin: Parodos 2025.