Schon der gestrige Tag ist Geschichte

Hannelore Sigbjoernsen

Nehmen wir nur den 25. Juli 2026, als der CSD in Berlin auf schrecklichste Art und Weise zu Ende ging. Wer späterhin diese Gräueltat aufarbeiten will, muss sich mit der Geschichte Berlins beschäftigen. Es muss nicht bei der Stadtgründung um 1237 begonnen werden, aber spätestens mit der Berlin-Geschichte nach 1990. Mit dem Mauerfall 1989 veränderte sich, was vorher niemand bedacht hatte: die Arbeitsverhältnisse, die Wohnverhältnisse, die Veränderungen in den sozialen  Strukturen, die Einwanderungen usw., usw. Da gibt es die Frühgeschichte, unsere Gegenwartsgeschichte, die Personen- und  Familiengeschichten und die kleinen, individuellen: zu einem Familienfoto, einem Schmuckstück oder einem Möbelstück in der eigenen Wohnung. Wie oft war ich schon mit mir uneins, weil in unseren privaten Bücherreihen keine Ordnung herrscht. Da steht die  Prachtausgabe Jugendstil zwischen Olympia 1936 und den Ausgaben des DDR-Akademie-Verlages zur Geschichte der Produktivkräfte in Deutschland (zwei Bände 1988). Dann aber immer wieder das Achselzucken: „Na und!“ Alles ist Geschichte und gehört mehr oder minder zueinander. Wie oft haben mein Mann und ich schon  „quer“-gelesen, um Zusammenhänge zwischen Zeitläufen, Herrschaftsgeschichten, Kunst und Kultur einordnen zu können und zu verstehen. Solcherart Zusammenhänge bewusst zu machen, gehört zum Credo des Kulturring und macht seinen Anspruch als Kunst- und Kulturverein aus. Er sorgte auch dafür, dass die Zeit der Runden Tische (Dezember 1989 bis April 1990) im heutigen Großbezirk Pankow dokumentiert wurde, was bis dato in keinem anderen Berliner Bezirk geschah.

Dass der Verein als solider Partner der Bezirksverwaltungen für verantwortungsvolle Geschichtsaufarbeitung gilt, spiegelt sich ebenso in Schöneberg wider. Das Rechercheprojekt zur Aufarbeitung jüdischer Schicksale in der NS-Zeit „Wir waren Nachbarn“ ist zu einer Dauerausstellung im Rathaus geworden. Sie vermittelt mehr als nur Aufklärung. In einem aktuellen Projekt wird den Straßennamen in Tempelhof-Schöneberg nachgeforscht. Straßenschilder erzählen Geschichte. Erinnert sei an den Streit um die Umbenennung  der „Mohrenstraße“ in Berlins Mitte. Die Geschichtsfreunde Karlshorst im Kulturring haben in einer neuen Publikation die sogenannte Kinderlandverschickung aufgearbeitet – mehr als nur zeithistorisch. Mehr dazu ab Seite 22.  

Bei jedem Zweifel über den Zusammenhang von Kultur und Geschichte: In den Bücherregalen unserer Medienpoints stehen Geschichtsbücher, Kunstbände, Künstlerbiografien, zeithistorische Romane und viele mehr gleichwertig nebeneinander.