Lovis Corinth in seiner Stadt der Möglichkeiten
Ein Gespräch mit Stefanie Heckmann und Janina Nentwig zur Ausstellung: “Dann kam Berlin!“ in der Berlinischen Galerie

Lovis Corinth (1858 – 1925) gehört mit Max Liebermann und Max Slevogt zum oftzitierten „Dreigestirn des deutschen Impressionismus“. Ein erheblicher Teil seines Œuvres geht jedoch über diese Zuordnung hinaus. 1901 kehrt der Maler München den Rücken, enttäuscht über die fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten und die ausbleibende Anerkennung. Er wechselt nach Berlin. Dort wird Corinth überwiegend freundlich, wenn nicht gar begeistert aufgenommen. Mehr dazu im Interview mit den Kunsthistorikerinnen Dr. Stefanie Heckmann, seit 2014 Leiterin der Sammlung Bildende Kunst in der Berlinischen Galerie, und Dr. Janina Nentwig, beide Kuratorinnen der aktuellen Ausstellung „Lovis Corinth. Dann kam Berlin!“ in der Berlinischen Galerie.
Lovis Corinth wurde 1858 im ostpreußischen Tapiau (heute Gwardeisk, Russland) geboren. Die Eltern betrieben Gerberei und Landwirtschaft, finanzierten ihm die Ausbildung zum Künstler. Im Zuge dessen führte es Corinth u.a. nach Königsberg, Antwerpen und Paris. Anschließend ging er nach München. Nach Corinths Entscheidung für Berlin als neuer Wirkungsstätte gelingt es ihm, sich in der Berliner Secession zu profilieren. Zudem gründet er eine private Malschule für Akt und Portrait in der Klopstockstraße 5. Neben männlichen Schülern waren vor allem Frauen in seinen Kursen vertreten. Malschulen zählten damals zu den wenigen Einrichtungen, die ihnen eine künstlerische Ausbildung eröffneten.
Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 galt der Maler als feste Größe im modernen Kanon. Als sogenannte „Entartete Kunst“ wurden mehr als 350 Gemälde, überwiegend aus seiner letzten, expressiven Schaffensphase aus öffentlichen deutschen Sammlungen beschlagnahmt.
Die Ausstellung in der Berlinischen Galerie „Lovis Corinth. Dann kam Berlin!“ (9.10.2026 – 25.01.2027) präsentiert rund 80 Werke sowie etwa 30 Arbeiten seiner Schüler*innen und Zeitgenossen, darunter Gemälde und Zeichnungen von Charlotte Berend-Corinth, Minna Beckmann-Tube, August Macke und Max Slevogt.
Lovis Corinth bildete zusammen mit Max Liebermann und Max Slevogt das oftzitierte „Dreigestirn des deutschen Impressionismus“. Trotzdem meint der Kunsthistoriker Wieland Schmied, dass kein Etikett passt. Corinth sei weder Naturalist noch Symbolist weder Realist noch Expressionist, und Impressionist sei er schon gar nicht. Wo würden Sie Lovis Corinth verorten?
Stefanie Heckmann: Ein Etikett greift bei Corinth in der Tat zu kurz. Es ist schwierig, ihn stilistisch in eine Schublade zu stecken. Er hat sich in München intensiv mit dem Naturalismus beschäftigt, wandte sich der Historienmalerei zu, später lockert sich seine Pinselschrift unter dem Einfluss des Impressionismus auf. Mit der Zeit gewann das Expressive die Oberhand. Ich würde Corinth deshalb als eigenständigen Maler der Berliner Moderne verorten. Er löst sich von der akademischen Tradition, ohne sie zu verwerfen, und sein spontaner, freier Umgang mit Pinsel und Farbe hat die Entwicklung der Malerei nachhaltig geprägt. Wenn man an die Neuen Wilden in den 1980er Jahren denkt, an Georg Baselitz oder an Lucian Freud, sieht man, wie stark er nachwirkte.
Lovis Corinth und sein, wie Sie sagen, freier Umgang mit Pinsel und Farbe - bei der Münchner Secession traf er auf Ablehnung, bei der Berliner Secession wurde er mit Begeisterung aufgenommen. Kann man das so sehen, wie bisweilen zu lesen, dass Corinth in München zunächst akademisch „dressiert“ worden war und sich mit dem Ortswechsel dann in Berlin seine endgültige Befreiung vollzogen hat?
Stefanie Heckmann: Corinth hat es selbst auf den Punkt gebracht: „München war nicht der richtige Ort für mich. Angefangen hat’s erst in Berlin.“ Als seine Karriere in Bayern zusammen mit der dortigen Moderne stagnierte, zog er 1901 nach Berlin. Da war er schon über vierzig.
Ich würde Corinths Entwicklung in München und Berlin aber nicht als Gegensatz von Dressur und Befreiung beschreiben. Es ging eher um die Frage der Bedingungen. In Berlin gab es eine junge Sammlerschaft, die sich für moderne Kunst interessierte. Das jüdische Bürgertum begeisterte sich für Corinths Kunst und beauftragte Porträts. Anders als in München gab es hier eine lebendige Galerienszene auch für moderne Künstler. Paul Cassirer spielte als Kunsthändler und zugleich Geschäftsführer der Berliner Secession eine zentrale Rolle. Corinth war klar: In Berlin wird meine Kunst wirklich gefördert, ich habe Ausstellungsmöglichkeiten, und es gibt Menschen, die meine Arbeiten kaufen. Das war eine ideale Situation. Dazu kam, dass er in Berlin, unter anderem im Kunstsalon Cassirer, den französischen Impressionismus entdeckte und davon anregt seine ganz eigene, lockere Pinselführung entwickelte.
Corinths Loslösung von akademischen Grundlagen vollzog sich nach und nach. Sie lässt sich nicht allein am Ortswechsel festmachen, sondern war ein Prozess, der durch Berlin gefördert wurde, sich aber durch sein gesamtes Werk zieht.
Stichwort Paul Cassirer und die Berliner Secession: Was gewann Lovis Corinth durch die berühmte Künstlervereinigung und was gewann sie durch ihn?
Janina Nentwig: Die Berliner Secession war für Corinth die zentrale Plattform, um seine Kunst öffentlich zu zeigen. Sie war die wichtigste Avantgarde-Vereinigung in Berlin, die sich gegen den akademischen Kunstbetrieb stellte. Mit dem Geschäftsführer Paul Cassirer hatte er dort einen wichtigen Partner, der zugleich Kunsthändler war – eine Verquickung, die immer wieder kritisiert wurde, aber für Corinth vor allem in seinen ersten Jahren von Vorteil war. Umgekehrt hat Corinth die Vereinigung entscheidend geprägt. Nach seinem Umzug wurde er Mitglied und gleich in die Jury und den Vorstand gewählt. Er wirkte also direkt daran mit, wie die Secessionsausstellungen aussahen. 1911 löste er Max Liebermann als Vorsitzenden ab. Nach seinem schweren Schlaganfall Ende 1911 übernahm er dann 1915 den Vorsitz erneut und hatte ihn bis zu seinem Tod 1925 inne.
Mit Berlin kam also für Corinth auch der Erfolg. Wie gelang es ihm, seine Sichtbarkeit in der Hauptstadt noch weiter zu erhöhen?
Stefanie Heckmann: Corinth baute sich in Berlin schnell ein Netzwerk aus Persönlichkeiten der Gesellschaft und der Kulturszene auf und wurde deren herausragender Porträtist. Corinth hatte Humor und kommentierte mit einem Augenzwinkern: „Durch die Salons schwimme ich wie ein Hecht, als wenn ich mich nie in anderen Kreisen bewegt hätte.“ Mit den Jahren verkaufte Corinth gut, und er nahm an rund 80 wichtigen Ausstellungen teil, darunter zahlreiche Einzelpräsentationen, unter anderem in der Berliner Secession und in den führenden Galerien der Stadt. Besonders deutlich zeigt sich seine Stellung an der Nationalgalerie. Corinth war der einzige Künstler, der dort zweimal kurz hintereinander mit großen Einzelausstellungen geehrt wurde: 1923 im Kronprinzenpalais, der sogenannten Galerie der Lebenden, und 1926, ein Jahr nach seinem Tod, mit einer Retrospektive im Berliner Stammhaus. Der damalige Direktor Ludwig Justi formulierte es so: „Lovis Corinth gilt als der größte deutsche Maler seiner Zeit.“
Der mit ihm befreundete Walter Leistikow hatte den Kontakt zur künstlerischen Szene, speziell zu den Berliner Theaterkreisen hergestellt. Wie wurde Corinth von Theaterleuten, Theaterstücken und Inszenierungen in seinem Schaffen kreativ angestoßen?
Janina Nentwig: Corinths enge Beziehung zum Theater ist eines der Themen, die wir mit unserer Ausstellung bewusst mit einem eigenen Kapitel hervorheben wollen. Bereits in München war Corinth ein eifriger Premierengänger. In Berlin porträtierte er Theaterautoren wie Gerhart Hauptmann und Schauspielstars wie Tilla Durieux oder Gertrud Eysoldt in ihren Rollen, zum Beispiel als Salome in Oscar Wildes gleichnamigem Skandalstück. Weniger bekannt ist, dass er ab 1903 für den Regisseur und Intendanten Max Reinhardt Kostüme und Bühnenbilder entwarf. Als Reinhardt nach dem Tod des Künstlers 1925 dessen Ehefrau Charlotte Berend-Corinth kondolierte, schrieb er, die ersten Erfolge seines bildmächtigen, neuen Theaters seien „mit dem großen Namen Corinth verknüpft“.
Auch Corinths Selbstbildnisse zeigen die Lust am Rollenspiel, um sich über Aspekte der eigenen Persönlichkeit klarer zu werden. So malte sich Corinth zum Beispiel als Bacchus, Ritter oder Derwisch. Das theaterhaft-burleske Element seiner Historienmalerei erkannte man früh als typisch für ihn.
Corinth verbindet also die Historienmalerei mit einem Element, das die klassische Bildgattung aufbricht. Da möchte ich doch nochmals auf die Maltraditionen zurückkommen. Wenn Sie das Folgende ergänzen würden, wie könnte der Satz dann lauten: „Corinths Malerei ist undenkbar ohne …“?
Stefanie Heckmann: Corinths Werk ist wie gesagt undenkbar ohne den französischen Impressionismus und andere moderne Strömungen seiner Zeit.
Ebenso wichtig waren ihm aber auch die alten Meister. Seine akademische Ausbildung führte ihn über Königsberg und München nach Antwerpen und Paris. Besonders zog ihn die niederländische Malerei an. In Frans Hals entdeckte er einen Geistesverwandten. Beide teilen das Interesse am Momenthaften und erforschen ihr Gegenüber mit psychologischem Feingefühl. Beide Künstler stehen für eine Kunst, die unglaublich lebendig und voller Bewegung ist. Corinth fährt kurz vor seinem Tod sogar noch einmal nach Amsterdam, um dort die alten Niederländer zu studieren.
Kommen wir auch zu Corinths späterer Ehefrau Charlotte Berend, die er in Berlin kennenlernt. 1901 eröffnet Lovis Corinth die Malschule für Akt und Portrait. Charlotte Berend tritt als eine seiner ersten Schülerinnen in die Malschule ein. Was wissen wir über die Malschule und die entstehende Liebesbeziehung zwischen Lovis und Charlotte? Wird in der Ausstellung darauf eingegangen?
Janina Nentwig: Charlotte Berend war 21 Jahre alt, als sie eine der ersten Schülerinnen Corinths wurde. Der Lehrer muss sehr schnell in die talentierte junge Frau verliebt gewesen sein, er schreibt ihr glühende Liebesbriefe, während wir aus den Lebenserinnerungen von Berend wissen, dass sie sich zunächst eher kokett und spröde verhielt. Spätestens bei einer ersten Reise an die Ostsee 1902 waren die beiden jedoch ein Paar. Von da an stand sie immer wieder für Corinth Modell. 1904 heirateten sie und bekamen zwei Kinder.
Gerade für Frauen waren in dieser Zeit private Malschulen wie die von Corinth eine der wenigen Möglichkeiten, eine künstlerische Ausbildung zu erhalten. Die Berliner Hochschule öffnete sich erst ab 1919 für Kunststudentinnen. Corinth befürwortete das entschieden. Er lehrte nicht nur in der eigenen Schule, sondern auch an anderen Orten in der Stadt und unterrichtete Männer und Frauen gemeinsam im Aktzeichnen nach dem lebenden Modell, zur damaligen Zeit war das unerhört. Zu seinen zahlreichen Schülerinnen und Schülern gehörten auch Minna Tube, die erste Ehefrau von Max Beckmann, oder August Macke. Die Ausstellung zeigt erstmals, wer bei Corinth studierte, wie er unterrichtete und welchen Einfluss seine Lehre hatte. Zugleich wird deutlich, wie schwer es für Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, sich als Künstlerinnen zu etablieren.
Lassen Sie uns noch einen Augenblick bei Charlotte bleiben. Fast ein Vierteljahrhundert ist sie das Modell des Künstlers. Er porträtiert seine Partnerin in zahlreichen Gemälden - und er stellt sie auf einigen davon als Malerin dar. Was sagen diese Bilder darüber aus, wie er seine Frau als Künstlerin sieht?
Janina Nentwig: Das Bild „Die Malerin“ von 1903 ist verschollen, es zeigt Charlotte Berend in Corinths Malschule bei der Arbeit an einem Porträt ihrer Freundin Lisa Winchenbach, von der wir im Kapitel zu Corinth als Lehrer wunderbare Zeichnungen zeigen. Corinth hat seine Geliebte und spätere Frau ein Jahr zuvor in Horst an der Ostsee auch beim Landschaftsmalen an der Staffelei festgehalten. Dieses Bild aus dem Kunstmuseum Gelsenkirchen ist bei uns zu sehen. Beide Gemälde zeigen, dass Corinth Charlotte Berend als Künstlerin ernst nahm und schätzte. Er ermutigte sie, ihre Werke in der Berliner Secession einzureichen, wo sie ab 1906 regelmäßig ausstellte. Sie war für ihn auch eine wichtige Ratgeberin in künstlerischen Fragen. In den ersten Ehejahren blieb Charlotte Berend-Corinth aber nur wenig Zeit für die eigene künstlerische Arbeit. Ihre Aufgaben als Mutter zweier kleiner Kinder und bevorzugtes Modell ihres Mannes nahmen sie sehr in Anspruch. Dennoch verfolgte sie ihre Karriere – mit Unterstützung ihres Mannes – weiter.
Zum Abschluss möchte ich noch auf ein biographisches Detail zu sprechen kommen. Lovis Corinths Schlaganfall 1911 markiert gewiss einen Einschnitt, eine Veränderung in seinem Leben. Das auch in seiner Kunst?
Stefanie Heckmann: Der expressive Zug steckt schon in seinen frühen Arbeiten. Nach dem Schlaganfall Ende 1911 intensiviert sich aber etwas, das bei ihm immer angelegt war. Er macht sich frei, geht noch tiefer in die Farbe und fasst den Gegenstand stärker aus dem Moment heraus. Jeder Pinselstrich sitzt und liefert nicht nur eine Information zum Gegenstand, sondern auch ein Psychogramm der dargestellten Person und seines eigenen Zustands. Gleichzeitig nimmt seine Produktivität enorm zu. Nach dem Schlaganfall malte er bis zu seinem Tod noch einmal genauso viele Bilder wie vorher. Man hat das Gefühl, er wollte jetzt erst recht noch einmal ausprobieren, was möglich ist.
Das Austesten der Möglichkeiten: Was können die BesucherInnen in der Lovis Corinth-Ausstellung: „Dann kam Berlin!“ entdecken? Was können sie mitnehmen, was ihnen zuvor vielleicht nicht klar war – sei es im Hinblick auf Lovis Corinth selbst, auf sein Umfeld oder auf sein Kunstschaffen?
Stefanie Heckmann: Unsere Ausstellung ermöglicht einen frischen, neuen Blick auf Corinth und stellt seine Beziehung zu Berlin und sein Wirken in der Stadt in den Mittelpunkt. Dabei sind auch Themen zu entdecken, die viele noch nicht kennen, etwa seine Malschule und seine Arbeit für das Theater. Corinth wurde in seiner Zeit oft emotional beschrieben: Berserker der Malerei oder Kraftmensch ist da oft zu lesen. Auch von einem Rausch der Farben ist seither immer wieder die Rede. Wir wollten wissen, was jenseits dieser Zuschreibungen in den Werken steckt. Was ich faszinierend finde: Wie sich Corinth bis zu seinem Lebensende leidenschaftlich jedem einzelnen Motiv widmet und immer wieder neu darum ringt, zu erfassen, was er sieht. Das hat meinen Blick auf Corinth verändert. Er forderte sich mit jedem Bild heraus, und das macht die bis heute lebendige Wirkung der Werke aus. Er schafft es immer wieder, uns in den dargestellten Moment zu ziehen.
Das Interview führte Martina Pfeiffer
Die Ausstellung „Lovis Corinth. Dann kam Berlin!“ findet vom 09. Oktober 2026 bis 25. Januar 2027 in der Berlinischen Galerie statt.
Die Ausstellung entstand mit maßgeblicher Unterstützung durch die Staatlichen Museen zu Berlin, namentlich die Alte Nationalgalerie, die Neue Nationalgalerie und das Kupferstichkabinett sowie durch die Stiftung Stadtmuseum Berlin: Berlin Museum.
Die Berlinische Galerie wurde 1975 als Verein von engagierten, kunstinteressierten Bürger*innen gegründet und ist seit 1994 ein Museum des Landes Berlin. Bildende Kunst, Grafik, Fotografie und Architektur von 1870 bis heute sind in der interdisziplinären Sammlung vertreten. Gezeigt wird sowohl Klassisches als auch die neuesten Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst. Die Berlinische Galerie legt Wert darauf, dass die präsentierten Ausstellungen inspirierende Erlebnisse für alle bieten, die in das Museum kommen, ganz gleich mit welchen Voraussetzungen sie das Haus besuchen.
Die Berlinische Galerie versteht sich als offener Ort des Sehens, der Entdeckungen und der Kommunikation.





