Eine Kunst, die Esperanto kann
Ekaterina Koroleva begeistert sich für die Urban Art

Achtloses Vorbeigehen – einfach nicht möglich. Im Halbdunkel des Urban Canvas Parkhauses in Wedding am Gesundbrunnen ziehen Wandmalereien den Blick auf sich. Ob einer nun nach dem Einparken seine Einkaufsliste abarbeiten will oder sonst in der Gegend zu tun hat – diese Wandbilder durchbrechen jede Tagesroutine. Bei mir so sehr, dass ich nach Künstlern und Projektleitung gefahndet habe, dran blieb und schließlich fündig geworden bin. „LiebezurKunst“-Projektorganisatorin Andrea Stöckmann stellte den Kontakt zur Künstlerin Ekaterina Koroleva her. Korolevas Arbeiten sind konzeptbasiert, sie drücken Individualität aus und bieten emotionale Resonanz. Alles mehr als bloß dekorativ. Ekaterina ist in Russland geboren. Als Zweijährige kam sie 1985 mit ihrer Familie nach Berlin. Ihre Kindheit verbrachte sie im Norden der Stadt. Russische Märchen und traditionelle Folklore regen ihre Arbeiten an. Die Berliner Kieze nimmt sie als tonangebend in Sachen Trends wahr. So hat sie sich etwa in das Tempelhofer Feld und Kreuzberg verliebt. Die staatlich geprüfte Grafikdesignerin kooperiert als Illustratorin mit namhaften Labels. Als Urban Artist nimmt sie an verschiedenen Projekten teil. Ihr Markenzeichen: Frauenporträts in enger Verbindung mit botanischen Elementen. Das Ergebnis unseres Kontakts ist die erhellende Unterhaltung mit einer praktizierenden Insiderin über ihre Beiträge zur Urban Art in Berlin.
Warum gerade eine Garage unterhalb eines Einkaufsmarkts in Wedding als „Tatort“?
Ekaterina: Das waren die Flächen, die uns zur Verfügung gestellt wurden. Ich finde den Standort besonders spannend, da sich mein Studio und mein unmittelbares künstlerisches Umfeld direkt im Wedding befinden. Generell halte ich es für eine großartige Idee, die kühlen, grauen Wände einer Tiefgarage künstlerisch zu bespielen. Die Kunst verleiht der Location einen lebendigen, zugänglichen Charakter und verwandelt sie in eine charmante Urban Art Gallery.
Da, wo man sie nicht unbedingt vermuten würde. Wie kann Urban Art lokale Identität stärken?
Kunst im öffentlichen Raum schafft Dialoge und erzeugt Aufmerksamkeit. Während Stadtlandschaft und Architektur oft normiert, farblos oder unauffällig wirken, lädt Urban Art stattdessen zum bewussten Hinschauen ein. Wenn sie politisch motiviert ist, regt sie zur Auseinandersetzung und zum Nachdenken an. Manchmal genügt es aber auch, wenn sie zum Verweilen einlädt und die Menschen für einen Moment aus ihrem alltäglichen Trott herausholt.
Wie ich von Projektorganisatorin Andrea Stöckmann gehört habe, gibt es nach mehreren Monaten immer wieder neue Wandbilder in der Garage in Wedding. Dort, wo Sie Ihre Kunstwerke aufmalen, werden diese zwar fotografisch dokumentiert. Aber vor Ort verbleiben sie nicht, weil sie entfernt oder übermalt werden. Wie kommen Sie mit der Vergänglichkeit Ihrer Kunst zurecht?
Die Werke existieren in Form von Fotografien und in der Erinnerung der Betrachter weiter. Ich schätze die Dynamik eines regelmäßigen Wechsels: Ein gewisser Durchlauf hält die Aktualität der Arbeiten lebendig und gibt kontinuierlich neuen Künstlerinnen und Künstlern die Chance auf Sichtbarkeit und den Dialog mit dem Raum. Urban Art gehört niemandem und jedem. Durch das Übermalen wird der Raum nicht „besetzt“, sondern bleibt eine offene Bühne für immer neue Stimmen.
Was würden Sie als das persönliche Erkennungsmerkmal Ihrer Arbeit bezeichnen?
Meine Arbeiten zeichnen sich durch das Zusammenspiel weiblicher Figuren – meist Porträts – und einer organischen Formsprache aus der Natur aus. Die Blumen dienen dabei als Symbole für Wachstum, Vergänglichkeit und die feine Balance zwischen Stärke und Fragilität, was jedem Porträt eine tiefere, emotionale Ebene verleiht.
Manche in der Szene haben einen ganz speziellen Humor. Finden Sie es wichtig, ernste Themen mit einem Augenzwinkern zu nehmen?
Ich denke, dass Humor ein wichtiges Sprachrohr ist – besonders dann, wenn Umstände nicht zu tolerieren sind oder die Politik aus den Fugen gerät. Er ermöglicht uns einen leichteren, neuen Zugang zum Zeitgeschehen. Humor macht vieles erträglicher, wird aber oft fälschlicherweise als oberflächlich oder unpassend abgestraft. Dabei erfordert eine humoristische Herangehensweise eine besonders intensive Analyse und ein genaues Hinschauen. Es braucht viel Kreativität und Reflexion, um ernste Themen mit dieser speziellen Leichtigkeit zu behandeln und aus einem anderen Blickwinkel zu zeigen.
Was reizt Sie überhaupt daran, funktionalen Flächen im Stadtraum eine künstlerische Signatur zu verleihen?
Kunst im urbanen Raum schafft Kommunikation und einen unmittelbaren visuellen Reiz. Sie nimmt den Wandflächen die Wucht und Kälte, die Beton und Putz oft ausstrahlen, und vermenschlicht so den Lebensraum. Letztlich entsteht eine Aufmerksamkeit, die in beide Richtungen wirkt: Meine Figuren kommunizieren mit ihrer Umgebung, sie erzeugen buchstäblich Blickkontakt. Das nimmt dem Ort seine Anonymität und kreiert eine neue Form von Nähe.
Haben traditionelle Kunstformen auf Ihre eigene Kunstpraxis ausgestrahlt?
Als Kommunikationsdesignerin mit Schwerpunkt Illustration ist der grafische, gestalterische Anteil in meiner Arbeit deutlich sichtbar. Ich zitiere weniger traditionelle Kunstformen, sondern finde meine Referenzen eher im Bereich der Illustration. Ich spiele mit der Dynamik von Flächen und Linien und lehne mich dabei oft an eine Vintage- und Retro-Ästhetik an. Dennoch bewege ich mich darin sehr frei und habe meinen eigenen Stilkosmos geschaffen, zumal ich viel mit Mixed Media arbeite.
Gibt es zwischen den Urban Artists in Berlin einen Austausch, an dem Sie aktiv teilnehmen?
Solche Aktionen wie diese hier sehe ich als Form des aktiven Austauschs an. Ansonsten trifft man sich natürlich auf Ausstellungen, bei Vernissagen oder ganz entspannt auf das eine oder andere Gläschen Bier.
Thematisieren Sie in Ihrer Kunst eigentlich auch die eigene „Herkunft“?
Mein Stil ist definitiv von der Ästhetik meines Heimatlandes geprägt. In der slawischen Illustration sind Materialien wie Aquarell und Bleistift sehr populär; sie erinnern mich an die Ästhetik meiner alten Kinderbücher. Ich nutze visuelle Zitate, Schmuckelemente und Muster, die subtil auf meine slawische Herkunft verweisen.
Ist Internationalität auch etwas, das Sie mit Ihrer Kunst kommunizieren wollen? I
Ich denke, dass Internationalität vor allem hinter den Kulissen stattfindet: Viele Künstler aus unterschiedlichsten Ländern sind befreundet, und Kunst geht ohnehin über Grenzen hinaus. In meiner Illustration arbeite ich oft mit internationalen Einflüssen, besonders wenn ich typografische Bilder erschaffe. Da ich zweisprachig aufgewachsen bin, insgesamt vier Sprachen beherrsche und sechs verstehe, fällt mir der Zugang zu europäischen Sprachen sehr leicht. Ich finde den individuellen Charakter jeder Sprache faszinierend und nutze ihn bewusst als gestalterisches Element. Ansonsten ist die Kunst ja das Esperanto der visuellen Kommunikation und wird von fast allen verstanden.
Wenn wir übers Verstandenwerden reden, liegt die Frage nahe: Ist es Ihre Intention, eine bestimmte Botschaft unter die Leute zu bringen?
Wie Paul Watzlawick schon sagte: ‚Man kann nicht nicht kommunizieren.‘ Daher stehen auch meine Arbeiten immer im Dialog mit den Betrachtenden. Dennoch kommuniziere ich eher subtil: Hier sprechen vor allem die Farben, und natürlich treten meine Figuren in direkten Blickkontakt mit der Außenwelt. Meine Intention ist es weniger, eine starre Botschaft zu senden, als vielmehr Stimmungen und eine ganz bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Ich möchte die Menschen dazu einladen, für einen Moment in eine schwerelose, raumlose Welt einzutauchen.
Mit meiner abschließenden Frage komme ich nochmals zurück auf Ihr Mural in Wedding. Wenn man in dieses Parkhaus mit dem Auto reinfährt, dann hat man den Eindruck, in eine riesige Tiefgarage zu fahren. Und da überraschen die vielen Bilder an den Betonwänden. Jetzt mache ich mal diesen vielleicht etwas abenteuerlichen Link: Wenn Sie vorgeschichtliche Höhlenmalereien sehen – Fühlen Sie da eine künstlerische Verbundenheit über die Zeiten hinweg?
Da Höhlenmalereien im Grunde die ältesten menschgemachten Murals sind – absolut! Auch wenn ich die Künstler natürlich nicht persönlich kenne. :D
Interviewerin: Martina Pfeiffer
Ekaterina Koroleva Illustration
Urban Canvas Parkhaus Wedding, Projektorganisation „LiebezurKunst“: Andrea Stöckmann LIEBEzurKUNST - Über uns


