Nicht seine Macht, seine Weisheit überdauert

Lesung aus Kaiser Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ zum Welttag der Philosophie 2025

Den Thron bestieg Marcus Aurelius (121 -180), auch als "der Wahrhaftigste" bekannt,  161 n.Chr. zusammen mit seinem Adoptivbruder. Ab 169 regierte er in Alleinherrschaft. Nahezu zwei Jahrzehnte war er Kaiser des Imperium Romanum. Wie überliefert, übte er sich bereits mit zwölf Jahren in der asketischen Lebensweise der Stoiker. Meist schlief er auf der bloßen Erde und ist auch später wenig geneigt, sein Lager durch Felle bequemer zu machen. Was der „Philosoph auf dem Kaiserthron“ der Stoa verdankte, war die Genügsamkeit und der Gleichmut, den er sich zu eigen machte. So zeigt er sich in der Lage, das anzunehmen, was man nicht kontrollieren oder ändern kann und sich an dem zu freuen, was man hat. Glückseligkeit besteht für ihn nicht in der Anhäufung äußerer Güter. Sie stellt sich vielmehr ein durch grundsatztreues Leben und Befolgung von Tugenden wie Selbstdisziplin, Gerechtigkeitsliebe und Menschenachtung. Von Seneca stammt die klassische Formulierung „Der Mensch ist dem Menschen heilig“. Marc Aurel hat dies verinnerlicht. Beachtlich, dass er trotz seiner vorzüglichen Bildung nicht auf Ungebildete herabschaut. Niemals tritt er als Tyrann mit Launen und Willkür auf. Er, der Wahrheitsliebende ist unzugänglich für Schmeichelei und Verleumdung, hat aber ein offenes Ohr für begründeten Widerspruch und lässt sich  gern eines Besseren belehren.

Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ sind Gedankensplitter und Tagebuchnotizen, intime Gespräche mit sich selbst, die der Fünfzigjährige in den Kriegsjahren von 170/71 an im Feldlager niederschrieb. Ein singulär dastehendes Dokument mit zeitlos gültigen Hinweisen auf den Menschen als ein zur Gemeinschaft bestimmtes Wesen. Insbesondere von Friedrich dem Großen ist bekannt, dass er den Philosophenkaiser als Leitfigur und Kraftquell sah.  Die „Selbstbetrachtungen" haben einen tiefgreifenden Einfluss auf die neuere Geistesgeschichte des Abendlandes bis hin zur populären Achtsamkeitslehre der heutigen Tage ausgeübt. M. Pfeiffer

Marc Aurel: "Selbstbetrachtungen" (in Auszügen), Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 1973, Übersetzung: Wilhelm Capelle

Sprecher: Tobias Roth