Eine Ballerina zieht es zum Schauspiel
Ingrid Birkholz – das bewegte Leben einer Mimin

Die erfahrene und für ihr Metier glühende Schauspielerin Ingrid Birkholz hat für den Kulturring drei literarische Texte eingesprochen: „Hugo von Hofmannsthal ‚Das Glück am Weg‘ (Erzählung)“, „Lesung zu Novalis‘ 225. Todestag aus ‚Heinrich von Ofterdingen‘ (Romanfragment)“, „‘Weihnachten in Cochinchina‘ (Erzählung) von Joseph Roth“ – Wir danken ihr vielmals und lassen sie im heutigen Interview selbst zu Wort kommen.
Liebe Ingrid Birkholz. Sie haben sich einen Traum erfüllt, indem Sie in frühen Jahren eine Ballettausbildung absolviert haben. Später sind Sie ins Schauspielfach gewechselt. Was von Ihrer Ballettausbildung kam Ihnen als Schauspielerin zugute?
Ingrid Birkholz: Als ich mich nach meiner Tanzzeit - 6 Jahre in den verschiedenen Engagements an den Städtischen Bühnen Münster/Köln/Dortmund/Kiel - dem Schauspiel zuwandte, wachte ich einer absolut vollkommen anderen Welt auf. Ich fiel auf durch "zuviel Haltung“, das Hohe, Gestreckte, das Aufrechte. Ich musste lernen loszulassen, die Glieder hüpfen zu lassen, und ganz wichtig, lernen geradeaus mit den Füssen laufen zu lernen. Das klassische Ballett basiert auf 90° auswärts gerichteten Beinen und Füßen, man erkennt sie sofort die Tänzer, mit deren Entengang. Und ich lächle ihnen geheimnisvoll entgegen...
Später habe ich natürlich sehr profitieren können in zahlreichen Musicals oder Revuen mit Gesang und Tanz. Schon lange gehört der Tanz in die Ausbildung zum Schauspieler. Natürlich nicht Ballett.
In Ihrem bewegten Schauspielerleben haben Sie eine beachtliche Spannbreite an Charakteren verkörpert. Welche literarischen Figuren, die wir aus Klassikern - Shakespeare, Goethe, Schiller, Lessing - kennen, so wie sie von Ihnen einstudiert und dargestellt wurden, könnten ebensogut unsre Zeitgenossen sein?
Das zeichnet die Klassiker aus: Sie spiegeln ein tiefes Verständnis der menschlichen Natur und die Komplexität des Daseins wieder - und dies in der ganzen Vielfalt. So hat jeder Dichter sein Thema, das er herausarbeitet und unsere Aufgabe als Schauspieler ist es, das durch Geist und Körper mit Leben zu erfüllen. In unserer Fachsprache heißt es: seine Figur zu verteidigen.
Hier ein Beispiel: Shakespeares „Sommernachtstraum“, das Thema ist Traum und Wirklichkeit. Zwischen Elfenkönigin Titania und Elfenkönig Oberon herrscht Ehekrieg, er beauftragt Puck, seinen Elf, einen magischen Blütensaft in Titanias Augen zu träufeln, dass sie sich, wenn sie erwacht, in den Ersten, den sie sieht - einen Esel - unsterblich verliebt. Sie liebkost ihn, streichelt verzückt seine Eselsohren […] Es geht um die Verwandlung und Unberechenbarkeit von Liebe, die hier vorgeführt wird.
Welche der Frauenrollen, die Sie auf der Bühne gespielt haben, hatte eine nachhaltige Wirkung auf Ihre persönliche Haltung?
Das bleibt nicht aus. Es ist unsere Aufgabe sich dieser Figur zu nähern, in sie einzutauchen, sie sich überzustülpen, sich eine Rollenanalyse zu erarbeiten, Eigenschaften herauszufinden. Und dann kommt der Moment, die Figur in den Endproben auf die Bühne zu übertragen und - loszulassen.
Auch hier vielleicht ein Beispiel: Edward Albee, "Wer hat Angst vor Virginia Wolf?“
Albee sah das Plakat an der Wand eines New Yorker Nachtlokals, so entstand der Titel.
Für Beide, George und Martha ist es ein Spiel und wird zu einem monströsen Ehekrieg, ein sich gegenseitig vorführen, sich demütigen. Hier geht es um die psychischen Fausthiebe zweier höchstverletzlichen Menschen, die sich nichts schenken und doch ist da eine große tiefe Sehnsucht danach, "gesehen zu werden ". Auch hier verteidige ich Marthas Haltung. Sie träumt von ihrem Sohn (den es gar nicht gibt) – immer und ganz real - und er lässt ihn sterben! George lässt ihn sterben, ein Tabu-Bruch ohnegleichen. Das alles genau zu erzählen, wo und wann es umschlägt in Hass und Zerstörung," the point of no return," den genau gilt es herauszufinden.
Gab es Rollen, die Ihnen zunächst gegen den Strich gingen?
Gegen den Strich, natürlich, eine Frage der Abwägung, mitunter sind es die größeren Herausforderungen, einen extremen Charakter zu spielen. Na, also nur zu, sich dem zu stellen ist nur spannend.
Und die private Seite des Schauspielerlebens: Konnten Sie im Verlauf Ihrer Theaterengagements tiefe Freundschaften aufbauen?
Theaterleute sind ein verrücktes Völkchen, man erkennt sie sofort: laut und ungestüm, wild, getrieben - sich erklären müssen, es geht fast immer um Alles! Oder genau das Gegenteil, still und beobachtend, ohne Worte und Attitüde. Unverwechselbar.
Theatermenschen sind eine große Familie, gehen durch dick und dünn, kämpfen um jede gute bis bessere Rolle, ein lebendiger Kosmos.
Tiefe Freundschaften zeigen sich erst im Alter, ja. Ich hab' sie gefunden und fühl mich reich beschenkt.
Sie hatten wirklich das Glück vieler und teilweise sehr langer Engagements. Wie denken Sie über die - eigentlich permanent - klammen Kassen im Kulturbereich?
Die klammen Kassen sind stets präsent. "Wir müssen sparen " ist das Mantra bei jeder Spielzeiteröffnung. Unsre Gagen sind wirklich unspektakulär, solange wir unsre Wohnung und ein halbwegs gesundes Essen bezahlen können, was braucht der Mensch noch ??? Und weiterspielen...was wäre eine Gesellschaft ohne Theater, ein seelenloses Etwas.
Es ist grotesk, dass wir Ausgaben im kulturellen Bereich zumeist Subventionen nennen, während kein Mensch auf die Idee käme, die Ausgaben für ein Bahnhofsgebäude oder einen Spielplatz als Subventionen zu bezeichnen.
Der Ausdruck lenkt in die falsche Richtung. Denn Kultur ist kein Luxus den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert (Richard v. Weizsäcker, Denkschrift 1991).
Wenn Sie sich gemütlich aufs Sofa setzen und in einem Buch Ihrer Wahl schmökern würden, welcher Titel wäre das dann?
Ein vierteiliger Romanzyklus: „Die geniale Freundin“ von Elena Ferrante
Sensationell spannend, ein Schmöker..........schafft Herzrasen ....... Rauschzustände
Wofür schlägt Ihr Herz außer für Theater und Literatur ?
Für die Musik, sie dringt tief in meine Seele, beflügelt mich, lässt mich jeden Herzschlag spüren. Die einzige Wahrheit ist Musik.
In Ihrem Leben gab es Zeiten mit hohem Seegang. War Ihr Schiff immer seetüchtig?
Natürlich besteht das Leben nicht nur aus heiteren Tagen, ich muss gestehn', meine Widerstandskraft und Leidenschaft hat mich nie ganz verlassen, vielleicht hat die Zeit als Tänzerin, und dieses Ziel zu erreichen (, egal wie schwierig es war,) mich so stark gemacht ?!?!? Ein gutes Training für mein ganzes Leben.
Auf einer Skala von 0-10 , wie groß ist Ihr Bühnenhunger nach all den Jahren?
Ganz ehrlich? Noch immer eine große Sehnsucht.
Aber angesichts meines Alters befreunde ich mich mit der Akzeptanz. Ich habe ein grandioses wunderbares erfülltes Theaterleben gehabt, dankbar und noch gesund übe ich mich nun am Klavier, was für eine tolle Herausforderung .
Doch das Theater war und ist Leben.
Ich schaue so gern zu, einfach dasitzen und staunen, was die Andern machen.
Und das ist mir ein Bekenntnis:
"Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters.“
Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen“ (Max Reinhardt: Über den Schauspieler).
Und diesen Schlupfwinkel kann man einer Vollblutschauspielerin niemals nehmen. Ganz herzlichen Dank, liebe Ingrid Birkholz, für unser sympathisches und aufgeschlossenes Gespräch.
Geboren ist Ingrid Birkholz 1944 in Nordhausen (Thüringen), im Harz. Zunächst zog die Familie um in die Nähe von Bad Homburg im Taunus, 1950 nach Recklinghausen und schließlich nach Braunschweig. Als Kind begeisterte sich Ingrid Birkholz fürs Rollschuhlaufen im Verein, nahm an Meisterschaften teil. Schon damals fiel sie durch tänzerische Leichtigkeit auf. Als 1956 die Russen in Ungarn einmarschierten, kam es zur Massenflucht aus der Kulturszene nach Deutschland. So kam auch die Primaballerina der Staatsoper Budapest, Dora Csinady, ans Staatstheater Braunschweig. Die 12-jährige Ingrid wartete auf sie am Bühneneingang und fragte, ob sie bei ihr tanzen lernen dürfe. Csinady sagte „Ja, probieren wir es doch einmal.“ Ingrid lernte die darauffolgenden zwei Jahre bei ihr. An der Tanzakademie in Köln wurde sie 3,5 Jahre ausgebildet und hatte nach der Abschlussprüfung Engagements an den Städtischen Bühnen in Münster, Dortmund und Kiel. Doch immer mehr zog es sie zum Schauspiel. An der Musikhochschule Hannover reüssierte sie in der Aufnahmeprüfung für die Abteilung Schauspiel. Nach drei Jahren Ausbildung erhielt sie ihr erstes Engagement als Schauspielerin in Heidelberg, dann am Pfalztheater Kaiserslautern und bei den Recklinghäuser Ruhrfestspielen. 1976 kam sie an die Städtischen Bühnen Essen. Es folgten die Städtischen Bühnen Münster, 1981 – 1989 Osnabrück (die Stadt war mit Twer in Russland verpartnert, auch dorthin ging es mit Bühnenstücken), das Staatstheater Saarbrücken, und dann 10 Jahre am Theater der Altmark in Stendal (1994-2004). Nach ihrem offiziellen Abschied 2008 spielte sie bis 2018 als Gast dort noch weiter. Von dem Literaturwissenschaftler Axel Kahrs, der über 30 Jahre die Niedersächsische Stipendiatenstätte Schreyahn in Wendland leitete, wurde sie über 20 Jahre fortlaufend zu besonderen Lesungen eingeladen.







