Analog, das war mal

Patricia Caspari liest "Verbunden" (Kurzgeschichte)

Als wir das Hotelzimmer in Tunesien betreten, sehe ich das grünblaue Meer durch die Balkontüren. Ein Ausblick, der extra kostet. Mein Sohn, fast vierzehn, sieht ein Telefon auf dem Nachttisch neben dem Bett, mit einer Wählscheibe und einem Spiralkabel am Hörer.

„Was ist das?“, fragt er.
„Ein altes Telefon, um die Rezeption anzurufen oder jemand in Deutschland.“
„Kann ich Papa anrufen?“
„Das ist zu teuer. Solange wir WLAN haben, ist es über Whats App umsonst.“
„Warum gibt es das dann?“
„Vielleicht, falls das WLAN ausfällt.“ […]
Ich fühle mich weit weg von Europa – wie auf dem Mond.
Mein Sohn befühlt das in sich gerollte Kabel.
„Warum ist das so komisch?“
„So nimmt das Kabel nicht viel Platz weg, wenn der Hörer aufgelegt ist.“ […]
„Aber wieso ist da überhaupt ein Kabel dran?“
„Das ist die Verbindung vom Hörer zum Telefon.“
Er schaut mich an, als wäre ich dumm und zeigt auf den Hörer.
„Das hier ist doch das Telefon“,… und dann auf den Apparat mit der
Wählscheibe: „und das die Ladestation.“
Ich fühle mich alt. „Das alles zusammen ist das Telefon. […] 
Bei einem Krieg oder einer
Katastrophe kann man tage- oder wochenlang so telefonieren.“
Mein Sohn schaut interessiert. Krieg ist wieder aktuell. […]

Es sei eine echte Sommergeschichte. Wenn man sie in einer Farbe ausdrücken wolle, sei sie ein blasses Blaugrün – eine Farbe, die alles auflöst, aber in die man eintauchen kann. Das meinte Patricia Caspari, als sie mir das Manuskript der Geschichte „Verbunden“ zuschickte, die sich „in one go“ lesen lässt. Sich beim Lesen zurücklehnend fragt man sich, ob man womöglich früher beim „analogen“ Telefonieren in stärkerem Maße verbunden war,  obgleich der Titel der Geschichte weitaus mehr insinuiert als die Telefonverbindung:  "Die Erzählung spielt auf mehreren Ebenen, mit Sehnsucht und Liebe, - und wie alles miteinander verbunden ist" (P.C.) Die Autorin verwebt durch ihre Erzählstrategien subtil die Vergangenheit mit aktuellen Bezügen. Das Gefühl von Nostalgie aber, wie es die Geschichte durchzieht,  ist kein verkitschtes Schwelgen in Erinnerungen. Wehmut und Zärtlichkeit, gemischt mit Einsprengseln von harten Fakten der vergangenen wie der gegenwärtigen Zeit, trifft auf Sommerleichtigkeit. Noch einmal die Erzählstimme, am Ausgang der Kurzgeschichte: "Den Pod im Ohr gebe ich meinem Sohn zurück und schließe die Augen. Das Rauschen der Wellen klingt wie das in der Leitung früher, wenn man verbunden war, aber der andere weit weg. […]"

„Verbunden“ (Kurzgeschichte) 

Autorin und Sprecherin: Patricia Caspari