William Sydney Porter, bekannt als O. Henry, *1862 in Greensboro (North Carolina) geboren, ist mit seinen clever konstruierten Überraschungseffekten in die amerikanische Literaturgeschichte eingegangen. Markenzeichen: Der sogenannte „O. Henry-Twist“.
Williams Mutter ist früh verstorben, der Vater ein mäßig erfolgreicher Arzt. Die Verwandten, bei denen er aufwächst, können dem bücherversessenen Jungen nicht den Besuch einer höheren Schule finanzieren. Mit 15 geht er von der Schule ab, macht eine Ausbildung als Apotheker und ist längere Zeit in einem Drugstore tätig. Hier trifft er auf ganz unterschiedliche Menschen, studiert deren Verhalten und Gewohnheiten. Später verdingt er sich als Cowboy, Buchhalter, Zeichner, Krankenstationsgehilfe, Kassierer einer Bank, Reporter. Nach einigen Turbulenzen in seinem Leben verfasst er zwischen 1901 und 1910 zahlreiche Kurzgeschichten. Damit bestreitet er seinen Lebensunterhalt. Das Treiben der New Yorker High Society interessiert ihn nicht. Es sind die Skurrilitäten des Daseins, die Knackpunkte, an denen es zwischen Individuum und Gesellschaft nicht stimmt, die er pointiert erfasst. In seinen Kurzgeschichten rügt er auch immer wieder die Geschäftsmethoden amerikanischer Superreicher.
In „The Cop and The Anthem“ („Der Schutzmann und der Choral“) geht es um den Stadtstreicher Soapy, der in der Weihnachtszeit mit ungesetzlichem Verhalten versucht, in eine geheizte Bleibe und an ein warmes Essen zu kommen. Obdach gegen die Kälte und etwas zum Sattwerden – das hofft er für sich im Gefängnis zu finden. Trotz aller Mühen Soapys, sich strafbar zu machen, will es ihm einfach nicht gelingen, hinter Gitter zu kommen. In dem Moment, als er sich vornimmt, zum besseren Menschen zu werden, eröffnet sich dem Underdog die „Chance“, eingebuchtet zu werden. Fatal bloß, dass er das zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr will. Oder doch? In O. Henrys „surprise endings“ halten sich der pessimistische Unterton und wohlwollende Zuversicht die Waage. Im Nachwort der „Meistererzählungen“ des Amerikaners schreibt Heinrich Böll: „Die meisten Kurzgeschichten von O. Henry gleichen umgestülpten Märchen, die zwar happy, aber nicht auf konventionelle Weise happy enden.“ Böll trifft damit den Kern der Meisterschaft O. Henrys. M. Pfeiffer
O. Henry „The Cop and the Anthem“ (amerikanische Originalfassung)
Sprecher: Anthony B. Heric

