Sich ein Bild von ihr zu machen – das wird nicht genügen. Sie ist die begehrenswerte Schönheit mit dem elfenbeinfarbenen Teint und der blumenverzierten Haarpracht. Zum anderen ist sie die Männerverstörende mit dem irritierenden Pseudonym, die - wenn ihr danach war - wenig feminin in Gehrock und Hosen auftritt, und passend zum maskulinen Look genüsslich Zigarren raucht, sich zu Voltaire bekennend als ihrem geistigen Ziehvater. Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil alias George Sand bewegt sich in den Kreisen von Malern, Dichtern und Musikern. Eugène Delacroix, Alexandre Dumas und Franz Liszt sind mit ihr bekannt, mit Heine steht sie in regem Briefwechsel. Balzac, Flaubert und Victor Hugo bescheinigen ihr den hohen literarischen Rang. Dostojewski nennt sie eine der charismatischsten Figuren des Jahrhunderts. In England bewundern sie die Schwestern Brontë, George Eliot und Elisabeth Barrett Browning.
George Sand missachtet die Konventionen des damals Schicklichen. Sie schert aus. Ihre Vorstellungen von freier Liebe lebt sie in amourösen Eskapaden und auch längeren Beziehungen mit ihren Geliebten aus – eine maßgebliche Inspirationsquelle. Alfred de Musset erinnert sich später an den gemeinsamen Aufenthalt in Venedig: „Am Abend hatte ich zehn Verse gemacht und eine Flasche Schnaps getrunken; sie hatte einen Liter Milch getrunken und ein halbes Buch geschrieben.« George Sand und Frédéric Chopin waren neun Jahre ein Paar. Über die Reise, die sie 1838 mit ihm unternimmt, erscheinen ihre Aufzeichnungen „Ein Winter auf Mallorca“.
An den radikalen Linken Armand Barbès schreibt sie 1867 kämpferisch. In ihrem Brief plädiert sie dafür, dass "der Mensch sich selbst gehören und regieren muss, ohne den Henker zu fürchten oder den Staatsanwalt." Und außerdem: "Ich werde die Frau aus ihrer Erniedrigung erheben durch meine Person und mein Werk. (…) Auch das weibliche Sklaventum wird seinen Spartacus haben." Sand ist 1841 Mitbegründerin der Zeitschrift Revue indépendante, die im Kontext des Frühsozialismus bedeutsam ist. Der Einsatz für die untere soziale Schicht ging bei ihr untrennbar mit dem Kampf für die Rechte der Frau einher. Ihre politische Überzeugung drückt sie auch in ihrem schriftstellerischen Opus aus. Zahlreiche Romane bringt sie zu Papier, darunter Indiana (1832), Lélia (1833) und Consuelo (1842/43). Die erfolgreiche Autorin besticht in Teilen ihres Werks durch psychologischen Scharfblick und detaillierte Milieuschilderungen. Zudem hinterließ sie eine Vielzahl von Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, Theaterstücke, Kurzgeschichten, sozialkritische Schriften und ihre Memoiren. Beachtlich: George Sand konnte vom Ertrag ihrer Feder leben!
Im Roman „Nanon“ (1872 erschienen) ist es ein14-jähriges Bauernmädchen, Analphabetin und mit dem Status einer Leibeigenen, das Weltgeschichte miterlebt. Als späterhin gebildete und selbstbewusste Frau blickt Nanon zurück auf die Geist und Gesellschaft umwälzenden Geschehnisse der Französischen Revolution und deren Auswirkungen auf das einfache Volk: Geschichtsschreibung von unten. Der Roman liegt in der Neuübersetzung von Elisabeth Edl vor, ist von ihr kommentiert und mit einem Nachwort versehen. Das Buch hat 493 Seiten. Die Übersetzerin liest im Podcast die ersten Seiten, auf denen Nanon sich ihre frühe Kindheit und Jugend in Erinnerung ruft.
George Sand, geboren am 1. Juli 1804, starb am 8. Juni 1876. 2026 jährt sich ihr 150. Todestag. M.Pfeiffer
George Sand, Nanon (Roman), München: Carl Hanser Verlag 2025
Sprecherin: Elisabeth Edl; Aufnahme/Technik: Hanser Verlag
