Das Werk Loriots umfasst Prosa-, Lyrik- und Dramendichtung. Es reicht von Zeichnungen, Illustrationen, Cartoons (ab 1950 für den Stern), Zeichentrickfilmen, filmischen und intermedialen Beiträgen bis hin zur Regiearbeit, zu Drehbüchern, bühnenbilderischen Entwürfen und Vorträgen. MIt „Ödipussi“ landet er die erfolgreichste deutsche Spielfilmproduktion des Jahres 1988 mit ca. 5 Mio. Kinozuschauern. „Pappa ante Portas“ ist mit 3, 5 Mio. Besuchern der erfolgreichste deutsche Film des Jahres 1991. „Die Jodelschule“, „Die Nudel“, „Zwei Herren im Bad“, „Das Klavier“ „Das schiefe Bild“, „Die Dichterlesung“ sind nur einige der Loriot-Sketche, die in deutschen Wohnzimmern triumphierten. Sie prägten das humoristische Selbstverständnis der Nation über Jahrzehnte und tun dies immer noch.
Bei Loriot wird der Haupttext häufig vom Subtext unterlaufen. Aus dieser disparaten Konstellation entsteht Komik. Der elaborierte Sprachcode geht daneben und mit ihm das implizite Bemühen um gesellschaftlichen Status. Paare torpedieren sich mit Vorwürfen, zeigen typische Herren- und Frauenattitüden, verfangen sich in ihren eigenen Widersprüchen und Idiosynkrasien. Die Alltagskatastrophen – man schlittert verbal und nonverbal geradewegs in sie hinein, beginnend am Frühstückstisch. Bei Interessenkollision fällt keiner über den anderen her. Man hat ja schließlich Anstand. Die deutsche „Knollennase“ ist unbeholfen bis anmaßend, immer aber auf eine liebenswert-unverwechselbare Weise markant. In Anlehnung an die typische Physiognomie von Loriots Kreationen als Zeichner, möchte man fast sagen: je Knolle, je doller. Dem Humanistischen verpflichtet, ist und bleibt dieser unbestrittene Meister im Umgang mit Tusche und Feder ein Menschenfreund, der mitfühlt und bei aller Kritik wohlwollend mit seinen Figuren verfährt.
Während Loriot die nivellierte Mittelstandgesellschaft karikiert, die ab den 1950ern das Lebensgefühl der bundesrepublikanischen Wirklichkeit bestimmte, spielt Tilman Birrs Roman im Berlin der Nullerjahre. Loriot tritt im Geschehen, Achtzigjährig, als Mentorfigur des sechzig Jahre jüngeren Studenten Wolfgang Schneider auf. In der Hauptstadt hat sich ein rigoroser Individualismus breitgemacht, dessen noch harmloseste Erscheinungsformen - gerade in der Kulturszene - Selbstüberschätzung und elitäres Gehabe sind. Für die Hauptfigur hält die Stadt eine ganze Reihe von absurden Situationen bereit. Im Kapitel 4, das Birr einspricht, bewirbt Wolfgang aus NRW sich am Theater in Berlin um einen Job beim Einlass und an der Kasse. Er landet stattdessen vor einer Jury, wobei er sich im geforderten Vorsprechen unverkennbar an Klaus Kinski orientiert. Der Roman „Wie sind Sie hier reingekommen?“ des Schriftstellers, Musikers und Kabarettisten Tilman Birr kam bereits 2023 heraus. 2026, im 15. Todesjahr Vicco von Bülows, erscheint der Band neu als Taschenbuch. Loriots Todestag ist der 22. August.
Tilman Birr, Wie sind Sie hier reingekommen? Berlin: Satyr Verlag Volker Surmann, 2026
Text und Sprecher: Tilman Birr
