Tobias Roth und Daniel Bayerstorfer über das Damals und Heute der Hirtendichtung
Schäferlyrik
Wie aus der Zeit gefallen – pastorale Szenerien voller Frieden und Anmut
Tobias: „Brasilas und Bianor“
„Ich weiß zwar nicht, ob das in den alten Texten so gemeint war, aber man kann es auf alle Fälle heute so lesen: poetische Kunstfertigkeit, die auf große Einfachheit trifft, wilde Phantasien und abgespeckte Formen. Auf einer strukturellen Ebene könnte man vielleicht sogar sagen: mentales, poetisches, künstlerisches Wachstum, das die materielle Schrumpfung, die durch den Kollaps unserer Wirtschafts- wie Ökosysteme auf uns zukommt, ausgleichen kann.“
Tobias Roth wurde 1985 in München geboren, wo er nach Studien in Freiburg und Berlin wieder lebt. 2017 wurde er an der HU Berlin mit einer Arbeit zur Poesie der italienischen Renaissance promoviert. Als Autor, Übersetzer und Herausgeber veröffentlichte er seit seinem Debut, dem Gedichtband Aus Waben (Verlagshaus Berlin 2013), an die vier Dutzend Bücher. Der von ihm ausgewählte, übersetzte und mit Erläuterungen versehene Foliant Welt der Renaissance (Verlag Galiani 2020) stand auf der Spiegel- sowie der Schweizer Bestsellerliste. Für seine Arbeit wurde Roth unter anderem mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis (2013) und dem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des LCB (2010) ausgezeichnet; Arbeitsstipendien führten ihn etwa nach Ventspils (2016), Florenz (2018) oder Salzburg (2024). Er ist der erste Künstler, der den Bayerischen Kunstförderpreis zweimal erhalten hat (2015 und 2021). Roth ist Mitbegründer des Verlages Das Kulturelle Gedächtnis, sowie seit 2021 Herausgeber der Grüne Reihe im Subkultur Verlag.
[…] Keiner will da mehr singen von Amaryllis, die herrlich/Ist und herrlich wie alle, deren Umarmung Erwachen/Ist zur Welt, und durch die engen Spalten im Kerker/Kommen keine Bienen mehr, den gefangenen Schäfer/Durchzufüttern mit gemischten Blumen vom Pfropfreis./Salz auf die Stümpfe der Ölbäume, Siedlungen über die Hügel./Vielfache Fäden hängen von vielfach gelobeten Ländern. […]
Gedichtzeilen aus „Brasilas und Bianor“

Daniel: „Bauern in der Sonne“
„[…] Dinge verwandeln sich in der Tat. Der Hirtenstab würde zum Wanderstab. Cowboys sind bewaffnete Hirten, aber doch Hirten. Sie haben auch die Musik beeinflusst, in den Pastoral-Werken und folglich in auch Vielem, was musikalisch in F-Dur gesagt wurde. Ich selbst habe lange Feldhockey gespielt, das der Legende nach von Hirten erfunden worden ist, die ihre Stäbe zum Zeitvertreib einfach umgedreht und als Schläger benutzt haben. Die Einflüsse lauern also auch da, wo man sie nicht erwartet. Ganz abgesehen von den Heiden und Hängen, die weidenden Schafen ihr heutiges Antlitz zu verdanken haben.“
Daniel Bayerstorfer, geboren 1989 in Gräfelfing, arbeitet und lebt, nach längeren Aufenthalten in Italien und China, in München. Er schreibt Prosa und Lyrik, und ist außerdem als Übersetzer und Literaturvermittler tätig. Es erschienen Übersetzungen aus dem Chinesischen und Italienischen. Sein Debüt Gegenklaviere erschien 2017 bei Hochroth München. In Zusammenarbeit mit Tobias Roth entstand das in der Zeit der Münchner Räterepublik angesiedelte Kurz-Epos Die Erfindung des Rußn, das 2018 im Aphaia Verlag publiziert wurde. Dieses Jahr erscheinen die Bücher Neulich starb Antigone beim Urs Engeler Verlag, sowie Kreuzfällen beim Verlagshaus Berlin. Er ist Mitorganisator der Münchner Lesereihe meine drei lyrischen ichs, sowie Mitgründer des Festivals Großer Tag der Jungen Münchner Literatur. Er unterrichtet Kreatives Schreiben u.a. am Literaturhaus München und dem Lyrik Kabinett München. Seine Gedichte, Essays und Erzählungen sind in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften erschienen und wurden mit Preisen ausgezeichnet. So erhielt erhielt er u.a. das Münchner Literaturstipendium, das Arbeitsstipendium des Freistaats Bayern und vom Berliner Senat ein Aufenthaltsstipendium am Literarischen Colloquium Berlin.
[…] Der gebeutelte Berg, das Gletscher-
narbengewebe so taub, Hammerschlag, wie das schimmert.
Papierblumen, gesteigerte Dohlen
am Mantel aus Wind, in den der Berg sich hüllt, ein
Vogel löst sich aus der unsichtbaren Faust der Thermik.
Um die Dominanz des Berges diese schmalen
Wasserfälle, die beim Fallen fast zerstoben wären,
das Wasser ballt sich deshalb, Tropfen für Tropfen,
mit aller Kraft, entschieden gegen den Wind;
ein Geographisches neigt sich, ein Schattiges auch.
Gedichtzeilen aus: „Bauern in der Sonne“ (Kreuzfällen-Auszug)