2026 wäre Billy Wilder Hundertzwanzig geworden. Der späterhin weltbekannte Regisseur kommt am 22. Juni 1906 im Ort Sucha zur Welt, im damaligen Galizien, Nähe Krakau. Seine Eltern sind Max und Eugenia Wilder. Die Mutter ruft ihn „Billie“. Sein Vater führt ein Hotel in Krakau. 1916 flieht die Familie nach Wien. Billie besucht dort das Gymnasium. In Wien macht sich eine zunehmend antisemitische Propaganda geltend. Aus „Rassegründen“ wird dem Vater die österreichische Staatsbürgerschaft verwehrt. In seiner Gymnasialzeit sind Mark Twain und Bret Harte Billies Lieblingslektüre. Der Junge verbringt viel Zeit in den Phonographenläden, beginnt Jazzplatten zu sammeln. Er lernt Foxtrott und Tango tanzen, eifert Rudolph Valentino nach. Und er entdeckt seine Liebe zum Kino: Filme von Mihály Kertész, der 1942 unter dem Namen Michael Curtiz „Casablanca“ drehen wird. Und von Ernst Lubitsch, später sein Vorbild. Charly Chaplins „Tramp“ kann er nicht oft genug sehen. Mit knapp 20 kommt Wilder nach Berlin und wird als Reporter tätig. Nebenbei verdient er sich etwas dazu, als Eintänzer im Hotel „Eden“. Bald wechselt er zum Drehbuch über: der Beginn einer großartigen Karriere. 1933 reist er nach Paris und von dort in die USA aus. Der Literatur- und Filmwissenschaftler Hellmuth Karasek besucht ihn 1986 in Beverly Hills. Er schreibt, Wilder schaffte das Kunststück, gleichzeitig Amerikaner mit Leib und Seele und Europäer mit Herz und Verstand zu sein. Als Regisseur, Drehbuchschreiber und Produzent erhielt Billy Wilder 21 Oscar-Nominierungen und sechs Oscars. Interessant für ihn: die Spannung zwischen Konformisten und Außenseitern, zwischen Norm und Identität. Er steht für Wortwitz und zündende Gags, schreibt aber auch mit nichtkomödiantischen Werken Filmgeschichte. Seinem geschärften Blick entgeht nicht die oftmals festzustellende Fassadenhaftigkeit der Traumfabrik und die Kehrseite der Filmindustrie. Und vor allem hat er sich zum Ziel gesetzt, nie zu langweilen. Wilder bekennt, er sei nicht der Typ, der tiefe Enthüllungen schreibt oder Stücke wie ‚Warten auf Godot‘. "Ich wollte nur den Geschmack des Durchschnittsbürgers ein wenig verbessern.“
Rainer Rother wurde 1956 in Vechta geboren, studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Hannover und promovierte 1988 über „Die Aktualität des Vergangenen.“ Von 1991 bis 2006 war er Leiter der Kinemathek des Deutschen Historischen Museums. Von 2006 – 2025 war Dr. Rainer Rother Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek, Museum für Film und Fernsehen. Von 2001 bis 2019: Mitglied der Auswahlkommission für den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Er leitete seit 2006 die Retrospektive der Berlinale und zeichnet für die Berlinale Classics verantwortlich. Bei den 75. Internationalen Filmfestspielen Berlin im Februar 2025 erfolgte die Auszeichnung mit der Berlinale Kamera.
Für die Berlinale kuratierte er u.a. Werkschauen von Regisseuren wie Luis Buñuel und Ingmar Bergman, außerdem zu Independent-Filmen des Archivs. Gleichzeitig galt sein Engagement filmästhetischen Betrachtungen von innovativen Verfahren. Rainer Rother ist Autor mehrerer Bücher wie etwa „Zeitbilder. Filme des Nationalsozialismus“, „Nina Hoss“, „Leni Riefenstahl. Die Verführung des Talents“; Herausgeber u. a. von: „King Vidor”, „Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen”, „Weimarer Kino – neu gesehen”, „Linientreu und populär: Das Ufa-Imperium 1933 bis 1945“, „Sachwörterbuch Film“ sowie zahlreiche Ausstellungskataloge.
Am 04.11.2025 traf ich Dr. Rainer Rother zum Interview über den Regisseur und Drehbuchautor Billy Wilder. „Billy Wilders Filme […] altern auf eine Art und Weise, die sie auch für ein junges Publikum absolut anschlussfähig sein lässt.“ (R. R. im Podcast-Interview) Zum Einstieg ins Billy Wilder-Jubiläumsjahr 2026 also unser Interview für alle, die’s wilderesk mögen.
Interviewerin: Martina Pfeiffer

