"Verwandlung" ist bei Novalis, wie sich Friedrich von Hardenberg nannte, ein essentieller Begriff. Nichts ist, was es scheint und nichts bleibt, was es ist. Auch Poesie und Prosa verlassen die ihnen gesetzten Abgrenzungen, fließen ineinander. Poesie sei "nichts anderes als innere Malerei und Musik". Der Roman müsse "durch und durch Poesie sein". 1800 ist der erste Teil des "Heinrich von Ofterdingen" abgeschlossen, der 1802 posthum als Fragment erscheint. Durch diesen Roman wird die Blaue Blume der Romantik Hieroglyphe für die unendliche Sehnsucht nach dem geheimnisvollen, die Gegensätze vereinenden Urgrund des Seins. Novalis' Dichtung ist als Panpoetismus zu verstehen, als lyrische Durchdringung der Wirklichkeit. Er versteht es, die Welt wie ein Liebender wahrzunehmen. Doch damit nicht genug: Mit seiner eigenen Vorstellung vom "Goldenen Zeitalter" hat er die Utopieforschung befeuert, und er schuf wohl auch die Folie für jene künstlichen Paradiese, die die Kunst des 19. Jahrhunderts in produktive Unruhe versetzen sollten. Er ebnete den Weg für Fantasiewelten, wie sie bei E.T.A. Hoffmann und Charles Baudelaire gestaltet wurden. Überdies vollzieht Novalis die kopernikanische Wende in der Ästhetik und Poetik, die Hinwendung zum schöpferischen Subjekt: dem Dichter, Maler und Komponisten. Der Weg führt vom traditionsgebundenen zum entfesselten, innegeleiteten Menschen. Ebenfalls ein innovativer Ansatz des Frühromantikers: Echte Erfahrung entstehe aus freiem Experimentieren. Eines der Ergebnisse seines Experimentierens auf literarischem Gebiet: Das Kunstmärchen, wie im "Heinrich von Ofterdingen" gestaltet, lässt sich als eine Form der Fantasy-Literatur erkennen. Die Bedeutung und Reichweite dieses Frühromantikers zeigt sein Gedanke "Fast jeder Mensch ist in geringem Grad schon ein Künstler", der auf der Documenta 1972 bei Joseph Beuys' Auftritt mit der Formel: "Jeder Mensch ist ein Künstler" wiederbegegnet. Und vielleicht steht die Blaue Blume bei Novalis für das, was jeder Mensch sucht, ohne es zu wissen, sei es nun Glück, Geborgenheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe oder künstlerische Eingebung und Schaffenskraft. Novalis verstarb am 25. März 1801 mit 29 Jahren. M. Pfeiffer
Text: Heinrich von Ofterdingen (Roman), 1. Kapitel: “Die Erwartung”
Autor: Novalis
Sprecherin: Ingrid Birkholz
