Sprache ist eine der verräterischsten Lebensäußerungen. Sie ist schichtenspezifisch markiert und verweist auf den sozialen Status. Sprachliche Ausgrenzungsmechanismen sind u.a. dafür verantwortlich, dass Menschen, die eine „andere“ Sprache sprechen, marginalisiert werden. Sprache signalisiert Elite, Prestige, Erfolg und Macht. Und eben auch das Gegenteil. In George Bernard Shaws „Pygmalion“ (1913 uraufgeführt) spricht Eliza Doolittle Cockney English. Damit tritt sie hohen Herrschaften unbekümmert auf den Schlips und auf den Rocksaum. In der feinen Londoner Gesellschaft ist sie deshalb persona non grata. Der Sprachwissenschaftler Henry Higgins sieht sie als Studienobjekt und Trophäe. Er wettet, sie durch sein Sprachtraining innerhalb weniger Monate von der Blumenverkäuferin zur vollendeten Gesellschaftsdame machen zu können. Der Titel des Theaterstücks verweist auf den mythologischen Stoff und auf Ovids Metamorphosen als frühes Zeugnis: Der Bildhauer Pygmalion verliebt sich in die von ihm geschaffene weibliche Marmorstatue. Die Liebesgöttin Venus verwandelt das Kunstwerk in eine lebendige Frau.
In der Aufführung des „Pygmalion“ am DT (Regie: Bastian Kraft) wird Eliza gleich mehrfach besetzt. Die Inszenierungsidee bringt auf faszinierende Weise die „Ballroom“-Subkultur mit ins Spiel. „Wir sind umgeben von Verwandlung“ (C.S. im Interview). Und Higgins selbst – ist der Lehrer lern- und wandlungsfähig? Mehr dazu im Gespräch mit Caner Sunar, der im Deutschen Theater das Blumenmädchen Eliza spielt: „Ej Alter, kaufste Blumen, ej?“ - Cockney English mal auf Deutsch.
Caner Sunar, geboren in Antakya (Türkei), kam 13-jährig nach Österreich und studierte später am Thomas Bernhard Institut des Mozarteum Salzburg. Während seines Schauspielstudiums erwarb er Bühnenerfahrungen bei den Tiroler Volksschauspielen, am Landestheater Salzburg, bei den Salzburger Festspielen, am Düsseldorfer Schauspielhaus und am Werk X in Wien. Seit der Spielzeit 2017/18 ist Caner Sunar Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin.
Das Deutsche Theater (DT) wurde 1850 als Friedrich-Wilhelm-Städtisches Theater eröffnet. Es wurde im 19. Jahrhundert zum Zentrum deutschsprachiger Schauspielkunst. Unter der Nazidiktatur konnte das Haus weiterbestehen, indem es sein Programm auf ein klassisch-humanistisches Programm einstellte. Mittlerweile gilt es als experimentierfreudig. Zweimal erhielt das Staatstheater die Auszeichnung „Theater des Jahres“. Die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch oder das RambaZamba Theater verdanken sich in ihren Anfängen dem DT; die Entwicklung der Theaterwissenschaft als akademische Disziplin ist untrennbar mit diesem Haus verbunden. Die Intendanten waren u.a. Otto Brahm, Max Reinhardt, Heinz Hilpert, Thomas Langhoff, Ulrich Khuon: Seit 2023 ist Iris Laufenberg die Intendantin des DT
Interviewerin: Martina Pfeiffer
