Im Wirbel der geworfenen Dinge

Wenn man Glück hat, sind sie in Berlin bei heiterem Wetter an Straßenkreuzungen anzutreffen. Ist die Ampel rot, kommt man in den Genuss ihrer Geschicklichkeitsdarbietung: Jongleure. Gegeben hat es sie schon im alten Ägypten. Auf einem rund 4000 Jahre zählenden Fresko in den Felsgräbern von Beni Hasan sind Akrobaten und jonglierende Frauen dargestellt. Auch in der Ptolemäerzeit und im alten China finden sich Zeugnisse von ihnen. Jongleure wurden in der rückverfolgbaren langen Tradition dieser Kunst sogar gezielt an Kriegsfronten eingesetzt, gelang es ihnen doch, gegnerische Soldaten kurzzeitig von ihrem martialischen Ansinnen abzulenken. Bei uns gehörten Jongleure im Mittelalter zum Fahrenden Volk, wurden teilweise als Ketzer geächtet. Die Jonglage wird heute als Form der Darstellenden Kunst betrachtet, sie kann als Bewegungstheater angesehen werden.  Als Jonglierrequisiten dienen Bälle, Ringe, Stäbe, Keulen bis hin zu Hüten und Zigarrenkisten. 

Yvon Fragnières Spezialität ist die Keulenjonglage. Sie gilt als Königsdiszipin, u.a. weil Keulen die Eigenschaft haben, in der Luft zu rotieren und so die Jonglage zusätzlich verkomplizieren. Der 29Jährige ist in der Schweiz geboren, im bilingualen Freiburg, seine Muttersprache ist Französisch. Seit 2019 lebt er in Berlin. Yvon jongliert mit bis zu sieben Keulen. Im Verlauf unserer Unterhaltung wird klar: Jonglage ist Musik für die Augen. Wurftechniken und -muster gibt es in dieser Disziplin viele: Das Grundmodell ist die „Kaskade“: drei Requisiten werden mit einer kreisenden Unterarmbewegung abwechselnd von rechts und links geworfen, überkreuzen sich in der Luft und bilden eine rhythmische Schleife. Jede Hand wirft und fängt im Wechsel. Dann gibt es die Wurfvariante des „Albert“: Säulenwürfe senkrecht nach oben, dazwischen ein diagonaler Wurf zur anderen Hand. Die hohen Würfe bleiben jeweils in derselben Hand. Ein weiteres Beispiel, „Mills‘ Mess“, ist durch Überkreuzen und Entkreuzen der Arme, kreisende Handbewegungen und eine geschwungene liegende-Acht-Flugbahn der Wurfobjekte beschreibbar. „Multiplex“ bedeutet beim Jonglieren, dass mit nur einer Hand in einem einzigen Wurf gleichzeitig zwei oder mehrere Gegenstände geworfen werden. Der in mehrere Muster einbaubare „Flash“: für einen Moment sind alle Requisiten in der Luft, beide Hände frei. 

Die Jonglage stellt hohe Anforderungen an die Konzentration, die Augen-Hand-Koordination und an die allgemeine Motorik. Sie aktiviert und verbindet durch die raschen Bewegungen und Musterabfolge die linke und die rechte Gehirnhälfte. Ist Jonglieren nun höchste Anspannung oder Entspannung? Denkt der Artist im Wirbel der geworfenen Dinge an das Rotationsverhalten der Keulen und an ihre Fallgeschwindigkeit, oder begibt er sich währenddessen auf Fantasiereise? Interessieren ihn die Partnerjonglage, die Feuerjonglage und die Kombination mit Seiltanz? Das sind einige der Fragen, die uns im Interview beschäftigen. Aufgetreten ist Yvon neben Deutschland – in Berlin 2022 sogar in einer Show im Friedrichstadtpalast - schon in der Schweiz, in der Türkei, in Schweden, in Italien und in den Niederlanden. Auftrittsmöglichkeiten gibt es, abgesehen vom Zirkus, viele, z.B.: Bei Straßenfestivals, in Einkaufspassagen, auf Kreuzfahrtschiffen, Hochschulfesten, in Nachtclubs, Varietés, Casinos und Freizeitparks. Diesen Sommer wird Yvon bei einem Straßenfestival in Polen dabei sein.

Interview: Martina Pfeiffer

Der Kontakt zu Yvon Fragnière wurde dankenswerterweise durch Inga Groß vom Forum neuer Zirkus e. V. ermöglicht.