Die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson (1830 – 1886), geboren und gestorben in Amherst, Massachusetts, kultiviert eine gewisse Schräge in ihrer Dichtung. Einen Negativangang all dessen, was wir an verlässlichen Standardisierungen und unumstößlichen Begrifflichkeiten haben. Existentiellen Grundfragen nähert sie sich vorzugsweise antithetisch. Dickinson stand im Ruf, spröde und leutscheu gewesen zu sein. Sie habe sich von der Welt abgekehrt und abgeschottet gegen das Leben „da draußen“. Zumeist in Weiß gekleidet, zeigt sie sich von ihrem 30. Lebensjahr an zunehmend seltener in der Öffentlichkeit, zieht sich schließlich nur noch in die obere Etage ihres Elternhauses und dem dazugehörigen Garten zurück. „In Wirklichkeit hat sie aber längst auf viel kleinerem Raum gelebt: einem handtellergroßen Stück Papier. Dieses Zuhause kann ihr keiner nehmen“, schreibt Dominique Fortier, die das Leben einer der rätselhaftesten und eigenwilligsten Frauengestalten des 19. Jahrhunderts nachzeichnet in: „Städte aus Papier: Das Leben der Emily Dickinson“ (2018). Tatsächlich waren die allermeisten Verse der „Einsiedlerin aus Amherst“ zu ihren Lebzeiten nur einem sehr kleinen Bekanntenkreis zugänglich. 1774 Gedichte umfasst ihr Gesamtwerk nach Franz H. Links Angaben. Die Literaturwissenschaft legt der unterschiedlichen Länge und dem jeweiligen Neigewinkel ihres Gedankenstriches in den Manuskripten eine eigenständige Aussage bei. Mit Wortwahl, Syntax, Lautung, Rhythmus und den ausgefallenen Bildgruppen in ihrer Sprachkunst gehört Dickinson zu den herausragenden Dichterpersönlichkeiten der Neuen Welt, die den Übergang von der Tradition zur Moderne markieren. An ihrer Sprachkunst lässt sich der Rückzug von der Welt auf ein Ich ablesen, das nicht mehr blind auf die Fügung der Geschicke durch einen weisen Weltenlenker vertraut und dennoch Momente menschlicher Sinngebung aufspürt, die sie dichterisch umkreist. Emily Dickinsons 140. Todestag fällt auf den 15. Mai 2026. M.Pfeiffer
Emily Dickinson: „Hope“ (Gedicht), Englische Originalfassung
Sprecherin: Katharina Schultens
Aufnahme: Haus für Poesie; Musikmontage: Kulturring in Berlin
