Du ahnst es nicht: Der erste Satz – und wie weiter?

„‘Ich hole nur meinen Mann ab’: Ein Satz mit vielen Folgen“ - Lesung von Katharina Zeilinger und Galeide Heß

Der erste Satz markiert einen Aufbruch ins Ungewisse. Er will diejenigen, die es aufgeschlagen haben, zum Pakt mit diesem Buch verleiten. „Ich hole nur meinen Mann ab.“ Und schon ist aus dem Nichts ein Etwas hervorgetreten, das gar nicht so eindeutig-harmlos ist, wie es scheinbar daherkommt. In den ersten Satz hineinlauschend fragt man sich, welche Tonart dieser anschlägt, und ob er überhaupt eine solche vorgibt. Ist da ein Wirkungskalkül, eine kaschierte Allusion? Die Eröffnung mag zunächst drei Assoziationsspielräume bedienen: 1. Das „Ich“ ist eine Frau. 2. Die Äußerung ist auf den ersten Blick beiläufig. 3. Auf den Satz wird eine Geschichte folgen, die komische Handlungselemente beinhaltet. Und doch merkt man im Nachhall auf und erfährt eine Verunsicherung. Denn eins stellt sich im Lektüreverlauf der vielen Geschichten, die den Satz „Ich hole nur meinen Mann ab“ als Ausgang haben, heraus: Egal, welche Vermutungen auch immer: Was folgen wird, ist unvorhersehbar und düpiert womöglich die Leseerwartung, denn:  1. Das“Ich“ muss nicht notwendig eine Frau sein. 2. Die Äußerung ist alles andere als beiläufig. 3. Was auf den ersten Satz folgt, muss nicht notwendigerweise komisch sein. Erwartungen, gegen den Strich gebürstet. Schon sind wir mittendrin in den 35 Texten unterschiedlicher Verfasser*innen, herausgegeben von Katharina Zeilinger und Geleide Heß. 

Berühmt gewordene erste Sätze der Weltliteratur finden sich beispielsweise bei Albert Camus Der Fremde, Leo Tolstoi Anna Karenina und Jane Austen Stolz und Vorurteil. Im Ranking „Der schönste erste Satz“ der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung Lesen  (2007) ganz oben: Günther Grass‘ Anfangssatz aus dem Roman „Der Butt“, ebenso kurz wie suggestiv: „Ilsebill salzte nach“. Der französische Autor Alain Robbe-Grillet nobilitiert den literarischen ersten Satz zur hohen Kunst: “Ich glaube, man könnte fast eine ganze Literaturgeschichte schreiben, indem man nicht den vollständigen Text der Romane untersucht, sondern nur ihre Anfangssätze.“ 

Im vorliegenden Buch geht es um einen einzigen ersten Satz. Seien wir gespannt auf die weitere Vertiefung, Entfaltung oder ironische Brechung, kurz: auf die narrativen Echoräume.

M. Pfeiffer

„Ich hole nur meinen Mann ab“: Ein Satz mit vielen Folgen. Berlin: Regenbrecht Verlag, 2024

Herausgeberinnen und Sprecherinnen: Katharina Zeilinger und Galeide Heß

"Gang zum Müll", Frank Kirchner
"Und Tschüss", Martina Gilles
"All Inclusive", Sarah Bräuer