Verdammt empathisch

Lesung mit Sabine Borgwart: „Das Meer ist so blau wie der Himmel“ (Roman)

In dem Film „Rain Man“ (1988) mit Dustin Hoffman in der Rolle des Autisten Raymond Babbitt erleben wir jemanden, der in seiner hermetischen Welt verkapselt ist und nicht einfach mit den Anderen Beziehungen aufnehmen kann. Stellas emotionale Verbindung zu anderen Menschen hingegen ist stark. So stark,  dass sie davon ins Abseits manövriert wird. Stella ist die Protagonistin in Sabine Borgwarts Debutroman „Das Meer ist so blau wie der Himmel“. 

Ihre beste Freundin in der Grundschule, Nevaeh, wird im Pausenhof von einem Jungen an die Wand geschubst. Stella schnellt ein heftiger Schmerz über den Rücken. Niemand hat sie auch nur gestreift, keiner steht hinter ihr. Raufereien auf dem Schulhof. Stella trägt blaue Flecken davon, obwohl sie nur zuschaut. Menschen im kalten Wasser. Sie frieren. Stella fängt selbst an zu bibbern. Martin, der sich mit dem Skateboard über die Spitze des Zeigefingers rollt - das Blut quillt Stella neben dem Nagel hervor. Die Autorin Sabine Borgwart findet einprägsame Bilder für diese „Übertragungsempfindlichkeit“ und taucht mit erzählerischer Finesse ein in die Sinne ihrer Hauptfigur.  Stella selbst sieht ihre entgrenzte Empathie als Ich-Verlust, Ohnmacht, Entblößung vor den Anderen. Sie will deshalb kein Outing. Ihre Abweichung von der Norm will sie um jeden Preis verbergen, entscheidet sich für das Versteckspiel. Eine Eigenschaft, die sie doch im Grunde intensiv mit anderen Menschen verbindet, wird zum Anlass, dass sie sich von allen zurückzieht. Empathie als Makel? Sabine Borgwart nimmt sich die Besonderheit eines Menschen vor, der anders tickt als comme il faut, thematisiert das Nicht-Dazugehören und die Angst der Hauptfigur, in ihrem Anderssein entdeckt zu werden. Doch dann trifft Stella auf die demente Frau Jordan und deren Schildkröte Guste. Ein Trio Infernale? Vielleicht. Machen Sie sich auf Einiges gefasst.

Das Sujet lässt – unabhängig vom Romangeschehen - über Empathie nachdenken: Kann man einem Menschen vorschreiben, welches Maß an Empfindung für seine Mitmenschen er aufbringen darf? Wird man selbst krank, wenn die eigenen Einfühlzwänge übermächtig zu werden drohen? Kann Empathie übergriffig sein und dem Bemitleideten sogar schaden? Erweisen wir den Anderen altruistisch einen Dienst oder werten wir uns egoistisch selbst damit auf? M.Pfeiffer

Das Meer ist so blau wie der Himmel. (Roman) Berlin: Jaron Verlag, 2025

Autorin und Sprecherin: Sabine Borgwart