Vordergründig gedrechselte Wortbildung oder grelle Beleuchtung in Liebesdingen sucht man bei Sascha Kokot vergeblich. Stattdessen: Filigrane Sprache und ein fein gehandhabtes Wechselspiel von Nähe und Ferne. Kokot ist ein sehr bewusst schaffender Sprachkünstler. Dabei entgeht er der Konvention des Gewöhnlichen und sattsam Bekannten. Ein eigenartiger und eigener Ton wird in den Eingangsgedichten vernehmbar, die den Konnex von Liebe und Kunst sichtbar machen - als Teil der Geisternetzmetapher des Titels.
Der Blick auf die Geliebte erfolgt auf eine Weise, als trete der Dichter ein paar Schritte zurück und stelle als Maler seine Staffelei auf. Thematisch in den unter „Glimmer“ gefassten Gedichten (zwei davon hat Sascha Kokot selbst eingesprochen): der Widerstand, den die Liebe der Vergänglichkeit entbietet und ihr „Aus“, markiert durch die Rückkehr in den Zeitfluss. Bleiben ist ihr nur in der Kunst vergönnt. Ihr leises Vergehen und das Herausfallen aus der Bindung ist dem Tod eines Individuums vergleichbar. Eine Trauer darüber schlägt sich in der sanften Melancholie dieser lyrischen Notate nieder. Es scheint, als ob sie verhalten ein Trauma befragten: Mehr Thanatos als Eros.
Weitere Themenfelder des Gedichtbands: die technologiedominierte Welt (“Geister“), die Großstadt, vibrierend und vielschichtig („Quartier“), Tod und Abschiednehmen in der Familie („Nachhall“). „Die Gedichte können als Entwicklung, aber auch ohne den roten Faden eigenständig gelesen und gedeutet werden […]“ (S. K.) Im dritten der vom Verfasser eingesprochenen Verskunstwerke tritt eine weitere Auffächerung der „Geisternetze“ hinzu. Es ist den Gedichten des Kapitels „Flocke“ entnommen. Hier artikuliert sich - in einer neuen Partnerschaft - der Wunsch nach einem dritten Du in der Beziehung, unter Inanspruchnahme der Reproduktionsmedizin. Sascha Kokot hierzu: „Der mittlere Teil der ‚Geisternetze‘, ‚Flocke‘, liegt mir sehr am Herzen, weil ich selbst selten gelesen habe, dass ein Gedichtzyklus mit dem Thema Kinderwunsch, Schwangerschaft und Geburt aus männlicher Perspektive geschrieben wurde.“ Kokot nimmt mit der Fertilisationsthematik ein beziehungsrelevantes ebenso wie gesellschaftlich vieldiskutiertes Thema in seine Lyrik auf. Dies unter Wahrung von Unbestimmtheitsspielräumen, die den Leser der „Geisternetze“ zunehmend in das poetische Fadengeflecht hineinziehen und die Lektüre zu einer intellektuell wie emotional fordernden Erfahrung werden lassen. M.Pfeiffer
Autor und Sprecher: Sascha Kokot
Sascha Kokot, Geisternetze (Gedichte), Berlin: Gans Verlag, 2026

