Das Kommende antizipieren– lustvoll oder angstbefrachtet?
Dichterworte zur Zukunft: Alice Veil, Tim Holland, Tonda Montasser und Cheikh Anta Belle Kum

Kaum etwas feuert das spekulative Denken so sehr an wie die Zukunft unseres Planeten. Ob Wunsch- oder Schreckbild - die Vorabschau des Kommenden, wenngleich Noch-nicht-Eingetretenen, ist ein imaginativer Kraftakt. "Wir stehen vor einem anonymen Kunstwerk namens 'Zukunft'.“ Je weiter wir von ihm wegtreten, desto größer werde es, und je näher wir zu ihm kommen, desto kleiner werde es. Wenn wir uns ganz von ihm entfernen, nehme es uns vollständig ein, und wenn wir an seine Stelle treten, würde es verschwinden, so Zoran Terzic in seinen einleitenden Worten von Zukunft-Kunst des Ungewissen (2022). Im Projekt "Dichtkunst mal…" haben Alice Veil, Tim Holland, Tonda Montasser und Sheikh Anta Belle Kum ihre Gedichte zum diesmaligen Schwerpunkt "Dichterworte zur Zukunft" eingesprochen und Interviewfragen zum Gegenstand beantwortet.
Cheikh Anta Belle Kum: Zukunft als rassismusfreier Raum
Für Cheikh Anta Belle Kum ist eine Gesellschaft ohne Rassismus das, was er sich für die Zukunft als Notwendigkeit und Aufgabe vorstellt. Die Stereotypisierung der "Anderen" macht es einfach, die Unterdrückung und Diskriminierung eben jener Ausgegrenzten zu legitimieren. Statt Abwehrhaltung und Ächtung, statt einer verengten Wahrnehmung durch rassistisches Denken, soll eine grundsätzliche Aufgeschlossenheit für andere Kulturen und Ethnien die Menschen künftig verbinden. So das argumentative Angebot dieses Lyrikers.
Alice Veil: Das Weltende denken, um das Weltende abzuwenden
Sich für die Zukunft das Schlimmste auszumalen, sich den negativen Gedanken zu stellen - dieses Wagnis einzugehen hält Alice Veil für geboten. Sich ins Negative fallenlassen: Andere Wachrütteln will sie damit, aber nicht intellektualisierend, sondern emotional. Alice ist überzeugt, dass nur Gefühle bei Menschen Veränderungen in Sichtweise und Verhalten auslösen. In ihrem Gedicht spricht sie von einer „Zukunft, die nicht sein wird“. Wenn andere über ihre Gedichte zu Grübeln anfangen, sei viel erreicht, findet Alice.
Tim Holland: Hoffnung als Gegenentwurf zu „negativen Narrativen“
Trotz allem, was wir über mögliche Zukünfte wissen oder zu wissen glauben, sei die Zukunft ein freier Raum. Dieser Ansicht ist Tim Holland, der poetische Möglichkeitsforschung betreibt. Der Lyriker übt sich im Hoffen und findet es weitaus mutiger, konstruktiv auf die Zukunft zu blicken, als es sich bequem zu machen und auf die wohlfeilen negativen Narrative einzuschwenken. Tim fahndet nach Hoffnungspotenzialen in den vielfältigen Formen von Kompliz:innenschaft zwischen Mensch-Tier-Pflanze. 2022 initiierte er die erste Unkonferenz für Spekulatives Fabulieren.
Tonda Montasser: Zukunft - nur in Widersprüchen zu begreifen
Im Gespräch mit Tonda Montasser ist der freie, unvorbelastete Umgang mit Sprache spürbar. Widersprüchliches bestehen zu lassen, ohne es zerebral auflösen zu wollen, die intuitive Annäherung an das Sprachmaterial kennzeichnet sein Dichten. Der rhetorische Wechsel von Ernst und Spiel macht Tondas Lyrik für die Leserschaft zu einem Ereignis. In mehreren seiner Gedichte beschäftigt ihn die Dimension des Kommenden. Tondas Haltung zur Zukunft ist ambivalent, daher hält er Michael Hellers Wortprägung „utopokalyptisch“ in diesem Kontext für treffend.
Zukunft – birgt sie das Heil oder den Horror?
Ein Interview mit Alice Veil und Cheikh Anta Belle Kum


Die Wortprägung des Lyrikers und Essayisten Michael Heller "Utopokalyptic" - das Individuum hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Angst. Ihr Gedicht"Oberflächlich", Cheikh Anta: Wenn Sie an die Zukunft der Menschheit denken, ist es dann ein Wunschbild oder ein Schreckbild, was Sie sehen?
C.A.: Ich sehe ein Wunschbild von einem respektvollen und auf Gleichheit ausgerichteten Verhalten unter den Menschen.
Extremwetterlagen apokalyptischen Ausmaßes sind eines der schockierenden Motive Ihres Gedichts "Gefrorener Wind", Alice: "Auf regentrockenen Sandwellen schwebt/ eine Zukunft die /nicht sein wird", "Schnee im August legt sich/auf offene Wunden im Asphalt", "...wenn der Regen kommt/fallen Steine und/ wir ducken uns unter/Regenschirme aus Panzerglas". Was ist Ihr Ziel, wenn Sie sich in vorwegnehmendem Denken mit der Zukunft befassen und in Ihrem Gedicht das Schreckensszenario dem Wunschbild vorziehen?
A.V.: Was mein Ziel ist kann ich nicht sagen, einfach aus dem Grund, dass ich beim Schreiben nie ein bestimmtes Ziel verfolge. Auch verstehe ich meinen Text nicht so, dass er sich mit der Zukunft befasst. Das ist vielleicht verwirrend, da ich von einer Zukunft spreche, die nicht sein wird. Dabei geht es aber um ein überwältigendes Gefühl, das man jetzt spürt, eine Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Ich habe ein gegenwärtiges Erleben beschrieben. Die Kulisse der zerstörten oder verstörten Welt dient mir als Möglichkeit, eine innere Welt darzustellen. Natürlich hängt diese innere Welt durchaus mit der äußeren zusammen, und bewusste und unbewusste Ängste, welche ich bezüglich dem Klimawandel, der Umweltzerstörung und dem allgemeinen Zustand der Welt habe, spielen sicherlich eine Rolle dabei. Aber man kann sich den Schreibprozess nicht so vorstellen, dass ich mir ein Thema, wie beispielsweise die Umwelt, aussuche und dann nach Bildern suche, um dieses zu beschreiben, oder dass ich damit ein bestimmtes Ziel verfolge, wie z.B. eine moralische Botschaft zu vermitteln. Ich schreibe das, was ich fühle, und wenn ich ein Ziel nennen müsste, dann wäre es wohl, bei anderen Menschen Gefühle auszulösen. Ob das die selben sind, die ich beim Schreiben empfunden habe oder andere, das liegt natürlich nicht in meiner Macht und es ist letztlich auch nicht so wichtig. Aber wenn ich Andere in irgendeiner Weise berühren kann, dann freut mich das sehr. Und wenn Menschen ins Grübeln geraten über bestimmte Themen, die sie in meine Texte hineininterpretieren, dann freut mich das ebenfalls.
Kommt man, wenn man weiterdenkt, was in der Gegenwart schiefläuft, zwangsläufig auf den berühmten Ast, auf dem wir sitzen und den wir dabei sind, abzusägen?
C.A.: Ja, denn Sachen wie Sexismus, Rassismus,Vorurteile und Ähnliches schaden dem sozialen Miteinander. Doch der Mensch ist ein soziales Wesen. Menschen brauchen Menschen.
A.V.: […] Es gibt sehr vieles, was wir Menschen tun, was uns selbst zerstört, sowohl im Großen als auch im Kleinen. Gesellschaftlich gesehen zerstören wir unsere Umwelt, nehmen uns selbst und unseresgleichen die Lebensgrundlage weg – hier passt das Bild des Astes sehr gut wie ich finde. […] Ich bin trotz allem ein optimistischer Mensch, oder habe zumindest solche Anteile in mir. Ich sehe gern das Gute im Menschen, was vielleicht auch mit meinem Beruf/Studium (Sozialpädagogin) zu tun hat. Ich habe mich viel damit beschäftigt, wie Menschen dazu kommen, sich 'schlecht' zu verhalten, und es geschieht nie einfach so, es hat immer Gründe. Insofern gibt es auch immer Hoffnung auf Veränderung, denn das Schlechte lässt sich verstehen, verarbeiten und verändern. Was die Gesamtsituation auf diesem Planeten angeht, kann ich schwer ein Urteil fällen, das ist einfach zu gigantisch und ich weiß zu wenig. Ich habe aber auf jeden Fall ambivalente Gefühle. Zwischen Hoffnung und Furcht, genau wie Sie es in Ihrer vorherigen Frage formuliert haben.
In Ihrem Gedicht, Alice, scheint Möglichkeitsdenken ans Ende gekommen, die Hoffnung hat sich verflüchtigt. Ihr lyrisches Ich bringt dafür keine Kraft mehr auf: "eine Zukunft die/nicht sein wird", "du sagst alles ist möglich/aber selbst Unendlichkeit/stößt an ihre Ränder". Das Gedicht endet in verstörender Resignation: “alles ist möglich/sagst du/aber/ ich sehe das Ende schon.”
A.V.: Ja, es ist aus der Sicht eines erschöpften, depressiven Ichs geschrieben.
Ich zitiere Zeilen aus Ihrem Gedicht: "der/Globus vollführt seine schönste Pirouette/immer noch und/stockt, manchmal/wenn die Sonne das Dunkel auf ihn tröpfeln lässt/bevor sie verschwindet/auseinandergerissen wird von/einer alles beendenden Umarmung/des Universums selbst." Ist das, was sie ausdrücken wollen, Trauer und bitterste Resignation oder steht dahinter der Versuch, wachzurütteln? Das Weltende denken, um das Weltende abzuwenden?
A.V.: Es ist in erster Linie der Ausdruck eines Gefühls. Ich hatte beim Schreiben keine bestimmte Intention. Insofern soll es nicht wachrütteln. Ich finde aber, bzw. hoffe, dass es das auf einer emotionalen Ebene vielleicht tut. Es ist ein Gegenentwurf zu einer Art von Depression, die aus Leere und der Abwesenheit von Emotionen besteht. Es ist ein Sich-Hineinstürzen in negative Gefühle, ein Zulassen von Schmerz und ein beinahe lustvolles Baden in negativen Gedanken. Vielleicht kann es insofern Menschen wachrütteln: Ihre Emotionen zuzulassen, sich ihnen zu stellen, Worte für sie zu finden, statt sich vor ihnen zu fürchten und ihnen dadurch zu viel Macht zu geben. Denn zumindest meiner Erfahrung nach ist es heilsam, sich einmal ganz in die Tiefe fallen zu lassen (zumindest sprachlich) und sich einzugestehen, was vielleicht unangenehm ist: Dass man sich nach negativen Dingen sehnt. Denn nur wenn man es sich eingesteht, kann man es danach wieder loslassen und geht gewissermaßen gereinigt aus dem Schreiben, Lesen oder Fühlen hervor. […]
Dreimal im Gedicht benennen Sie des Menschen Lust am Untergang: "Da ist sie wieder/ diese Sehnsucht nach dem Untergang", "Immer öfter/ genieße ich die Apokalypse", "ich denke/die Menschheit hat Todessehnsucht". Inwiefern tritt beim heutigen Menschen die allem Anschein nach paradoxe "Sehnsucht nach dem Untergang", die "Lust am Dystopischen", zutage und wie lässt sie sich begründen?
A.V.: […] insgesamt ist es, glaube ich, eher Verdrängung, Überforderung und ein Mangel an Vorstellungskraft, der die Menschen die Welt kaputt machen lässt. Es ist schwer, sich wirklich vor Augen zu führen, welche Folgen die Umweltzerstörung hat, vor allem im Alltag.
Außerdem ist das sehr unangenehm und ängstigend, und zudem scheinbar sowieso nicht wirklich aufzuhalten als Einzelne/r, weshalb wir es lieber verdrängen. Und wir neigen dazu, die Anderen als verantwortlich zu sehen und nicht uns selbst, was teilweise auch Sinn macht, wenn man sich das kapitalistische System anguckt und die Menschen, die von der Umweltzerstörung am meisten profitieren, nämlich riesige Konzerne oder bestechliche Politiker*innen.
Bei Menschen die sich mit solchen Themen sehr viel beschäftigen, kann da nach einer Weile eine zynische Haltung entstehen, die vielleicht manchmal zu einer Art Sehnsucht nach dem Untergang führt, weil man das System einfach nur noch zerstören will. Trotzdem glaube ich, dass, gesellschaftlich betrachtet, eher Verdrängung das Problem ist als die Lust am Untergang.
Setzen Sie selbst Ihr Vertrauen darauf, dass gesellschaftliche Transformationsprozesse eingeleitet werden müssen und werden, damit sich an dem sonst ins Verderben führenden Kurs etwas ändert?
A.V.: Eingeleitet werden müssen sie auf jeden Fall. Ob ich darauf vertraue dass dies geschieht... Naja, ich denke es geschehen immer parallel positive und negative Entwicklungen, jede Bewegung hat ihre Gegenbewegung und verschiedene Kräfte ziehen in verschiedene Richtungen. Ich sehe es positiv, dass Umweltbewusstsein als Thema sehr viel mehr Aufmerksamkeit bekommt als früher. Ich freue mich über jeden Menschen der beginnt, sich vegan zu ernähren, sich bemüht Plastik zu vermeiden und links wählt. Gleichzeitig ist Umweltschutz inzwischen oft vor allem eine Marketing-Strategie, statt einer starken Haltung, die tatsächliche Entscheidungen und Veränderungen nach sich zieht. Ich denke, solange wir Kapitalismus haben, wird sich nur schwerlich wirklich etwas grundlegend ändern. Aber wie es am Ende ausgeht mit der Menschheit... da habe ich wirklich keine Ahnung. Ich versuche jedenfalls, die Hoffnung zu behalten, sowohl im Kleinen als auch im Großen. Und natürlich, meinen Teil dazu beizutragen.
Sie beklagen in Ihrem Gedicht mit dem Titel "Oberflächlich" rassistische Tendenzen, Cheikh Anta: "Wir brauchen mehr Einigkeit/bevor es noch schlimmer wird./Doch Trennung wird gelehrt zur Zeit./Und die Einigkeit, sie stirbt./Menschen brauchen Menschen./Oberflächliches ist da nicht wichtig./Persönlichkeit ist das, was zählt". Wieso sind Ressentiments, Uneinigkeit und Machtverhältnisse zugunsten Weißer in Einwanderungsgesellschaften vielfach immer noch vorherrschend?
C.A.: Wieso es noch so ist, weiß ich nicht. Mir ist nur wichtig, dass das so früh wie möglich vorbei ist. Außerdem ist ein Land lediglich ein Teil UNSERER Erde und kein Besitz einzelner Personen, wie es leider dargestellt wird.
Unser Schwerpunkt im Lyrikprojekt ist ja diesmal "Dichterworte zur Zukunft". In dem Gedicht "Oberflächlich", das Sie eingesprochen haben, träumen Sie von mehr Tiefgründigkeit der Menschen im Umgang miteinander: […] Es gibt nicht nur das was man wahrnimmt./Nicht nur das was man selbst kennt./Die Wahrheit ist sehr vielfältig./Vielleicht geht`s nur nicht in dem Moment./Ich träum’ davon, dass niemand mehr/immer nur auf`s Grobe achtet. […]" Im Wunsch, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Zukunft mit Entschiedenheit entgegenzutreten: Gibt es aus Ihrer Sicht in unserer Gesellschaft gelebte Vorbilder? Gibt es, global gesehen, zukunftsfähige Modelle des Zusammenlebens?
C.A.: Vorbilder sind für mich all Jene, die ihr Bestes geben, indem sie auf Demos gehen, sich zusammen treffen, um Herangehensweisen zu besprechen, wie man das Problem bewältigen kann oder die Jugend über die Wahrheit aufklären. Ein Vorbild, das mir einfällt, ist der Musiker “Mal Élevé“. Auf Demos bin ich mehreren solcher Leute begegnet. Ein zukunftsfähiges Modell wäre das Sich bewusst-Sein, Respektieren und Akzeptieren, dass jeder Mensch anders ist und es auch sein darf. Der Gesellschaft und vor allem der Jugend muss deutlicher gemacht werden, in was für einer riskanten Situation wir uns befinden.
Interviewerin: Martina Pfeiffer
Anstelle negativer Narrative Hoffnung wagen
Tim Holland betreibt poetische Möglichkeitsforschung

Die Wortprägung "Utopokalyptic" spannt weit Auseinanderliegendes zusammen. Tim, wie ist Ihre Gefühlslage und Ihre literarische Ausrichtung, was die Zukunft angeht?
T.H.: Den Begriff habe ich noch nie gehört, aber ich kann ihn sehr gut nachvollziehen. Auch ich schwanke zwischen Hoffnung und Furcht, wenn ich an die Zukunft denke. Die Klimakatastrophe, die Kriege und menschlichen Nöte dieser Tage berühren mich sehr. Aber wenn ich über die Zukunft schreibe, schreibe ich über einen Raum, der noch nicht vollkommen bestimmt ist, auch wenn gegenwärtige Dynamiken Richtungen aufzeigen. Trotz allem, was wir wissen und zu wissen glauben, ist die Zukunft ein freier Raum, der neu gedacht und gestaltet werden kann.
Gehört für Sie vorwegnehmendes Denken mehr in die Kategorie des spekulativen Szenarioentwurfs oder geht es weiter und ist eine Art spielerisches Probehandeln?
Ein berühmter Motor für die spekulative Literatur ist die Frage „Was wäre, wenn…“ und ich würde über mich und mein Schreiben immer sagen: Ich denke auf dem Papier nach. Das Schreiben fordert mich dabei heraus. Ein einmal auf das Papier gesetztes Wort, ein Satz ist ja eine Behauptung, und wenn man das ernst nimmt, zieht das einen Rattenschwanz an Folgen und Absagen nach sich. Es steht so da, und nicht anders. Aber stimmt das? Ich muss also genauer formulieren, um in sich konsistente Bilder und Narrative zu entwickeln. Auf dem Papier probiere ich so aus, wie Kommendes gehen könnte, ich betreibe poetische Möglichkeitsforschung. Gleichzeitig schreibe ich keine Bedienungsanleitungen für die Zukunft, das kann ich ja gar nicht. Ich schreibe Literatur, die Lust hat, das Unbekannte zu erforschen – aber eben ausgehend von dem, was wir heute mit Sicherheit wissen.
Kommt man, wenn man weiterdenkt, was in der Gegenwart schiefläuft, zwangsläufig auf den berühmten Ast, auf dem wir sitzen und den wir dabei sind, abzusägen?
Das ist eine Glaubensfrage. Ich übe mich auch oft stundenlang im Doomscrolling, sehe nur die multiplen Krisen der Gegenwart, die von Menschen gemachte Klimakatastrophe usw. Gleichzeitig gibt es punktuell positive Entwicklungen, zum Beispiel neue medizinische oder technologische Verfahren, Plastiktütenverbote wirken, ein Pflegeheim hat organisiert, dass die Bewohner:innen Postkarten aus aller Welt erhalten. Mittlerweile gibt es Nachrichtenportale, die sich darauf spezialisiert haben, nur „gute Nachrichten“ zu sammeln.
Im April 2022 fand die von Ihnen initiierte erste Unkonferenz für Spekulatives Fabulieren am Literarischen Colloquium Berlin statt. In ihr tauschten sich Autor*innen ohne den Zwang einer Agenda über künftige Schreibweisen aus, also über die Zukunftsaussichten für die Literatur selbst. Was waren Ergebnisse, die Sie für wichtig erachten?
Wenn 13 Autor:innen ein paar Tage zusammen verbringen, ist allein das ein Ereignis – das war ja nach den vielen Corona-Lockdowns, das Bedürfnis nach kollegialem Austausch war groß. Wir haben über vieles gesprochen, z.B. ob und wie man noch Utopien schreiben kann, wie sich „Science“ und „Fiction“ in unseren Texten zueinander verhalten und ob es auch nichtmenschliche Erzählinstanzen geben kann? Antworten auf solche Fragen können dabei aber immer nur die literarischen Texte sein, die unter dem Titel „Kollaps und Hope Porn. 13 Zukunftsaussichten“ im Maro Verlag erschienen sind.
In Ihrer Vita bin ich auf etwas gestoßen, was sich einfügt in Ihre vielfältigen Reflexionen und Aktivitäten zum Thema "Zukunft": 2019 waren Sie Kurator von "Hurra, die Welt geht unter – die Lust am Dystopischen". Daraus ergeben sich für mich weitere Fragen: Gibt es, bei allem was Sie dazu wissen, tatsächlich eine Faszination am Denken des Weltendes, vielleicht sogar eine „Ästhetik des Untergangs“? Wenn ja, wie lässt sie sich begründen?
Feststellen kann ich: Eine gewisse postapokalyptische Ästhetik wird gefeiert, es gibt einen morbiden Chic, der in Videospielen, Filmen oder Büchern in den letzten Jahren sehr präsent ist. Warum das Menschen so fasziniert? Das kann wahrscheinlich nur die Psychologie beantworten. Aber eine Spur gibt es doch: Dietmar Dath hat in Niegeschichte, seiner umfassenden Auseinandersetzung mit der Science-Fiction, auch davon erzählt, wie das Ausmalen des „Schlimmstmöglichen“ ihn als Kind beruhigt hat: Weil sicher war, dass es nicht exakt so kommen würde, wie er es sich vorstellen konnte. Vielleicht ist da was dran.
Lassen Sie uns darüber sprechen, wie es – anders als bei der „Lust am Dystopischen - um konstruktive Denkansätze in Bezug auf künftige Krisen bestellt ist…
Ich kann die temporäre „Lust am Dystopischen“ schon nachvollziehen. Die Gedanken- und Bildwelten können imposant sein und der Grusel unterhalten. Aber die Analysen, die dahinter liegen, gehen ja oft nicht sonderlich tief. Mittlerweile langweilen mich dystopische Welten auch oft. Interessanter scheinen mir literarische Formen wie Solar Punk oder Hope Punk, die gegenwärtige und kommende Krisen mitdenken – zum Beispiel die starke Sonneneinstrahlung –, aber eben auch danach fragen, wie man mit diesen Herausforderungen umgehen kann. Hoffnungsvolles, konstruktives Denken, scheint mir angesichts der weit verbreitenden negativen Narrativen aufregender, vielleicht sogar rebellisch.
2021 kuratierten Sie "Wir, Mensch, Tier – neue Kompliz:innenschaften für eine mögliche Zukunft". Im Zusammenhang mit Ihrem Langgedicht "Wir zaudern wir brennen" habe ich gelesen, in den spekulativen Texten werde Möglichkeitsforschung betrieben: Angesichts einer sich klimatisch drastisch verändernden Welt werden neue Formen des Zusammenlebens von Menschen, Tieren und Pflanzen erprobt. Die Stichworte „Manifeste“ und „Trotzgesänge“ fallen. Den Ausdruck "Trotzgesänge" finde ich spannend und würde gerne mehr darüber erfahren, in Verbindung mit Ihrem Gedicht "Wir zaudern wir brennen"…
In „wir zaudern, wir brennen“ werden Zusammenschlüsse über Speziesgrenzen behauptet und damit also der Versuch unternommen, als „wir“ zu sprechen und gemeinsam eine Agenda zu entwickeln, um das Leben auf der Erde für alle Lebewesen neu auszurichten. Gleichzeitig zeigt sich, dass das behauptete „wir“ sich oft gar nicht so eins ist, vielmehr gibt es unterschiedlichste Gruppierungen, die aus dem "wir" herausfallen, die Manifeste proklamieren, um alles zum Guten zu wenden. Eines dieser Manifeste ist wiederum der „Trotzgesang der Kollapszisten“, die aus diesem Glauben an das Gute ausscheren: Sie wollen nicht glauben, dass Gutes wieder kommen kann. Sie sind quasi die Bequemen, die, die sich nicht mehr trauen, zu hoffen, und die gegen die Revolution Widerstand leisten.
Welche Formen könnten die von Ihnen ins Spiel gebrachten neuen Kompliz:innenschaften in der Zukunft annehmen?
Es ist die Idee, Egoismus und Individualismus zurückzudrängen und stattdessen sich solidarisch zu verhalten. Gegenüber allen Menschen, aber auch gegenüber anderen Lebensformen, zum Beispiel Tieren und Pflanzen. Wie sieht es aus, wenn wir etwa beim Bau einer Autobahn konsequent die Bedürfnisse aller Anrainer:innen mitdenken, nicht nur der Menschen, sondern auch die Tiere, die den Weg kreuzen, der Bäume, die dort verwurzelt sind, des Wassers, das dann nicht mehr in den Boden versickern kann? Weltweit gibt es mittlerweile Bewegungen, die für Persönlichkeitsrechte für Berge und Flüsse streiten. Sicher gibt es jetzt Leute, die kichern: Ein Fluss mit Persönlichkeitsrechten!? Aber Persönlichkeitsrechte sind eben die stärksten Rechte, die man weltweit haben kann, sie ermöglichen es, der Natur also anders zu ihrem Recht zu verhelfen.
Lieber Tim Holland, haben Sie vielen Dank für Ihre Ausführungen. Alles, was mit unserer Zukunft zu tun hat, ist sicherlich ein atemberaubend weites Feld, das man in einem Interview nicht ausloten kann. Alle, die mehr davon in Verbindung mit Ihrer Poesie hören wollen, werden über den Lesungspodcast mit Ihnen erfreut sein. Im Podcastbereich finden sich auch Angaben zu Ihrer Vita. Herzlichen Dank für die vielfältigen Gesichtspunkte, die Sie zum Thema "Zukunft" in unser Projekt eingebracht haben!
Interviewerin: Martina Pfeiffer
Gleichzeitiges Hoffen und Zweifeln, mit etwas Humor
Tonda Montasser nimmt in seiner Lyrik die Zukunft in den Blick

Tonda, unser Schwerpunktthema hat ja diesmal etwas mit "Zukunft" zu tun. Da bietet sich für viele Literaturbegeisterte die Science Fiction an. Ist Science Fiction etwas für dich?
T.M.:Absolut. Vor allem im Film. Ich liebe Tarkowskys Stalker und Nostalghia, Nolan mit Inception oder Klassiker wie Metropolis. Und Melancholia von Lars von Trier hat mich umgehauen. In der Literatur ist Mary Shelley mit Frankenstein für mich die Urmutter dystopischer Science Fiction. Sie hat Technik und Literatur unheimlich mutig verbunden. Sarah Kane ist für mich ihre kongeniale Nachfolgerin, weil sie diese Verbindung von Schmerz, Zukunft und Sprache auf die Bühne bringt. Ich habe ihre Theaterstücke mit 13 an einem Wochenende gelesen und das hat mich elektrisiert. Beim Treffen junger Autor*innen habe ich dann gesehen, dass auch andere Kane lesen. Und Kafka. Zeitgenössische Lyrik ist für mich sowieso immer schnell, urban, gegenwärtig – und gerade darin auf die Zukunft gerichtet. Wobei Lyrik natürlich eher nicht Fiction ist.
Schwankst du, wenn du an die Zukunft dieses Planeten und seiner Menschen denkst, zwischen Wunsch- und Schreckbild?
Ich glaube, das Schwanken ist ja Teil des Dichtens. Im Gedicht kommt alles gleichzeitig: Die ganze Welt und den Planeten in den Blick zu nehmen, das wäre vermessen für mich, auch wenn ich mal eine „Faust- youtube-Version“ geschrieben habe. Da kommt auch eine Schaukel drin vor, also das Schwanken. Aber wenn ich schreibe, öffne ich mich, und dann stürzt die Welt in mein Schreiben. Wie ich in Planet der Giraffen schreibe: „Wir nagen die Erde mit Gier ab / und behaupten dann, / dass sie immer noch existiert.“
Wie findest du das Wort "utopokalyptisch"?
Es ist genial, weil es Utopie und Apokalypse in einem Wort vereint. Genau das, was viele meiner Gedichte hoffentlich ausmacht: ein gleichzeitiges Hoffen und Zweifeln, mit etwas Humor. Nicht zynisch, sondern skeptisch, wie es in Versuchskaninchen-Burnout mitschwingt. Vielleicht auch, weil es das Ganze wie eine Versuchsanordnung macht. Etwas, was nur Sprache kann.
Hast du das Gefühl, dass die Menschen, so wie sie auf die Umwelt einwirken, dabei sind, den Ast, auf dem sie sitzen, abzusägen?
Ja, in Versuchskaninchen-Burnout sage ich: „Karton in Karton in Karton / Was für Pseudokram“. Das beschreibt unsere Konsumspirale perfekt. Wir verhalten uns wie Dreijährige im Nobelhotel – ohne Gefühl dafür, dass wir uns selbst schaden. Es ist, als betrachteten wir die Erde als All-you-can-eat-Buffet, ohne Verantwortung. Man muss, denke ich, auch wirklich immer Kapitalismus und die Frage nach dem Planeten zusammendenken. Reiche Menschen sind mit ihrem Lebensstil für die Zerstörung des Planeten hauptsächlich zuständig.
Dein Wunsch an die Zukunft, wie du es in deinem Gedicht "Was ich mir wünsche für uns?" beschrieben hast: „Dass die Welt nicht aussieht, als sei der Grafikdesigner ein Nihilist.“ Welche Eigenschaften sollte der Grafikdesigner der Welt aus deiner Sicht haben, damit wir hoffnungsfroher in die Zukunft schauen können?
Er oder sie sollte mehr Mut zu schlammigen Farben und gleichzeitigem Chaos haben. Die Welt muss lebendig, fehlerfreundlich und neugierig gestaltet sein, nicht klinisch oder leer wie ein steriles Firmenlogo oder KI-Antworten.
Noch ein Wunsch von dir aus dem Gedicht: „Für alle hier weniger habgierige Kalender, durchgeplant und eingefärbt.“ Verstehe ich dich richtig, dass du die überall anzutreffende Habgier am Umgang mit "Zeit" festmachst? Wie wünschst du dir den (anderen) Umgang mit Zeit?
Ich wünsche mir, dass wir Zeit genießen, statt sie zu dominieren. Zeit ist keine Ressource zum Ausquetschen, sondern Raum zum Lesen, Lernen, Trainieren, Lieben, etwas nur für sich selbst machen oder eben mit den Menschen, die am wichtigsten sind.. „Schweiß auf deiner Halsschlagader, […] Verse, die attackiert werden“, das ist auch aus Planet der Giraffen – für mich bedeutet das: Zeit spüren, statt sie mechanisch abzuarbeiten und verstehen, dass Zeit körperlich ist und dass wir in unserer Körperlichkeit attackiert werden.
„Ein gut durch die Ohren sausendes Gedicht“ ist dein abschließender Wunsch für uns alle. Welches Gedicht könnte das zum Beispiel sein? Hast du einen Tipp für uns?
William Carlos Williams’ „This Is Just to Say“. Es ist so knapp, so gegenwärtig, dass es wie ein Kühlschranksummen für die Ohren wirkt. Oder wie diese Frequenzen, die uns fokussieren oder in einer Minute schlafen lassen. Pflaumenfarbenes Rauschen.
In was für einer Stimmung warst du, als du „Was ich mir wünsche für uns?“ geschrieben hast?
Ich war gut gelaunt. Beim Schreiben bin ich oft gut gelaunt, weil Sprache mich prinzipiell aufheitert. Aber ich glaube nicht, dass das alle merken.
Was löst es bei dir aus, wenn du es jetzt mit einem gewissen Zeitabstand nochmals liest?
Ehrlich gesagt: „Was ich mir wünsche für uns“ wirkt auf mich heute wie ein bestelltes Weihnachtsgedicht, das sich zu sehr darum bemüht, nett zu sein. Ich wollte wohl niemandem in der Familie auf die Füße treten.
Bei den Yu-Gi-Oh-Turnieren, für die du dich hobbymäßig begeisterst, musst du mir ein bisschen weiterhelfen. Soviel ich vage weiß, hat das etwas mit Mangas zu tun. Aber was ist das genau?
Yu-Gi-Oh ist ein sehr komplexes Kartenspiel, wie Schach mit Monstern. Es bedeutet „ König der Spiele“. Man startet mit 8000 Lebenspunkten und kämpft gegeneinander. Der Manga ist die Story drumherum, aber das Spiel ist das Spannende. Ich mag vieles daran. Das Sammeln, die Turniere, Freundschaften, die entstehen, Kaufen und Verkaufen von Karten, Diskussionen um die besten Decks... Ich habe auch ein lustiges Gedicht geschrieben „Magic versus Yu-Gi-Oh“, wo ich bewiesen habe, wie sehr Yu-Gi-Oh Magic überlegen ist und wie sehr es dem Dichten ähnelt: jede Karte interagiert anders mit jeder anderen Karte, wie Worte in einem Gedicht.
Was ist das Reizvolle, vielleicht sogar Zukunftsweisende an Yu-Gi-Oh für dich?
Dass es Strategie und Kreativität verbindet, gleichzeitig aber extrem sozial ist. Du lernst, mit anderen zu spielen, Pläne zu entwickeln, und musst dabei permanent dazulernen. Aber im Moment spiele ich auch sehr gern online-Schach und mag es, dass es dazu so viel Literatur gibt.
Was sind für dich die großen Themen unserer Zeit, die auch für eine lebenswerte Zukunft von Bedeutung sind?
Klimawandel, Armut, Sucht, soziale Ungerechtigkeit und Rassismus. Alles hängt zusammen, das führt dazu, dass meine Gedichte auch immer länger werden.... Wir müssen das alles gemeinsam lösen und es gibt dafür keine Abkürzungen.
Wenn du, wie du es vorhast, später vielleicht literarisches Schreiben studierst, was müsste das Studium vermitteln, damit es dich begeistert?
Ich liebe Gruppenarbeit, wie beim Treffen junger Autor:innen. Austausch, Feedback, mit Leuten, die so klug und einzigartig sind und die ich alle feiere für das, was sie schreiben - das ist lebendig und ehrlich. Und ich habe schon sehr sehr viele Workshops gehabt, auch für Bodypercussion oder Rap oder Hip-Hop – das hat mir gefallen, und ich fände es schade, wenn ich beim literarischen Schreiben „nur“ Texte und Bücher schreiben müsste. Ich möchte auch Songs schreiben und performen, Filme drehen und so etwas wie Collagen machen oder ganz andere Dinge. Es sollte mich einfach auch mit anderen zusammenbringen, die Poesie lieben.
Glaubst du, dass in Zukunft literarisch anders geschrieben wird, als wir es bislang kannten, und auch anders als jetzt?
Ja, definitiv. Sprache entwickelt sich in alle Richtungen. Sie wird manchmal direkter, manchmal komplexer – und sie wird sich an die Welt anpassen, sie ist ja wie eine Membran. Ich habe auch schon versucht, mit KI zu schreiben, aber das funktioniert für mich nicht. Trotzdem denke ich, dass chatgpt und andere KIs das Schreiben sehr verändern werden. Bei lyrix oder dem Treffen junger Autor*innen gibt es auch ganz viele wirklich neue Texte. Einfach mal lesen.
Du nimmst ja auch aktiv am Internationalen Literaturfestival Berlin teil. Was bringt dir deine Teilnahme persönlich?
Beim ersten Mal war ich 11, das war wahnsinnig aufregend. Eine ganze Klasse von der Artistik-Schule hat dort Beiträge aufgeführt und mehrere Klassen waren im Publikum. Sie waren dann alle sehr interessiert an dem, was ich geschrieben habe und wollten alles erklärt haben. Aber ich konnte das natürlich nicht erklären. Ich kann meine Gedichte sowieso nicht „erklären“. Ich weiß auch noch, dass ich die schwedische Autorin toll fand. Dieses Jahr lese ich aus „Wiedererkennungs-Gegenwarten“, auch ein apokalyptisches Gedicht. Und die Autorin Jasmine Warga hat einen utopischen Kinderroman geschrieben, der auf dem Mars spielt. Das passt also hoffentlich.
Spielen wir mal Wünsch-dir-was: Wie sollte das Poesiefestival in der Zukunft für dich aussehen?
Vielleicht wie ich es in Versuchskaninchen-Burnout schreibe: „Eine einzigartige Reise/ durch immer flammender rote Räume“ – so stelle ich mir ein Festival vor. Ein Festival mit vielen unterschiedlichen Menschen, das bewegt, provoziert und Mut macht, während alles um uns herum immer mehr in Flammen steht.
Interviewerin: Martina Pfeiffer