It‘s MAGIC - Den Sinn für das Unerklärliche wachhalten
Auguste Gischler und Rob Brown: Gründer eines unglaublichen Museums in Berlin

„Ich hab’s genau gesehen, Herr Kommissar“ – Sätze wie dieser bezeugen in der tatsächlichen Beweisführung immer wieder eins: Das Auge ist kein verlässlicher Informant. Die Kugel ist immer unter dem anderen Hütchen. Oder unter keinem, weil schon längst ganz woanders. Unser Auge lässt sich täuschen und die Bühnenmagie lebt gerade davon, dass es eine Lust sein kann, hinters Licht zu führen - und hinters Licht geführt zu werden.
Zauberkunst richtet sich als Illusions- und Täuschungskunst – ähnlich wie das Trompe l’oeil in der Malerei - primär an das Sehen. Sie nutzte Kenntnisse aus der Fotografie und dem Film sowie auch einige der hier relevanten Apparaturen. Man denke an optische Illusionstricks durch Hohlspiegel, die Camera obscura oder die Laterna magica. Mit der Geburtsstunde des Kinos begann dessen Einfluss auf Zaubershows. Der Siegeszug moderner visueller Technik macht sich in den spektakulären Großillusionen der Bühnenmagier geltend. Und das Publikum kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Klassische Zaubertricks wie der verschwundene Elefant, das herbeigezauberte Goldfischglas, die schwebende Jungfrau - und eine Vielzahl neuer bezaubernder Darbietungen: Ohne dahinterzusteigen, bewundern wir die geschickte Manipulation und die Fähigkeit des Illusionisten, durch Konzentration, exaktes Timing und gekonntes Multitasking die Sinne der Zuschauenden - gerade in der laut Max Weber „entzauberten Welt“ - mit Unglaublichem zu konfrontieren.
Die Zauberei als Unterhaltungskunst entstammt dem Gauklertum und ist von der Magie als Weltdeutungs- und Aneignungsmodell abzugrenzen. Schon in der Steinzeit gab es den Jagdzauber, wie in Höhlenzeichnungen dargestellt. In antiken Kulturen wie dem alten Ägypten und dem Persischen Reich treffen wir Priestermagier an, die zugleich religiöse und kultisch-rituelle Funktionen innehatten. Dabei waren sie Magier, Gelehrte und Forscher in einer Person. Von alters her beinhalteten Zauberbücher Sammlungen naturkundlichen und esoterischen Wissens. Im Mittelalter war der Alchemist, der geheime Verfahren der Verwandlung von gemeinen Elementen in Gold zu ersinnen suchte, Vorfahr des Wissenschaftlers.
Der technische Fortschritt der Wissenschaften im 19. Jahrhundert und die entsprechenden Erfindungen wie z.B. die praktische Nutzung der modernen Elektrizität mögen für viele anfangs wie Zauberei gewirkt haben. Wunder kennt man auch in der Religion. Nur würde der Gläubige diese niemals als Trick sehen. Glaube und Trick, das geht nicht zusammen. Zauberkunst hingegen nutzt für ihren Effekt die Erkenntnisse der Wissenschaft. Sie kennt zum einen die Gesetzmäßigkeiten der Natur und zum anderen das Bedürfnis der Menschen, das Wunderbare zu erleben. Im Unterschied zu akademischem Spezialwissen gelingt es der profan-gauklerischen Unterhaltungsmagie, die Massen zu erreichen. Jeder Trick, jedes getarnte Ablenkungsmanöver ist eine Vorspiegelung, ein Schwindel. Ein freundlicher Betrug, gekonnter Bluff. Das Publikum genießt die Perfektion der Illusion, den Reiz des Rätselhaften. Die Wunderwerke des Zauberkünstlers belegen seinen Wissensvorsprung vor dem Publikum, seine versierte Überlegenheit. Und vor allem diese Könnerschaft bewundern wir an der Person des Bühnenmagiers.
Einer aus der Königsdisziplin der Illusion, der Zauber- und Entfesselungskünstler Erik Weisz alias Harry Houdini, war nicht etwa ein zweiter Cagliostro, sondern wirkte aufklärerisch. Er enttarnte Spiritismus als Scharlatanerie, lobte Prämien aus für diejenigen, die in der Lage seien, seine Tricks zu durchschauen. Gefesselt in einer Kiste eingesperrt, ließ er sich ins Meer werfen – und entkam. Oder polizeilich festgenommen, befreite er sich von den Handschellen Scotland Yards. Ebenso aus einer Transportzelle der russischen Polizei: Sein Slogan: „Nothing On Earth Can Hold Houdini A Prisoner“.
Das MAGICUM in Berlin Mitte: Magie erschöpft sich nicht in Zaubertricks
Auf der Willkommenstafel des MAGICUM, dieses unglaublichen Museums in Berlin Mitte, fällt ein Satz mit dem Potenzial eines Credos ins Auge. Durch ihn verstehen wir, dass Magie nicht allein in bloßen Zaubertricks gipfelt. Vielmehr gilt es, den Sinn für das Unerklärliche wachzuhalten:
„Ein blauer Planet, kreisend in der Unendlichkeit – welch eine Magie!“
Es geht um das Sichtbare, das vom Nichtsichtbaren abhängt. Von der Übereinstimmung zwischen der Welt im Großen und der Welt im Kleinen, gemäß dem zweiten der sieben kosmischen Gesetze des legendären Hermes Trismegistos – Urvater der Alchemisten: „wie oben, so unten; wie unten, so oben“.
Zur Einstimmung ist in der Eingangssektion die nachempfundene Alchemistenküche von Nicolaus Flamel in besonderem Maße geeignet: Phiolen, Schalen, Trichter, Kolben, Zylinder, Waagen und Brenner, mystische Zeichen und Zahlen. Flamel soll der populären Vorstellung nach 1382 den Stein der Weisen geschaffen haben – Basis für das Lebenselixier, das Geheimnis von Gesundheit und Unvergänglichkeit. Die Alchemisten jener Zeit waren Chemiker, Apotheker, Astrologen, Heilkundige, Mathematiker, Physiker, Baumeister und Philosophen. Die „Goldmacherkunst“ zielt auf mehr als das Edelmetall ab, richtet sie sich doch in übertragenem Sinne auf die Vervollkommnung des Menschen durch Disziplin, Erkenntnis und Hingabe.
Im Anschluss an Flamels Experimentierstube begegnen weitere sorgsam präsentierte Offerten in den Räumen des MAGICUM:
Im Eingangsbereich die 12 Götter des Olymp, mit ihren „Zuständigkeiten“. Wie wunderbar, dass sich alles was Rang und Namen hat im antiken Pantheon hier nochmals versammelt.
Die wissensdurstigen Besucher sehen sich im Verlauf ihres Parcours weitergeleitet zu den großen Religionen der Welt: Das Christentum, das Judentum, der Islam, der Buddhismus, der Hinduismus. Berücksichtigung finden zudem der Shintoismus und der Taoismus. Auch der Ahnenkult und ethnische Religionen wie z.B. die polynesischen Glaubenskulturen mit ihrer Naturverehrung und dem Fehlen einer Heiligen Schrift sind repräsentiert. Beeindruckend die Holzschnitzerei der Polynesischen Tiki- Gottheit Ku mit furchterregenden Zügen. Die ethnische Gruppe der Dogon im westafrikanischen Mali wusste Aussagen über Sirius zu treffen, lange bevor man mit einem neuen Teleskop diesen Himmelskörper genauer erkundete. Das Volk selbst spricht davon, dass Außerirische die Erde besucht und ihm das Wissen übermittelt haben. In Erinnerung beim Gang durch das Museum bleiben mit Sicherheit auch die Rapa Nui auf der Osterinsel mit ihrer hochentwickelten Steinmetzkunst, den rätselhaften monolithischen Moai, durchschnittlich 4 Meter hoch und 12 Tonnen schwer. Und nicht zu vergessen die Aborigines mit ihrer „Traumzeit“-Kultur als der wohl ältesten weltweit, 60 000 bis 65 000 Jahre alt.
Kunsthandwerk in Hülle und Fülle findet der Besucher vor, alles mitgebracht von den Reisen seitens der Gründer des MAGICUM Auguste Gischler und Rob Brown: Holzschnitzereien, Masken, Steinarbeiten, Wandteppiche, Stickereien. Tibetische Gebetsmühlen, Samurai-Schwerter, chinesische Wandteppiche mit Szenen aus dem Leben Buddhas. Dazu wollene und seidene Tangka, tibetanisch-buddhistische Rollbilder, mit Mandalas bemalt oder bestickt. Ebenso die Darstellung der hinduistischen Gottheit Ganesha mit Elefantenkopf, die für Weisheit, das Überwinden von Hindernissen und den Neubeginn steht.
Des Weiteren Puzzles, Rätsel, Labyrinthe und eine kleine, entzückende Zaubershow: einige unvergessliche Mußestunden lassen sich hier verbringen – alleine, mit der Familie oder begleitet von Freunden.
Ein dunkles Kapitel in der Ächtung von Heilkundigen und nach Wissenserweiterung Forschenden wird nicht ausgeklammert: die Hexenverfolgung im Mittelalter. Der Inquisitionsstuhl, hängende Käfige, Folterinstrumente. Besonders perfide: die Wasserprobe. Ging die Frau, die der Hexerei bezichtigt wurde, im Wasser nicht unter, wurde sie als Hexe enttarnt; ging sie unter, war sie zwar vom Ruf eine Hexe zu sein, befreit – und dann allerdings auch tot.
Vielleicht wird der Besucher am Ende mit mehr Fragen als Antworten in den Alltag entlassen. Und gerade darum geht es: das Mysterium der Erde und unserer Existenz anzuerkennen in einer technologieversessenen Welt, die zunehmend entzaubernd wirkt und den Anspruch erhebt, so gut wie alles zu durchschauen und dirigieren zu können.

Interview mit Auguste Gischler und Rob Brown, den Gründern des MAGICUM Berlin:
Liebe Frau Gischler und lieber Herr Brown. Sie haben 2014 das MAGICUM in Berlin Mitte gegründet, das weltweit erste interaktive Museum für Magie und Mystik. Und Sie sind beide Tänzer. Der Friedrichstadt-Palast war einer ihrer Auftrittsorte. Tanz – Was ist das Magische daran?
Auguste Gischler: Ziemlich vieles. Zum einen ist Tanz für uns wie ein gelebter Traum, den wir gemeinsam erleben durften. Wir haben uns durch das Tanzen kennengelernt und hatten das Glück, so viele besondere Choreografien und Rollen in unglaublichen Produktionen zu tanzen.
Solche Produktionen sind für uns etwas ganz Magisches: Sie sind ein Zusammentreffen von Visionen, Hingabe und Emotionen – von so vielen Menschen, die gemeinsam etwas erschaffen, das für einen kurzen Moment nur so existiert.
Und genauso magisch ist es, anschließend das Staunen, die Freude oder die Verbundenheit des Publikums zu erleben. Diese Momente haben uns immer wieder daran erinnert, wie außergewöhnlich und magisch wir Menschen eigentlich sind – und was wir gemeinsam erschaffen können.
Rob Brown: Allein der Prozess, eine Choreografie oder eine Show zu erschaffen, ist für uns etwas Besonderes. Man beginnt eigentlich mit einer weißen Leinwand und fügt nach und nach Formen, Farben und Strukturen hinzu, um eine Geschichte nonverbal zu erzählen – eine Geschichte, die man selbst durch Rhythmus und Töne spürt.
Das Faszinierende ist, dass diese Gefühle und Geschichten dann auch für das Publikum verständlich und vor allem fühlbar werden können, obwohl kein einziges Wort gesprochen wird. Diese Verbindung und diese emotionale Übertragung zwischen den Menschen – vom Tänzer zum Publikum und zurück – empfinden wir als etwas Magisches.
Als Tänzer haben Sie die Welt bereist. Welche Fundstücke, die Sie aus den verschiedensten Kulturen unserer Erde mitgebracht haben und die im MAGICUM ausgestellt sind, waren für Sie mit einer besonderen Geschichte verbunden? Könnten Sie dazu etwas erzählen?
Rob: Jedes Fundstück erzählt seine eigene spannende Geschichte – fast wie eine Seite aus einem Tagebuch. Deshalb weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.
Eines meiner Lieblingsstücke ist der Tiki-Gott. Viele Menschen kennen Tiki-Figuren und ihre Geschichten nicht. Wenn sie ihn zum ersten Mal sehen, finden sie ihn oft etwas gruselig oder beängstigend. Aber dann erzählen wir in den Führungen seine Geschichte oder die Gäste lesen den Informationstext. Und plötzlich merkt man, wie die Angst weicht und sie beginnen, ihn mit ganz anderen Augen zu sehen und mögen ihn am Ende. Diesen Moment finde ich immer wieder magisch: Wenn aus dem Unbekannten etwas Vertrautes wird und wir unsere Angst vor etwas verlieren, einfach weil wir mehr darüber erfahren haben.
Auguste: Für mich ist es zurzeit vielleicht der Nilpferdschädel. Er wurde meiner Oma als Schutzritual mitgegeben, als sie als kleines Kind von Angola nach Europa zog. Ihre Verwandten gaben ihn ihr mit auf den Weg, in dem Glauben, dass er sie mit ihren Ahnen verbunden halten und ihr in schwierigen Zeiten Kraft und Schutz geben würde. Und tatsächlich hat meine Oma ein sehr bewegtes und spannendes Leben geführt und ist sehr alt geworden. Laut Tradition gibt man diesen Gegenstand weiter und bewahrt ihn in der Familie. Deshalb ist er bis heute bei uns. Für mich ist dabei besonders schön, dass dieser Gegenstand nicht nur etwas aus einer anderen Kultur erzählt, sondern auch ein Stück unserer eigenen Familiengeschichte in sich trägt. Es symbolisiert die Liebe von Vorfahren, die wir nicht kannten und die sich trotzdem schon Gedanken gemacht haben über die, die nach ihnen kommen.
Diese und andere Fundstücke machen die Atmosphäre des Ortes aus, an dem sie aufbewahrt und gezeigt werden. Was hat Sie 2014 zur Gründung des MAGICUM in Berlin gebracht? Ist die Gründung eine zündende Idee gewesen oder eher ein längerer Prozess?
Auguste: Wir haben damals schon in Berlin gelebt, und diese Stadt schien uns der perfekte Ort für etwas Außergewöhnliches.
Durch unsere jahrelangen Reisen durch die Welt und unsere vielfältigen familiären Wurzeln haben wir uns immer intensiver mit dem Thema Magie beschäftigt. Was ist Magie eigentlich? Welche Bedeutung hat sie in den verschiedenen Kulturen und welche Rolle spielt sie im Leben der Menschen an den Orten, die wir besucht haben?
Dabei haben wir über die Jahre so viel Wissen, Geschichten und Ausstellungsstücke gesammelt, dass unser Zuhause irgendwann fast selbst zu einem kleinen Museum wurde. So ist die Idee des MAGICUM eigentlich ganz natürlich gewachsen.
Wir wollten einen Ort schaffen, an dem wir dieses Wissen und unsere Begeisterung mit anderen teilen können – aber vor allem einen Ort, der Freude bringt und vielleicht ein wenig daran erinnert, dass das Leben trotz all seines Stresses an sich etwas Magisches und Wundervolles ist.
Rob: Das MAGICUM ist gewissermaßen auch ein Kunstwerk in sich selbst, das sich über inzwischen 15 Jahre entwickelt hat. Es war nie von Anfang an genauso geplant, wie es heute ist. Wir wurden immer wieder von unseren Gästen, unserem Team und den vielen Begegnungen inspiriert.
Dadurch hat sich das MAGICUM ständig weiterentwickelt und ist zu dem Ort geworden, der es heute ist. Eigentlich ist es ein lebendiger Prozess – und genau das macht es für uns auch so besonders.
Die Rückmeldungen der Museumsbesucher – Was kommt besonders gut an?
Wir hören oftmals, dass den Gästen die Atmosphäre besonders gut gefällt. Das MAGICUM wird als ein Ort wahrgenommen, der sich vom normalen Alltag unterscheidet und irgendwie einzigartig ist – ein Ort, an dem man für eine gewisse Zeit in eine andere Welt eintauchen kann.
Auch die Freundlichkeit unseres Teams wird immer wieder erwähnt. Unser MAGICUM-Team besteht wirklich aus sehr herzlichen Menschen, die versuchen, jeden einzelnen Gast willkommen zu heißen und ihm das Gefühl zu geben, dass er hier gerne gesehen ist.
Warum haben Sie Ihr Museum z.T. interaktiv ausgerichtet? Welcher Gedanke steht dahinter?
Warum sollten wir unseren Gästen diese Möglichkeit nicht geben? Magie ist für uns das Unerklärliche – und damit gewissermaßen ein Gegenpol zur Wissenschaft, die versucht, Antworten und Erklärungen zu finden. Das MAGICUM hat deshalb gar nicht die Zielsetzung, jeden Menschen von Magie zu überzeugen. Vielmehr möchten wir einen Raum schaffen, in dem man sich für unterschiedliche Fragen, Gedanken und Sichtweisen öffnen kann. Dazu gehört für uns ganz selbstverständlich auch das Ausprobieren. Denn durch das eigene Erleben kann jeder Gast für sich selbst herausfinden, was er von den verschiedenen Themen hält und welche Bedeutung sie für ihn persönlich haben. Und manchmal passiert dabei etwas ganz Schönes: Ähnlich wie bei unserem Tiki-Gott erleben wir, dass Unsicherheit oder ein gewisses Unwohlsein gegenüber etwas Unbekanntem verschwindet, sobald man sich darauf einlässt und es selbst erlebt. Aus etwas Fremdem wird etwas Vertrautes.
Was man als magische Erfahrung sehen kann. Kommen wir zu den großen Magiern in der Geschichte und vielleicht auch der Gegenwart – Welche von ihnen haben Sie besonders für die Zauberkunst eingenommen und für Ihr Museum inspiriert?
Es gibt so viele große Magier, dass das wirklich eine schwere Frage ist. Aber wir haben eine ganz persönliche Verbindung zu Hans Klok. Seine Shows sind fantastisch, und wir hatten durch unsere gemeinsame Arbeit die Möglichkeit, zum ersten Mal auch hinter die Kulissen zu schauen und den Entstehungsprozess einer solchen Zaubershow mitzuerleben.
Dabei haben wir gemerkt, dass dieser Prozess auf eine gewisse Weise genauso magisch sein kann wie das spätere Erleben der Show als Publikum. Zu sehen, wie aus einer Idee für etwas Unmögliches und ganz viel Arbeit am Ende etwas entsteht, das für das Publikum wie pure Magie wirkt, ist einfach sehr beeindruckt.
Würden Sie sagen, das Sprichwort: „Man lernt nie aus“ bezieht sich auch auf die Magie? Wenn ja, könnten Sie das ein oder andere Beispiel nennen?
Absolut. Magie, als das Unerklärliche, umfasst all die Fragen, die es noch zu entdecken gibt, und all die Geheimnisse, die es noch zu lüften gibt.
Vielleicht vergessen wir manchmal, wie wichtig und schön Fragen eigentlich sind. Sie wecken Inspiration und neue Ideen und fördern damit letztlich auch Entwicklungen. Viele große Entdeckungen beginnen schließlich mit einer einfachen Frage: Warum? Wie? Was wäre, wenn …?
Wir als Menschen werden in einem Leben vermutlich nie den Punkt erreichen, an dem es nichts mehr Magisches zu entdecken und damit nichts mehr zu hinterfragen gibt. Und vielleicht ist es sogar ungewiss, ob wir als Menschheit jemals an einen Punkt kommen werden, an dem nichts mehr unerklärlich (magisch) ist und wir auf alles eine wahre Antwort kennen.
Im MAGICUM kommen die Besucher auch in den Genuss einer kleinen Zaubershow. Von der „Ambitious Card“ bis zur Augmented Reality, von der Salonmagie bis zu den großen Illusionsshows - Was ist Ihr Lieblingstrick auf der Bühne?
Rob: Ich würde instinktiv sagen, die Münztricks. Sie sind etwas ganz Klassisches und trotzdem immer wieder verzaubernd. Vielleicht gerade deshalb, weil eine Münze etwas so Alltägliches und Vertrautes ist. Man kann sie direkt vor den eigenen Augen sehen und sogar in der Hand halten und trotzdem geschieht plötzlich etwas, das eigentlich nicht möglich sein dürfte.
Eine kleine Münze reicht, um einen magischen Moment entstehen zu lassen.
Welche Eigenschaften braucht ein Magier als Person, um diesen magischen Moment entstehen zu lassen?
Auguste: Das ist sehr unterschiedlich. Wir haben schon viele ganz unterschiedliche Magierinnen und Magier bei uns im Museum erlebt, und gerade das finden wir spannend. Es gibt nicht die eine Eigenschaft, die einen guten Magier ausmacht.
Natürlich gehört Übung immer dazu. Man muss irgendwo anfangen, viel üben und eine Technik so beherrschen, dass sie für das Publikum ganz selbstverständlich und mühelos aussieht. Erst dann entsteht oft dieser Moment, in dem etwas wirklich magisch wirkt. Bei anderen Formen der Magie ist es aber vielleicht weniger die Technik als die Bühnenpräsenz oder die besondere Atmosphäre, die jemand schaffen kann. Manche Menschen schaffen es einfach, ein Publikum in ihren Bann zu ziehen.
Wir glauben deshalb, dass jeder, der davon träumt, andere Menschen zu verzaubern, das durch Übung und Leidenschaft erreichen kann. Und wir freuen uns besonders, dass wir bei uns immer mehr Mädchen erleben, die Zaubertricks ausprobieren und dabei viel Spaß haben. Es wäre schön, wenn sich diese Vielfalt auch in der Zauberwelt noch stärker widerspiegeln würde.
Muss ein Zauberkünstler heutzutage unbedingt High-Tech-affin sein?
Rob: Nein, ganz und gar nicht. Es gibt ganz unterschiedliche Formen von Magie. Große Bühnenshows, wie sie zum Beispiel auch Siegfried und Roy gemacht haben, arbeiten natürlich mit aufwendiger Bühnentechnik. Aber genauso gibt es unzählige Close-up-Tricks, die mit ganz alltäglichen Gegenständen funktionieren – manchmal reicht sogar eine Münze oder ein Kartenspiel.
Für alle, die sich dafür interessieren, empfehlen wir zum Beispiel einmal, sich Penn & Teller anzuschauen. Sie zeigen sehr schön, wie faszinierend Magie auch ganz ohne riesigen technischen Aufwand sein kann.
Und auch Mentalismus ist eine spannende Form der Zauberkunst. Dafür braucht man zunächst erstaunlich wenig Technik – vor allem Wissen, Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, dieses Wissen auf interessante Weise einzusetzen. Timon Krause hat dazu beispielsweise einige empfehlenswerte Bücher geschrieben.
Letztlich ist für uns nicht die Technik entscheidend, sondern die Idee dahinter und die Art, wie daraus ein magischer Moment für das Publikum entsteht.
Würden Sie sagen, dass Magie in die Poesie hineinreicht?
Auguste: Ja, unbedingt. Für uns haben Magie und Poesie sehr viel miteinander zu tun. Beides muss nicht immer alles erklären. Manchmal reicht ein Bild, ein Gefühl, ein Klang oder ein Moment, der etwas in uns auslöst, ohne dass wir genau sagen können, warum.
Vielleicht liegt genau darin etwas Magisches: dass etwas über das rein Erklärbare hinausgeht und uns auf einer anderen Ebene erreicht.
Sie haben mit dem Traumschiff viele Teile der Welt bereist. Was bewundern Sie an fremden Kulturen?
Auguste: Es gibt so vieles zu lernen und zu entdecken. Uns beeindruckt vor allem die Vielfalt der Kulturen, ihre Traditionen, ihre Geschichten und die unterschiedlichen Ideen davon, wie Menschen die Welt sehen und erleben. Und gleichzeitig haben wir auf unseren Reisen immer wieder erlebt, wie herzlich und offen Menschen sein können.
Im Grunde ist es etwas, das auch die Weltmeisterschaft in diesem Jahr für viele wieder ins Gedächtnis gerufen hat: Wie inspirierend die unterschiedlichen Kulturen, Traditionen und Ideen sein können und welche wunderschönen Gefühle daraus entstehen.
Gleichzeitig merkt man dabei auch, wie viel uns eigentlich verbindet. Trotz Ländergrenzen und Ozeanen, die uns voneinander trennen, sind wir alle Bewohner dieses einen Planeten, der unser gemeinsames Zuhause ist. Für uns ist gerade diese Verbindung inmitten all der Vielfalt etwas sehr Schönes und auch etwas Magisches.
Ich mag die Beschreibung von einem Astronauten auf seiner Rückreise sehr:
„Das Dröhnen der Triebwerke vibriert in der Kapsel. Draußen herrscht absolute Schwärze. Doch dann dreht sich das Raumschiff, und das Fenster gibt den Blick frei. Dort leuchtet sie. Ein strahlendes Blau, durchzogen von wirbelnden, weißen Wolkenbändern. Keine Grenzen. Keine Konflikte. Nur eine hauchdünne, verletzliche Atmosphäre, die alles Leben schützt, das wir je kannten. Nach Monaten in der sterilen Kälte der Raumstation fühlt sich der Anblick an wie eine herzliche Umarmung. Jeder Atemzug, jedes Flüstern der Geschichte, jeder geliebte Mensch befindet sich auf diesem einen, winzigen Punkt im Universum. Die Heimat ruft. Wir kehren zurück.“
Sie haben mir bei unserem ersten Kontakt gesagt, dass das Unerklärliche Sie fasziniert. Das sind ja dann nicht nur die Tricks, die sich erklären lassen. Könnten Sie mehr dazu sagen, also zum Unerklärlichen und dem Reiz, den es ausübt?
Haha, nicht falsch verstehen – wir lieben es genauso, uns im Theater oder während einer Show verzaubern zu lassen. Ich glaube sogar, dass es gerade schön ist, nicht allzu viel zu wissen. Denn wenn man nicht versucht, alles zu verstehen oder hinter die Kulissen zu schauen, bleibt die Freude und das Staunen oft viel größer.
Im Alltag und bei unserer Arbeit im MAGICUM fasziniert uns aber besonders das Unerklärliche. Wir lieben es, über Themen zu sprechen, die viele Fragen aufwerfen, auf die es vielleicht nicht sofort eine Antwort gibt. Besonders schön finden wir es, von unseren Gästen zu hören, was sie selbst erlebt haben und sich bis heute nicht erklären können.
Manchmal erleben wir dabei auch selbst erstaunliche Dinge. Gerade jüngere Gäste überraschen uns gelegentlich mit etwas, das plötzlich überhaupt nicht so funktioniert, wie wir es erwarten würden. Da hatten wir schon einige lustige Momente gemeinsam mit den Eltern, die genauso überrascht waren wie wir.
Den Blick für die Wunder im Alltag – den muss man doch kultivieren und pflegen, so dass man nicht übersieht, was an Wunderbarem in greifbarer Nähe liegt, oder?
Vielleicht sind es sogar die kleinen Dinge, die für uns die größten Wunder im Alltag sind. Eine unerwartete Begegnung. Ein schöner Moment. Musik, die plötzlich etwas in uns auslöst. Natur, die eine ganz besondere Ruhe auf uns ausstrahlt. Oder einfach das Glück, diese Arbeit machen zu dürfen, so vielen tollen Menschen zu begegnen und sie für eine gewisse Zeit zu verzaubern und aus ihrem oft stressigen Alltag zu entführen.
Manchmal bekommen wir anschließend Nachrichten von Gästen, die uns erzählen, wie besonders der Besuch für sie war. Solche Momente berühren uns sehr.
Hinter dem MAGICUM stecken natürlich viele kleine Bausteine, Begegnungen und auch Zufälle, die dazu geführt haben, dass es zu dem Ort geworden ist, der es heute ist. Und natürlich steckt auch sehr viel Arbeit dahinter.
Aber zu wissen, dass wir vielleicht für ein paar Stunden ein kleines Stück Freude, Staunen oder Inspiration in das Leben eines Menschen bringen konnten. Das ist für uns wahrlich magisch.
Liebe Auguste Gischler und lieber Rob Brown, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für die Beantwortung meiner Fragen genommen haben. Ihr Haus steht, wie ich finde, in der Museumslandschaft Berlins einzigartig da. Ich wünsche Ihnen, dass dieser Ort mit der Vielfalt seiner Ausstellungsstücke weiterhin bei Groß und Klein hoch im Kurs steht und viele zauberhafte Momente beschert. Herzlichen Dank!



