Das Kommende antizipieren - lustvoll oder angstbefrachtet?
Dichterworte zur Zukunft von Alice Veil, Tim Holland, Tonda Montasser und Cheikh Anta Belle Kum
Tonda: "Was ich mir wünsche für uns?"
"Wir verhalten uns wie Dreijährige im Nobelhotel – ohne Gefühl dafür, dass wir uns selbst schaden. Es ist, als betrachteten wir die Erde als All-you-can-eat-Buffet, ohne Verantwortung. Man muss, denke ich, auch wirklich immer Kapitalismus und die Frage nach dem Planeten zusammendenken. Reiche Menschen sind mit ihrem Lebensstil für die Zerstörung des Planeten hauptsächlich zuständig […] Klimawandel, Armut, Sucht, soziale Ungerechtigkeit und Rassismus. Alles hängt zusammen, das führt dazu, dass meine Gedichte auch immer länger werden.... Wir müssen das alles gemeinsam lösen und es gibt dafür keine Abkürzungen."
Tonda Montasser, *2011 in Berlin, entdeckte seine Lust am Schreiben während des ersten Lockdown, im zweiten fing er an, Gedichte zu verfassen. Lyrik mit KI zu schreiben funktioniert für ihn nicht. Ausgezeichnet wurde der junge Poet beim THEO 2021,2022,2023, beim Treffen junger AutorInnen 2022 und beim Bundeswettbewerb lyrix 2021,2022, 2023. Gedichte von ihm erschienen zuletzt bei etceterapress, Signaturen Magazin, manuskripte und beim poesiefestival berlin 2025. Tonda begeistert sich – neben Lyrik und Film – für Yu-Gi-Oh-Turniere. Für die Zukunft plant er, Literarisches Schreiben zu studieren.
[…] Dass die Welt nicht aussieht,/
als sei der Grafikdesigner/ein Nihilist./
Für alle hier weniger/
habgierige Kalender,/
Durchgeplant/und eingefärbt./
Am Ende allen ein Frohes Fest./
Und ein gut durch die Ohren/sausendes Gedicht.
(Zeilen aus: Was ich mir wünsche für uns?)
Verfasser und Sprecher: Tonda Montasser

Alice: "Gefrorener Wind"
“Die Kulisse der zerstörten oder verstörten Welt dient mir als Möglichkeit, eine innere Welt darzustellen. Natürlich hängt diese innere Welt durchaus mit der äußeren zusammen, und bewusste und unbewusste Ängste, welche ich bezüglich dem Klimawandel, der Umweltzerstörung und dem allgemeinen Zustand der Welt habe, spielen sicherlich eine Rolle dabei […] Es ist ein Gegenentwurf zu einer Art von Depression, die aus Leere und der Abwesenheit von Emotionen besteht. Es ist ein sich-Hineinstürzen in negative Gefühle, ein Zulassen von Schmerz und ein beinahe lustvolles Baden in negativen Gedanken. Vielleicht kann es insofern Menschen wachrütteln: Ihre Emotionen zuzulassen, sich ihnen zu stellen, Worte für sie zu finden, statt sich vor ihnen zu fürchten und ihnen dadurch zu viel Macht zu geben.”
Alice Veil ist 1999 in Frankfurt/Main geboren. Mit 15 begann sie, Gedichte zu schreiben, ließ sich von der Schreib-AG ihrer Schule anregen und nahm an Poetry Slams teil. 1923 erwarb sie den Bachelorgrad in Pädagogik und studiert seither im Masterstudiengang Erziehungswissenschaften. Sie war 2020 bei den Young Poets im Haus für Poesie in Berlin dabei. Ein Text von ihr wurde von der online Plattform 'Lyrix' veröffentlicht und sie war seit 2021 regelmäßige Teilnehmerin bei den Schreibwerkstätten des 'Kreatives Schreiben e.V.' in Berlin. Seit 2023 arbeitet sie dort auch selbst im Team mit und bietet Workshops für junge Erwachsene an.
[…] der Globus vollführt seine schönste Pirouette/Immer noch und/Stockt, manchmal
wenn die Sonne das Dunkel auf ihn tröpfeln lässt/bevor sie verschwindet,
auseinandergerissen wird von/einer alles beendenden Umarmung
des Universums selbst […]
(Zeilen aus "Gefrorener Wind")
Verfasserin und Sprecherin: Alice Veil

Cheikh Anta: "Oberflächlich"
“Ein zukunftsfähiges Modell wäre das Sich bewusst-Sein, Respektieren und Akzeptieren, dass jeder Mensch anders ist und es auch sein darf. Der Gesellschaft und vor allem der Jugend muss deutlicher gemacht werden, in was für einer riskanten Situation wir uns befinden.”
Mit sieben Jahren (1999) schrieb Cheikh Anta Belle Kum sein erstes Gedicht, auf Französisch. Kurze Zeit später wurde ihm ein Lyrikbuch mit dem Titel “Dunkel war´s, der Mond schien helle“ geschenkt, das zu seiner bevorzugten Lektüre wurde. Gleichzeitig dichtete er weiter. Im Jahr 2007 präsentierte er bei einer Veranstaltung in seiner damaligen Schule zum ersten Mal selbstverfasste Poesie allein auf der Bühne. 2010 trug er wieder eines seiner Gedichte vor einem Publikum vor, dieses Mal nicht alleine. 2019 nahm er zum ersten Mal an den Open Poems teil. Im Jahr 2020 begann er mit dem Schreiben von Liedern. Sein erster Rap-Song heißt “Gedanken“. Im Jahr 2021 schrieb er sein erstes französisches Hip-Hop-Lied welches “La nature“ heißt. Seine Lieder findet man, wenn man seinen Künstlernamen Choaco auf SoundCloud eingibt.
"[…] Wir brauchen mehr Einigkeit/bevor es noch schlimmer wird./Doch Trennung wird gelehrt zur Zeit./Und die Einigkeit, sie stirbt./Menschen brauchen Menschen./Oberflächliches ist da nicht wichtig./Persönlichkeit ist das was zählt […] Es gibt nicht nur das was man wahrnimmt./Nicht nur das was man selbst kennt./Die Wahrheit ist sehr vielfältig./Vielleicht geht`s nur nicht in dem Moment./Ich träum’ davon dass niemand mehr/immer nur auf`s Grobe achtet. […]", Gedichtzeilen aus „Oberflächlich“.
Verfasser und Sprecher: Cheikh Anta Belle Kum
Aufnahme und Tonbearbeitung: Anne-Sophie Sinnigen

Tim: "Wir zaudern, wir brennen"
“Wenn ich über die Zukunft schreibe, schreibe ich über einen Raum, der noch nicht vollkommen bestimmt ist, auch wenn gegenwärtige Dynamiken Richtungen aufzeigen. Trotz allem, was wir wissen und zu wissen glauben, ist die Zukunft ein freier Raum, der neu gedacht und gestaltet werden kann.”
Tim Holland, geboren 1987 in Tübingen, studierte nach einer Ausbildung zum Buchhändler in Tübingen am Deutschen Literaturinstitut Leipzig Literarisches Schreiben. Er lebt als Autor, Literaturvermittler und Verleger in Berlin. Seine Texte erschienen u.a. in B.Z., Bella Triste, Edit – Papier für neue Texte, Epilog, Kapsel, Kolik, taz, Tierstudien, WORD und Jahrbuch der Lyrik, Lyrik von Jetzt 3 und in All dies hier, Majestät, ist deins: Lyrik im Anthropozän.
In seinem Langgedicht „wir zaudern, wir brennen“ (Matthes & Seitz Berlin 2022) untersucht er mögliche neue Formen des Zusammenlebens in einer nahen Zukunft. Das Buch wurde unter anderem mit dem ver.di Literaturpreis Berlin-Brandenburg 2022 ausgezeichnet und unter dem Titel „Die drei Jahreszeiten“ als kinetische Installation umgesetzt (Poesiefestival Berlin 2023). Zuletzt kuratierte er Veranstaltungen, die sich literarischen Zukunftsaussichten und der Spekulativen Literatur zuwandten. Im April 2022 fand so die von ihm initiierte erste Unkonferenz für Spekulatives Fabulieren am Literarischen Colloquium Berlin statt, in der sich Autor*innen über zukünftige Schreibweisen austauschten.
es war warm/es war zu heiß./etwas knisterte./etwas flammte auf.
die champagne, inzwischen an den müggelsee gezogen, brannte.
blaugummibäume brannten. fichten brannten.
alles brannte. alles, was ölig war oder stark harzte. […]
wir zauderten./wir waren angst./
und trotzdem: wir waren, obwohl fluchtbegabt, nicht auf der flucht,
suchten nach widerspruch und neuen ideen, die groß genug waren, uns zu bedecken,
ideen, die uns tagsüber kühlten, wärmten bei nacht./wie schafften wir zu hoffen?
(Zeilen aus: "Wir zaudern, wir brennen")
Verfasser und Sprecher: Tim Holland