Den Wald aufsuchen heißt zu sich selbst pilgern

Markus Feilers Essay: „Von der Grünkraft bis zum Waldbaden – Über die Heilkräfte des Waldes“

Markus Feiler – Konzeptkünstler und Autor – nimmt uns mit auf eine essayistische Walderkundung. In ihrem Verlauf geht er auf tragfähige Erkenntnisse der Wissenschaft, Philosophie und Kulturgeschichte ein. Im Zentrum seiner Betrachtung steht die "viriditas" (dt.:„Grünkraft“) Hildegard von Bingens - eine eigene Wortschöpfung der Benediktineräbtissin, Mystikerin und Universalgelehrten. Wie der Essayist anschaulich darstellt, veranschlagt Hildegard, bekannt für ihre theologischen, kosmologischen und naturheilkundlichen Abhandlungen, diese Kraft als mächtiges Wirkprinzip, das Makro- und Mikrokosmos miteinander verbindet. Ihr Begriff von „Heilung“ durch den Einklang mit der Natur betrifft nicht nur das Kurieren von Krankheiten. Er meint auch das Bewältigen von seelischen wie zwischenmenschlichen Konflikten. Feiler stellt zugleich den Bezug zu wissenschaftlichen Ergebnissen der Gegenwart her. 2025 berufen sich die Autoren Andreas Hase und Ursula Stumpf mit „Heilkraft der Bäume nach Hildegard von Bingen“ auf das pflanzenkundliche Wissen Hildegards. Die moderne Heilkunde setzt z. B. auf die Wirkung von wachstumsfördernden Substanzen in Knospen im Rahmen der sogenannten Gemmotheraphie.

Mit unserer modernen Lebensweise  laufen wir Gefahr, uns zunehmend von ursprünglicher Naturerfahrung zu entfernen. Gleichzeitig gibt es Bewegungen, die eine Hinwendung zum Wald fordern. Feiler argumentiert unter Einbezug neuerer Literatur zu seinem Thema. So erforschte zum Beispiel die kanadische Forstökologin Suzanne Simard in den 1990er Jahren das symbiotische Netzwerk des Waldes, woraus sich der populäre Begriff vom „Wood Wide Web“ – dem „waldweiten Netzwerk“ entwickelte. 2015 hat Peter Wohlleben „Das geheime Leben der Bäume“ beschrieben, dabei aufzeigend, wie Bäume über den Austausch von Botenstoffen miteinander kommunizieren und sich erstaunlich kooperativ zueinander verhalten. 

Wir hören in Feilers Essay vom Baumkult der Germanen, außerdem vom Wald als Hallraum der Seele in der Romantik und das von Ludwig Tieck geprägte Schlagwort von der „Waldeinsamkeit“, das er 1797 in seinem Märchen „Der blonde Eckbert“ einführte.  Schön, dieses Gedicht im Vortrag von Markus Feiler zu erleben. Die Epoche der Romantik steht für eine veränderte Bewertung des Waldes in seinem Wahrgenommenwerden, weg vom Holzgaranten und dem düster-sinistren Ort hin zu einem Raum des Aufatmens, einer vorfindbaren überwältigenden Ästhetik,  und der Besinnung auf die eigenen kreativen Ressourcen.  Das populäre „Nature Writing“ empfängt maßgebliche Impulse aus dieser Zeit und ihrer Haltung der Natur gegenüber.

Auch auf neue Trends im Walddiskurs geht Feiler ein, so auf das Shinrin -Yoku. Der japanische Begriff bedeutet soviel wie „Wandeln bzw. Eintauchen im Wald“ oder auch direkt  „Waldbaden“. Die Bezeichnung wurde im Jahr 1982 vom Leiter der japanischen Forstwirtschaftsbehörde Tomohide Akiyama geprägt, weil er fest davon ausging, dass der Wald für die Heilung des Menschen unverzichtbar ist.

Ein Aufmerksamkeitsschub für das Waldbaden erfolgte durch die populärwissenschaftliche Veröffentlichung „Shinrin-Yoku: The Art and Science of Forest Bathing“ von Dr. Qing Li im Jahr 2018. Dieser wie auch weitere Forscher wiesen nach, dass Waldbaden helfen kann, Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin zu regulieren, das parasympathische System für Entspannung in unseren Körper zu kräftigen und den Blutdruck zu senken. Waldbaden als anerkannter Lösungsansatz, um Krankheitsrisiken wie Herzinfarkt und Schlaganfall zu reduzieren. Die Heilkraft der Bäume geht unter anderem auf die Phytonzide zurück. Diese natürlichen Öle enthalten als Hauptbestandteil sogenannte Terpene. In einem Versuch vermochte Qing Li nachzuweisen, dass sich Terpene positiv auf die Lymphozyten, die körpereigenen Abwehrzellen des Immunsystems, auswirken. Über das Einatmen der ätherischen Öle im Wald nehmen wir diese Terpene auf. Als unterstützende Heilform findet das Waldbaden insbesondere von Forschern der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie von der Berliner Charité Anwendung. Manche sprechen sogar vom Wald als pharmazeutisches Reservoir. Feiler führt z.B. Sabine Eilmsteiner in ihrem Buch „Die große Waldapotheke“ aus dem Jahr 2025 an.

Hier dürften Stadtbewohner aufhorchen: Selbst in einem Park lässt sich von den Segnungen des begrünten Areals profitieren. Bei der Stadtplanung der Zukunft könnten aktuelle Konzepte wie Tiny Forests vielversprechend sein, oder Vertikale Wälder, bei denen sogar die Begrünung von Hochhäusern erfolgt, wie beim Bosco Verticale in Mailand. 

In seinem Essay argumentiert Markus Feiler unmissverständlich und sehr überzeugend dafür, dass der „Grünkraft“ für die Lebensqualität und das Überdauern des Menschen eine ganz entscheidende Bedeutung zukommt. M. Pfeiffer

Markus Feiler ist seit 2021 aktives Vereinsmitglied des Kulturring in Berlin