Zum 115. Todestag des "Zöllners" 2. September 2025
Der Aperitif als "Vorspiel" musste sein. Zuerst trafen sie sich in der Bar Fauvet, dann zog die Montmartre-Clique weiter zum Bateau-Lavoir in der Rue Ravignan 13. Unter den Gästen, die Pablo Picassos Einladung zum "Bankett für Rousseau" gefolgt waren: Robert Delaunay, Amedeo Modigliani, Juan Gris, Georges Braque, Maurice Utrillo, Brancusi, Gertrude und Leo Stein und Wilhelm Uhde. Der Anlass: ein Frauenporträt. Rousseau hatte es 1895 gemalt. Durch seine archaische Macht gräbt es sich ins visuelle Gedächtnis. Picasso hatte es von einem Trödler für 5 Francs erworben. Das Bild hing in seinem Atelier.
Die Gäste sind eingetroffen, das Bankett ist eröffnet. Man sitzt an Tischen, für die man Bretter auf Tischlerböcke gelegt hat. Das Atelier ist mit Girlanden und Lampions geschmückt. Für Rousseau ist ein erhöhter Sitzplatz, eine Art Thron vorgesehen, darüber das Spruchband "Hommage à Rousseau". Der Dichter Guillaume Apollinaire hält die Lobrede, andere erheben sich und bringen einen Toast auf Rousseau aus. Bei den Gästen stellt sich alsbald der Hunger ein. Fernande Olivier bereitet Riz à la Valencienne zu. Georges Braque spielt auf dem Akkordeon. Der gerührte Ehrengast greift zur Geige. Irgendwann an diesem Abend fällt die legendäre Bemerkung Rousseaus, an Picasso gewandt: "Du und ich. Wir sind die beiden größten Maler der Welt. Du im ägyptischen Stil. Ich im modernen". Das Bankett für Rousseau vereint ehrliche Huldigung und beschwingtes Amüsement. Es geht bis in die Morgendämmerung in dieser Nacht Ende November 1908.
Im Podcast gibt es mehr zu dem französischen Maler, der 1844 in Laval geboren wurde. Der Sohn eines Klempners verfügt zu keiner Zeit seines Lebens über ein großes Vermögen. Über zwei Jahrzehnte steht er im Dienst der Pariser Zollbehörde. Das verschafft dem Künstler den Beinamen "Le Douanier", "der Zöllner". Doch dann: Er will nicht mehr als "Sonntagsmaler" gelten und gibt die städtische Arbeit auf, um sich nur noch dem Malen zu widmen. Sein Atelier bezieht er hinter dem Montparnasseviertel und beginnt mit über vierzig Jahren sein professionelles Künstlerdasein. Tatsächlich überrascht jedes Bild aufs Neue. Die Reise ins Fremde, Unbekannte, Exotische wird zur Reise ins Innere. Der Eindruck von Unmittelbarkeit und Naivität: Ergebnis eines zielstrebigen Vorgehens. Robert Delaunay – einer der Wenigen, die nach Henri Rousseaus Tod am 2. September 1910 beim Begräbnis anwesend waren – erkennt den singulären Rang dieses Malers. Er schreibt, Rousseau habe in einem einzigen Pinselstrich die Wahrheit gefunden, die seit den Malern der Vorrenaissance verloren war. Und er spricht von der "Auferstehung einer vergessenen Ausdrucksform".
Text und Sprecherin: Martina Pfeiffer
