Berlin - nicht schöngeredet

Björn Kuhligks "Berlin-Beschimpfung" (Autorenlesung)

Hintergrund und Interviews

"Wir sind viele und wir haben Stress. Wer langsam geht, behindert uns. Wir bewegen uns auf der Überholspur. Von morgens bis abends haben wir Berufsverkehr und rennen der U-Bahn hinterher, weil die nächste erst in drei Minuten kommt. Wir haben Staatsbesuche und Fanmeilen. Wir haben Vorbildfunktion und eine Million Ansprüche auf Wohnberechtigungsscheine, was sowieso völlig egal ist, weil es für diese Scheine gar keine Wohnungen gibt. [...] Wäre Berlin ein Mensch, wäre er, es wäre ihm zu wünschen, in therapeutischer Behandlung. Wer dem Regierenden Bürgermeister was schreiben will, schreibt ans Rote Rathaus. Die Bevölkerungsdichte liegt bei über 4100 Menschen pro Quadratkilometer und bei dieser Erhebung müssen Sie bedenken, dass es durchaus unbesiedelte Waldgebiete wie den Grunewald oder die Müggelberge gibt. Da geht man dann hin, wenn man seine Ruhe haben will und trifft all die anderen, die auch ihre Ruhe haben wollen […] Ich mag diese Stadt, sonst würde ich hier nicht wohnen. Und doch frage ich mich mehrmals in der Woche, warum ich mir diese Stadt antue, meinem Körper, meinem Seelenheil […]" (S. 3 f.)

Nach slawischer Wortbedeutung die "Stadt am Sumpf", die "Stadt im Morast", ist Berlin – so der Verfasser – der "Olymp der miesen Laune" und "Geburtsort der Unfreundlichkeit".  Selbst wenn er Grund zum Jubeln habe, komme dem Berliner gerade mal ein unwirsches "Ich kann nicht meckern" über die Lippen. Noch eine andere Marotte: Der Berliner stelle ausrangierte Matratzen kurzerhand auf die Straße. Und dann komme einer, der was draufschreibt, und das werde dann als Fotomotiv in den sozialen Netzwerken geteilt, "und schon ist Berlin wieder geil, aufregend, bunt und wild." Wie verhält es sich nun genau mit der sogenannten "Berlin-Beschimpfung"? Könnte es sein, dass sich hinter Scheltrede und Kritik, wie wir sie auf den 59 Seiten bekommen, hinwiederum doch eine sich diskret artikulierende Nähe zur Geburts- und Heimatstadt des Autors verbirgt? Eine Sorge um diese Stadt und ihre Bewohner? Mit einer Verbalattacke kann man immerhin nicht bloß Dampf ablassen, sondern auch und obendrein auf Missstände hinweisen. Und diese damit ans öffentliche Schwarze Brett heften.

Wer keine Statistiken und Analysen lesen mag, dafür aber eine unverbrauchte, mit keckem Mundwerk vorgetragene Erklärung zum Thema, stilistisch von der rhetorischen Breitseite bis zur wohlziselierten Ironie reichend, dann ist die "Berlin-Beschimpfung" ein  gleichermaßen amüsanter wie erhellender Lesestoff. Dies mit den erfrischend kessen Illustrationen von Jakob Hinrichs. Buchvorstellung: Martina Pfeiffer

Berlin-Beschimpfung, Berlin: Favoritenpresse, 2024

Autor und Sprecher: Björn Kuhligk