Die Birne als Dichterglück

Zum Tag der Birne Matthias Buths Essay „Birnen flüstern im Havelland“

Die Ballade bietet als eigengeprägte Gedichtform gleich drei Aussageweisen auf, um ihre Leser-, besser noch ihre Zuhörerschaft auf der ganzen Linie zu packen: die lyrische, die epische, die dramatische. Hinzu kommt eine Motivik, die überquillt; die balladische Sprachbehandlung: Appelle an Emotionen, hohe Symbolhaltigkeit und Suggestivität; aber auch Figurenreichtum, Geschehnissättigung und intensive Spannungsgeladenheit sind  Merkmale der dreifachen Ausrichtung. Worauf die Ballade abzielt, ist nichts geringeres als eine starke Ansprache von Geist und Einbildungskraft. Fontane (1819-1898) hat mit seinen Balladen „John Maynard“, „Die Brücke am Tay“ und „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ Generationen von Schülern berührt und für Dichtung eingenommen. Kommen in den beiden anderen angesprochenen Balladen die Selbstaufopferung für Andere und die Warnung vor blindem Fortschrittsoptimismus zum Ausdruck, so ist es in „Herr Ribbeck…“ die Weitsicht des alten Gutsbesitzers, die von seiner Menschenliebe gespeist ist;  die Fürsorge über den eigenen Tod hinaus, welche die Ballade unvergesslich macht. Heute würden wir vielleicht von „Longtermism“ sprechen, wenn über Jahre und Jahrzehnte ein Birnbaum aus der Frucht wächst, die Herr Ribbeck sich in weiser Voraussicht ins Grab mitgeben lässt - um auf diese Weise  ad infinitum künftige Generationen mit Birnen zu beschenken. Im Havelland feiert man am vierten Sonntag des April den „Tag der Birne“. Ein vortreffliches Datum, um an das köstliche Gewächs und – einfach untrennbar mit ihm verbunden - an den alten Herrn Ribbeck von Ribbeck im Havelland zu erinnern. „Was ist schon Realität? Wirksamer erscheint allemal die Fiktion. Interessant wird es, wenn die Fiktion so auf die Realität einwirkt, dass sie zur Wirklichkeit im Sinne der Fiktion wird“ schreibt der Dichterjurist Matthias Buth in seinem Essay „Birnen flüstern im Havelland“ und gleicht das von Fontane Erdachte mit den historischen Ribbecks ab. 

Am Tag der Birne sei auch an die Bannkraft von Friedrich Hölderlins Gedichtzeilen erinnert: „Mit gelben Birnen hänget/Und voll mit wilden Rosen/Das Land in den See/Ihr holden Schwäne,/Und trunken von Küssen/Tunkt ihr das Haupt/Ins heilignüchterne Wasser“

Birnen inspirierten zu Meisterwerken der Dichtung. So gesehen hätte der „Tag der Birne“ durchaus das Zeug zum „Welttag der Birne“ – spätestens nachdem Matthias Buth in seinem Essay die Birne zu seinem Thema erkoren hat.  M. Pfeiffer

„Birnen flüstern im Havelland“ (Essay)

Autor: Matthias Buth