Verlieren Sie, mitten in Ihrer Rede, öfter mal den Faden? Setzen Ihnen in letzter Zeit des Öfteren Wortfindungsstörungen zu? Das muss kein Grund zur Besorgnis sein. Vielleicht einfach nur ein „mental overload“ als die Ursache? Stress oder Burnout? Angehörige und Freunde reagieren mit wohlgemeinten Ratschlägen: „Mach doch Gehirnjogging dagegen“. Aber dann: Dinge werden zunehmend häufig verlegt. Oder hat sie irgendwer versteckt? Sei’s die Lesebrille, sei’s der Hausschlüssel oder der Blister mit den Tabletten am Morgen. Das Vergessen als Tatsache. Lieblingsrezepte, die man aus dem Effeff kannte und plötzlich nicht mehr kochen kann, denn: „Wie war das nochmal?“ Zutaten und Abläufe, die einfachsten Automatismen, nicht mehr abrufbar. Dann sogar beim Autofahren in den Gegenverkehr kommen. Schauen wir hin oder schauen wir weg, wenn wir diese Symptome mit einer vertrauten, geliebten Person verbinden? Wiegeln wir ab, tun ab und beschwichtigen, was doch offensichtlich ist?
In ihrem Buch Lautgemalte Nacht verarbeitet Victoria Hohmann die Erfahrung der frühen Demenzerkrankung ihrer Mutter. Gleichzeitig beruft sie sich auf die Freiheit der Dichtung. Ihre Akzentsetzung ist eine poetische. Das Erzähler-Ich ist nicht mit der Autorin zu verwechseln. Hohmann vertritt jene, die keine Worte mehr finden, weil die Erkrankung unerbittlich fortschreitet und im Verlauf ihrer Progression Erinnerungen ausradiert. Betroffene sind entweder gar nicht oder nur am Anfang der Krankheit in der Lage, über die teils schleichenden, teils drastischen Veränderungen des mentalen Zustands zu berichten. Die Demenz – bei allem Fortschritt in der neurologischen Forschung noch längst keine „terra cognita“. Ich-Schrumpfung durch Gehirnfraß. Die einst gestochene Handschrift wird krakelig. Verstecken und Verlegen mit großangelegten, zumeist erfolglosen Suchaktionen. Sätze bleiben bruchstückhaft, werden zu Scherbenhaufen. Dann noch dieser übermäßige Bewegungsdrang. Die Bewältigung all dessen - für die Familie ein Kraftakt 24/7. Und trotz der eindeutigen Faktenlage das Augenverschließen vor dem unaufhaltsamen Dekonstruktionsprozess.
„Strampelnder Käfer auf dem Rücken. Eines Morgens erwachen und dieses Netz, das sich plötzlich über die Wirklichkeit gelegt hat. Wie ein Zaun zerstörerischer Elektroden um den Schädel. Invasives Muster, das alle anderen Muster angreift, zerfrisst.“ (Prolog, S. 7) Immer mehr verfangen sich die Betroffenen wie in einem Netz, immer seltener werden die Momente des bewussten Erkennens und Erinnerns. „Der Frontalzusammenprall mit dieser betäubenden Watte“, wie ihn neben den Erkrankten auch die Angehören unweigerlich erleiden, macht bei den Dementen die Reminiszenz an die gemeinsame Zeit weitgehend zunichte. „Still und laut das Nichts, rücksichtslos und um sich greifend. Scherben gesplitterter Bilder, geborstener Gedanken, die sich nicht mehr zu einem Mosaik zusammensetzen lassen, die sich nicht mehr fügen.“ Lautgemalte Nacht – ein Text, der die Grausamkeit der progredienten Persönlichkeitszersetzung minutiös nachzeichnet. Wehmut darüber, wie ein Mensch, welcher der Ich-Erzählerin so nahe steht wie kaum ein anderer, krankheitsbedingt immer weiter entschwindet. Der gehaltliche Ertrag dieses eindringlichen, poetisch angehobenen Berichts: Die Inbetrachtnahme der Überbleibsel einer Persönlichkeit, die sie einmal war. Durch die Hinlenkung auf das Onomatopoetische, auf die Lautmalerei, liefert die Titelgebung einen zusätzlichen Kommentar zum geistigen Zustand der von dieser Krankheit Heimgesuchten in der sie umgebenden Nacht.
Ein Prosatext, der berührt und anspricht, ohne in Larmoyanz abzugleiten. M. Pfeiffer
Victoria Hohmann, Lautgemalte Nacht, Berlin: schruf & stipetic, 2026
Lesung „Prolog“. Autorin und Sprecherin: Victoria Hohmann
