Eine Reise in südliche Gefilde mit weitreichenden Auswirkungen – J.W. Goethe brach im September 1786 als 37-Jähriger für zwei Jahre nach Italien auf, fort von den enervierenden Ministerialpflichten in Weimar. Goethe initiiert mit seiner Schrift „Italienische Reise: Auch ich in Arkadien“ die eigentliche Tradition der deutschen Italienlyrik. Er prägt damit über mehrere Epochen die „Italiensehnsucht“ von Künstlern und Bildungsreisenden aus dem Norden. Anders als die einschlägigen Reisen des europäischen Adels, die aus berufs- und standesspezifischen Gründen erfolgt waren, machte sich seit Goethes Italienaufenthalt die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit, die Steigerung der subjektiven Erlebnisfähigkeit durch ekstatisches Schauen wie auch die Schärfung des ästhetischen Urteils durch meditative Betrachtung geltend. Goethe begründete die Bildungsreise ins Land, wo die Zitronen blühen. Die sonnendurchflutete mediterrane Landschaft, antike Mythen und Relikte, überwältigende Kunstschätze, zugleich italienische Lebensart und lebensfrohes „carpe diem“, markieren für den Dichter eine Zäsur: Seine Reise rief in ihm die Empfindung des Nachhausekommens, das Gefühl einer „zweiten Geburt“ hervor. Goethe blieb hierin das Leitbild bis ins 20. Jahrhundert. Auch für ambitionierte Malerinnen und Maler, z.B. für August Macke, Gabriele Münter, Erich Heckel, Max Pechstein und Carlo Mense blieb Italien ein für die Ausbildung bzw. Vervollkommnung ihres Künstlertums verheißungsvolles Reiseziel. Und Italien ist freilich in der Bildenden Kunst und in der Dichtung auch die Projektionsfläche für Sehnsüchte und Wünsche, die im eigenen Land offen bleiben – erfüllter Müßiggang in einer als Idylle empfundenen Landschaft, die direkte Nabelschnur zur Kunstblüte und zum Genius der Antike, freies Leben und Kunstschaffen ohne gesellschaftlich auferlegte Zwänge.
Gerhart Hauptmann (1862 - 1946) unternimmt bereits in jüngeren Jahren Reisen ans italienische Mittelmeer, zunächst mit den Ambitionen, Bildhauer zu werden. 1897 reist er im reiferem Alter erneut monatelang durch dieses Land im Süden. Er schildert seine Eindrücke von Städten wie Venedig, Florenz und Rom in den Tagebuchaufzeichnungen „Italienische Reise 1897“. 1907 ist der 45-Jährige auch in Griechenland unterwegs, der Reisebericht „Griechischer Frühling“ entsteht.
Hauptmanns Gedicht „Zypressen“ (im Gedichtband „Ährenlese“ mit „Villa Molfino, 2. März 1927“ angegeben) zeichnet sich durch sprachliche Variabilität aus. Sein mediterranes „Jugendparadies“ – mit Springquell, Blumen und Hain, die Geister und Götter von ehedem - reflektiert das lyrische Ich neu. Nun allerdings mit einem melancholisch getönten Bedürfnis nach innerer Einkehr, die letztlich ins selbstgewählte Schweigen über die entschwundene Jugend und das einstige Ideal mündet. M.Pfeiffer
Gerhart Hauptmann: „Zypressen“ (Gedicht)
Sprecher: Matthias Kniep
Aufnahme: Haus für Poesie; Musikmontage: Kulturring in Berlin
