Das Literaturfestival LIT:potsdam steht in diesem Jahr unter dem Motto: „Die Sprache der Sterne“. Potsdam ruft – die literarische Welt reagiert:  Im Vorfeld von LIT:potsdam 2026 waren bereits Siri Hustvedt und Salman Rushdie (im März) zu Gast. Das eigentliche Programm startet am 30. Juni und geht bis 05. Juli. Marianne Ludes fungiert für die Potsdamer Festivität als Vorstandsvorsitzende. Sie ist selbst auch Literaturschaffende. Von Ludes, neu am literarischen Firmament, der Roman: „Trio mit Tiger“ – ein Roman über das Künstlerpaar Max und Mathilde Beckmann. Für den Kulturring hat die Autorin Sequenzen aus diesem Werk als Lesungspodcast eingesprochen. 

Es freut mich sehr, dass wir heute über die Literatur ins Gespräch kommen, liebe Marianne Ludes.

Wie war das mit dem Titel Ihres jüngsten Romans - war er unvermittelt da, irgendwie aus dem Nichts, oder gibt es eine Entstehungsgeschichte? 

Marianne Ludes: Den schönen Titel verdanke ich meiner Lektorin Angelika Schedel. Ich wäre niemals darauf gekommen, aber ich fand den Titel sofort zwingend! Im Roman geht es um das Spannungsverhältnis zwischen drei sehr unterschiedlichen Menschen. Für eine begrenzte Zeit waren sie ein echtes Trio, sehr aufeinander bezogen, stets im Denken miteinander verbunden.

Woher wissen Sie Näheres vom engen Kontakt mit dem „Dritten“ im Bunde, Kunsthistoriker Erhard Göpel? Auf welche Weise sind Sie den Lebensspuren von Max und Mathilde Beckmann im Exil nachgegangen? 

Wichtige Quelle waren die Originaldokumente, die im Bundesarchiv in Koblenz online einsehbar sind. Eine wichtige Inspirationsquelle waren die Zeichnungen und Bilder Max Beckmanns aus der Zeit. Er hat viele Erlebnisse in seinen Werken verarbeitet. Unverzichtbar waren natürlich seine Tagebuchaufzeichnungen. Außerdem Sekundärliteratur zu den Themen Kunstraub, Besatzung in Holland und Frankreich, Biografien über einzelne Protagonisten. Ein Glücksfall war, dass mir von der Enkelin Mayen Beckmann die unveröffentlichten Tagebücher Quappi Beckmanns zur Verfügung gestellt wurden. 

Was in und an der Vita von Max und Mathilde Beckmann hat Ihnen Lust an der literarischen Ausgestaltung gemacht? 

Ob man eher literarisch arbeiten möchte oder dokumentarisch, ist wahrscheinlich eine Frage der grundsätzlichen schriftstellerischen Ausrichtung. Ich kenne kaum Beispiele, dass Autoren Sachbücher und Romane gleichermaßen veröffentlicht haben. Ich gehöre in die Kategorie der Fabulierer. Ich möchte Geschichten erzählen. Sie dürfen wahr sein – wie im Falle Trio mit Tiger – aber wenn sie frei erfunden sind, liebe ich das auch. Wichtig ist für mich, dass sie gut erzählt sind und dass der Text uns etwas zu sagen hat. 

Dass die Protagonisten Ihres Romans biographische Wurzeln in der wirklichen Welt haben – worin besteht für Sie der Unterschied zum freien Fabulieren?

Wenn man einen Text über eine Person der Zeitgeschichte schreibt, die noch sehr nah ist, deren Tod sich erst jüngst ereignete und deren Nachfahren noch leben, muss man ihre Geschichte mit besonderer Sorgfalt und Respekt erzählen. Das gilt besonders auch dann, wenn über eine solche Person bereits viel geschrieben wurde. Insofern hat diese Überlegung den Erzählrahmen bestimmt. Das begrenzt die Möglichkeiten. Je weiter entfernt eine Figur ist, wie zum Beispiel eine Person aus der römischen Kaiserzeit, deren Lebensumstände man nicht genau kennt, desto freier kann man ein solches Leben ausleuchten. Die Grenze liegt für mich da, wo die Geschichte willkürlich ist. Wenn die Person genommen wird, um eine Geschichte aufzuhübschen, sie zu skandalisieren. Es muss einen Grund geben, warum die Geschichte einer prominenten Person erzählt wird. Und in meiner Geschichte geht es darum, nah an den historischen Fakten zu bleiben, die Personen also nicht zu verraten. 

Sie erzählen im Roman aus der Perspektive von „Quappi“. Nach allem, was Sie an Dokumenten gesichtet haben, würden Sie sagen, dass Max Beckmann seine Frau als gleichberechtigte Partnerin angesehen und behandelt hat?

Das ist schwer zu beantworten. In künstlerischer Hinsicht musste sie sich ihm unterordnen. Es ist unklar, ob sie das als Mangel empfunden hat. Der Anspruch auf eigenständige künstlerische und wirtschaftliche Selbsterfüllung war in den 20er bis 40er Jahren nicht so gesellschaftsbestimmend, wie wir es heute erwarten. Insofern hat Quappi seine klassische Rollenerwartung erfüllt. Das war nicht immer konfliktfrei. Beckmann hat sie oft nicht nett behandelt, sie aber andererseits sehr als seine Geschäftspartnerin wahrgenommen, die sich um alle Management-Aufgaben kümmerte. Beckmann hat sich um die finanzielle Abwicklung seiner Geschäfte nicht gekümmert, Finanzen waren Quappis Terrain. Wie man weiß, nicht gerade das unwichtigste!

Einige Kunstwerke von Max Beckmann deuten darauf hin, dass sein Frauenbild irgendwo zwischen der modernen Frau und der „femme fatale“ anzusiedeln ist. Ist Beckmanns Frauenbild immer konstant geblieben oder war es Wandlungen unterworfen?

Auch wieder eine knifflige Frage, die sich vor allem an Kunsthistoriker richtet. Ich sehe in seinen Werken alle Arten von weiblicher Darstellung (mit Ausnahme sehr junger Mädchen und Kinder übrigens, was andere Maler als Sujet durchaus bevorzugt haben) Also erste Aussage: Ihn interessieren erwachsene Frauen. Es geht nicht um die Unterordnung der Frau unter die Gelüste und Wünsche des Mannes. Es geht in seinen Bildern nicht um Demütigung und Dominanz. Erotik ist von Anfang an ein Thema. Erotik bezieht er nicht nur auf Frauen, sondern auch auf die Darstellung von Männern, auch auf sich selbst. Gleich eines seiner ersten berühmten Gemälde: Junge Männer am Meer zeigt nackte Knaben an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Sie sind vielleicht 17, 18 Jahre alt. Ihre Körperlichkeit steht klar im Vordergrund. Als er es malt, ist er selbst 20 Jahre alt. Es geht also auch um ihn als nackte Person. Mensch sein bedeutet für ihn Körperlichkeit, Erotik, Freiheit. Deshalb gibt es keine „Lustmädchen“. Die Frauen, die er malt, zeigen ihre Sexualität selbstbewusst. Ich sehe in seinen Bildern Frauen nicht als Objekte, sondern sie bestimmen ihren Handlungsrahmen selbst. Was nicht ausschließt, dass sie in bedrohlichen und für sie bedrängenden Situationen gezeigt werden. Dann geht es allerdings darum, die Grenzen und die Leiden menschlicher Existenz zu thematisieren -also Opfer politischer Gewalt, oder Mutter eines Toten zu sein. Versteht man die femme fatale als eine autonom agierende Frau, ist der Begriff nicht falsch. Ich sehe in vielen seiner Bilder die Verführerin, aber nicht das Opfer.

Drehte sich in dieser Beziehung auch der gemeinsame Alltag um seine Kunst? Gab es Reibungsflächen in der Ehe mit Quappi? Was schweißte die beiden andererseits zusammen?

Der Alltag in Holland war geprägt durch Beckmanns Kunst und seine Arbeit. Er hat jeden Tag gemalt, stundenlang. Quappi musste sich anderweitig beschäftigen. Sie traf auch ihre Freundinnen, musizierte in privatem Rahmen oder las viel. In den Tagebüchern ist oft von Langeweile die Rede, trübes Herumsitzen, denn man lebte sehr zurückgezogen. Aber man ging auch miteinander spazieren, beide liebten den Zoo. Obwohl Krieg war, war das Leben in Amsterdam „normal“, wenn man von den wachsenden Versorgungsengpässen und der politischen Bedrohung absieht. Das Exil ist wie ein Katalysator. Kräfte beschleunigen sich. Entweder man hält umso mehr zusammen unter äußerem Druck oder man trennt sich. Die täglichen Anforderungen waren enorm, der emotionale Druck für die beiden schwer auszuhalten. Man lebte auf engstem Raum zusammen. Man konnte sich nicht ausweichen. Ich denke, beide haben sich im Umgang zumeist diszipliniert verhalten, um die Zeit durchzustehen. Man versuchte, alle Konflikte kleinzuhalten und sich sofort zu versöhnen, wenn es Streit gegeben hatte. Beide waren zur Versöhnung bereit, haben sich entschuldigt. Auch Beckmann bei Quappi, wenn er sich falsch verhalten hatte. Sie hatten die Hoffnung, dass das Regime bald zusammenbricht und sie dann ausreisen können. Das war ihr Traum. Die USA.

Durch das Literaturfestival wird Potsdam für kurze Zeit zum Parkett für internationale Literaturschaffende. Sie sind Vorstandsvorsitzende des Literaturfestivals LIT:Potsdam. Ist dieses Event als eine Art produktiver Ausnahmezustand wahrzunehmen?

Wir sind ein kleiner Trägerverein und hatten bisher keine Organisation mit einer hauptamtlichen Mitarbeiterin. Das haben wir seit 2026 zu unserem großen Glück!!! Denn das Festival organisiert fast 60 Veranstaltungen und das mit Zeitkräften und einer temporären Festivalleitung zu bewältigen, war ein Parforceritt, der zuletzt zu viel Kraft gekostet hat. Ab diesem Jahr ist es spürbar besser geworden! Jubel!

Wer legt das jeweilige Motto und die Teilnehmerliste fest?

Das kuratorische Programm verantwortet Denis Scheck. Er überlegt sich jedes Jahr ein Motto, zu dem die Veranstaltungen ausgewählt werden. 2026 lautet unser Motto: Die Sprache der Sterne. Ich finde das sehr poetisch und es gibt wunderbare Themen, die man darunter fassen kann. Gleichwohl wird das nicht ganz so sklavisch gehandhabt, wenn wichtige Autoren ein neues Buch haben, wollen wir die natürlich auch präsentieren. 

Wenn Sie zurückblicken – Was waren Meilensteine des Festivals?

Ich erinnere mich besonders gerne an Veranstaltungen mit Daniel Kehlmann, weil er so klug und originell ist. Eine Sternstunde war der Abend mit André Heller, der plötzlich ins Plaudern geriet und uns seine Lebensgeschichte auf äußerst bewegende Weise erzählte. Jetzt war gerade Salman Rushdie da und ihn persönlich zu erleben, seinen verschmitzten Humor, seine feine Selbstironie und seine unbändige Kraft, war inspirierend. Aber wir hatten so viele herausragende Veranstaltungen – es ist jedes Jahr ein Fest! 

Was nehmen Sie fürs Literaturfestival in den Blick? Wo besteht Entwicklungspotenzial oder -bedarf?

Unser kurzfristiges Ziel ist es, weitere Kreise an Besuchern zu erreichen – vor allem in Berlin und Brandenburg. Eine Stärkung der Jugendarbeit und des literarischen Nachwuchses ist ein Herzensanliegen. 

Der Umgang mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern – sind dafür besondere Kenntnisse und Fähigkeiten gefragt?

Vor allem benötigt man einen sehr guten Marktüberblick: welche Autorin, welcher Autor, hat ein neues Buch? Gute Kontakte in die Branche sind unerlässlich. Die Stars der Szene sind schnell gebucht. Wir bemühen uns, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller sehr nett zu betreuen, sorgen für einen sehr schönen Festivalrahmen, in dem sie sich wohlfühlen können, eine gute Moderation, sorgen für einen guten Büchertisch und ein lesebegeistertes Publikum, Pressearbeit ist sehr wichtig. Aber letztlich ist alles peoples-business: Unser Kurator kennt sehr, sehr viele Autorinnen und Autoren persönlich. Und das ist entscheidend. 

Internationalität: Wissen wir jetzt dank Literaturfestival LIT:potsdam mehr über Autoren aus anderen Gegenden der Erde?

Ja. Wir haben immer internationale Autoren im Programm. In diesem Jahr sind es Salman Rushdie und Siri Hustvedt. Wir haben häufiger Autoren aus Afrika zu Gast gehabt, meistens aber aus dem europäischen Ausland. Zum Beispiel 2025 Boris Gospodinov und Alherd Bacharewitsch. Wir hatten auch einen Schwerpunkt zur Israel/Palästina Frage. Das hat natürlich auch mit den Kosten der Anreise zu tun. Autoren aus den USA reisen seltener nach Europa und nur für uns kommen sie in aller Regel nicht. Aber wir sind sehr stolz, dass wir schon Jonathan Franzen bei uns hatten, im letzten Jahr wollte Richard Ford kommen, der aber leider kurzfristig erkrankte. 

Akzentsetzungen von LIT:potsdam 2026 – welche sind das?

Wir denken schon an 2027, das Festival 2026 steht. Wichtig ist, dass das Wetter mitspielt, denn wir sind fast immer Open Air. Ich wünsche mir mehr Newcomer, junge Autoren, die schon erste Bücher publiziert haben. Und dass wir die erfolgreich präsentieren können – und Zuschauer gewinnen! Das ist nicht so einfach. Wichtig ist, dass wir neues Lesepublikum erschließen: Personen unter 40 und vor allem: Männer! Die scheinen nicht mehr zu lesen….

Schon in früheren Zeiten gab es immer wieder Unkenrufe, das Lesen sei in der Krise. Ist das jetzt wirklich ernstzunehmen, und das Ende des Buches steht zu befürchten? Wie gestaltet sich für Sie die Zukunft des Buches, wenn wir nach vorn und auch auf das Schreiben blicken? 

Ich schaue in die Glaskugel und prophezeie: Geschichten werden immer erzählt. Das tun wir Menschen seit tausenden von Jahren und das tun wir weiterhin täglich. Menschen sind an Menschen, am Leben, an Geschichte und Zukunft interessiert. Aber wer sorgt für die Stoffe? Sind es weiterhin Menschen, die sich Jahre damit befassen, eine Geschichte gut zu erzählen? Ich bin ein bisschen skeptisch. Wir haben viel einfache Literatur, Bücher, die man rasch liest und rasch vergisst. Leichte Kost. Heute sind es schon oft Autorenkollektive, die solche Bücher ratz-fatz produzieren. Wird das durch digitale Creation ersetzt? Scheint mir nicht unplausibel. Ich hoffe aber, dass die wertvollen Bücher weiter geschrieben werden. Man darf nicht vergessen: Autoren lieben, was sie tun. Sie schreiben, weil sie schreiben müssen. Sie schreiben sowieso ohne zu wissen, ob sich ihr Buch anschließend gut verkaufen lässt. 

Und lesen? Tja. Da muss man dranbleiben. Es ist wie mit der klassischen Musik – es bedarf der Übung, dass man ein paar hundert Seiten lesen, aufnehmen und erinnern kann. Wenn man lange Zeiten dazwischen hat, hat man Teile der Handlung vergessen und dann wird das nix. Aber wir sehen, dass junge Menschen gerade wieder massenhaft die Buchhandlungen stürmen. Und auch wenn das New Romance oder sonstwas ist: Es ist ein Anfang. Anfänge sind immer gut.

Wir sind am Ende unseres Gesprächs und reden über Anfänge. Da schließt sich ein Kreis. Wie schön! Herzlichen Dank, Frau Ludes, für unsere Unterhaltung mit diesem zuversichtlichen Ausblick. Ich wünsche Ihnen eine weiterhin gute Resonanz für Ihr eigenes Schreiben wie auch für das Literaturfestival LIT-Potsdam insgesamt, von dem wir mit Sicherheit noch sehr viel hören werden.

Das Interview führte Martina Pfeiffer

 

Nach ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin der Ludes Unternehmensgruppe verfolgt Marianne Ludes seit 2015 ihr schriftstellerisches Interesse. Ihr jüngstes Werk erschien im August 2025 bei C. Bertelsmann: „Trio mit Tiger“, der erste Roman über das Künstler-Ehepaar Max und Mathilde Beckmann im Exil. Die literarisch Umtriebige ist Vorstandsvorsitzende des Literaturfestivals LIT:potsdam. Zudem ist sie Mitglied des Kuratoriums der Staatsoper Unter den Linden. 2021 hat die Potsdamerin zusammen mit ihrem Mann die gemeinnützige Stiftung Ludes gegründet.