Regina Girod, Reiner Lidschun, Otto Pfeiffer

Juden in Friedrichshain

„Besonders schrecklich war es, als im März 1942 Tante Mathilde und Lothar ‚auf Transport‘ mußten. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt ahnte mein Vater bereits, daß die Deportierten nie wiederkommen. Lothar freute sich so auf die Reise. Noch nie war er verreist Tante Tilly und Lothar wurden mit vielen andere n nach Trawniki verbracht und dort ermordet.“ So schildert Erika Lewin das Schicksal ihrer damals großen Familie, von der nur wenige den Holocaust überlebten. Ihr Bericht erschüttert den Leser. Er hört die Schreie der kleinen Kinder, das Stöhnen der Gestoßenen, Getretenen, Geprügelten, er spürt die Todesangst all dieser Menschen, die einstmals fühlten und dachten, lebten und handelten wie an guten und bösen Tagen er selbst. Die frühere Friedrichshainerin ist eine von etwa 8.000 Bürgern jüdischer Herkunft, die vor 1933 in diesem Berlin er Bezirk wohnten. Meist „kleine Leute“ wie die Lewins. Oftmals mittellos, ja zum Teil bitterarm, gab es für nur wenige eine Chance zur Emigration, um sich zu retten. Im August 1945 zählten die Alliierten auf dem Gebiet des Bezirks noch 210 Überlebende. Tausende jüdische Friedrichshainer fielen dem braun en Terror zum Opfer. Nur 2.738 sind namentlich bekannt Ihnen und all den anderen wird hier in diesem Buch ein Denkmal gesetzt In der Hoffnung, daß das Gestern sich nie wiederholende Vergangenheit bleibt, rekapitulieren Zeitzeugen ihr Leben und Leiden. Sie berichten aber ebenso von den Leistungen jüdischer Menschen: über den Handwerker aus der Warschauer Straße, auf den immer Verlaß war, den Händler, der in die Große Frankfurter Straße oder die Frankfurter Allee so etwas wie großstädtisches Leben brachte, über den Bäcker von nebenan, den Apotheker von gegenüber, vom Arzt um die Ecke im Kiez. Auf diese Weise legen jüdische Nachbarn von einst auch Zeugnis ab vom friedlichen Leben im Stadtbezirk Friedrichshain, bevor es vom Naziregime in Deutschlands schwärzester Nacht mit einer unfaßbaren Brutalität beendet wurde.

R. L.