Den eigenen Kiez neu entdecken
Die Idee entstand aus einer praktischen Erfahrung. Frühere Projekte beschäftigten sich mit historischen Fotografien oder Kunst im öffentlichen Raum. Doch immer wieder erschwerten urheberrechtliche Fragen die Arbeit der Teilnehmer. Gesucht wurde deshalb ein Thema, das unkompliziert zugänglich ist und zugleich den Blick auf den eigenen Stadtteil verändert. Und die Lösung lag buchstäblich auf der Straße.
Die Teilnehmer fotografieren Straßenschilder in Tempelhof-Schöneberg, recherchieren die Herkunft ihrer Namen und verfassen kurze Erläuterungen. Die Ergebnisse werden in einer Datenbank gesammelt und anschließend auf einer eigens entwickelten Webseite veröffentlicht. Dort lassen sich die Straßen nach Themen durchsuchen, etwa nach Kunst und Kultur, Natur, Wissenschaft, Politik oder Wirtschaft. „Es ist eigentlich ein ganz kleiner Ansatz“, sagt Friederike Büchner. „Aber er eröffnet einem unglaublich viel Allgemeinbildung.“ Gerade diese Einfachheit macht den Reiz des Projekts aus. Die Aufgabe ist überschaubar, zugleich verändert sie den Blick auf die vertraute Umgebung. „Ich lerne meinen Kiez noch einmal ganz anders kennen. Ich nehme ihn anders wahr.“
Mehr als ein Straßenschild
Wer beginnt, sich mit Straßennamen zu beschäftigen, stößt schnell auf Geschichten, die weit über die jeweilige Person hinausreichen. Warum wurde eine Straße nach einer Bildhauerin benannt? Weshalb erinnern wir mit Umbenennungen heutzutage vor allem auch an Frauen? Welche historischen Entwicklungen spiegeln sich in den Straßenverzeichnissen wider? Diese Fragen gehören zwar nicht unmittelbar zum Projekt, entstehen aber fast zwangsläufig während der gemeinsamen Treffen. „Darüber sprechen wir zwischen den Zeilen“, erzählt Friederike Büchner. „Das ergibt sich ganz von allein.“ Straßennamen werden dadurch zu Visitenkarten einer Stadt. Sie geben Auskunft über Geschichte und Gegenwart, über politische Veränderungen und gesellschaftliche Wertvorstellungen. Manche Namen begleiten Berlin seit Jahrhunderten, andere erinnern an Menschen, deren Bedeutung erst in jüngerer Zeit stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt ist. Wieder andere verschwinden und machen neuen Platz. Dabei geht es dem Projekt ausdrücklich nicht darum, politische Debatten zu führen. Im Mittelpunkt steht die Neugier. „Schon gewusst, dass die Crellestraße nach einem Mathematiker benannt wurde?“, fragt Friederike Büchner schmunzelnd. Genau solche Aha-Momente möchte das Projekt hervorrufen.
Lernen durch Entdecken
Die wöchentlichen Treffen dienen nicht nur der Organisation. Sie werden zu einem Ort des Austauschs. Die Teilnehmer erzählen von ihren Entdeckungen, vergleichen ihre Recherchen und stoßen immer wieder auf überraschende Zusammenhänge. Manchmal entstehen daraus sehr persönliche Geschichten. So erinnerte sich eine Teilnehmerin beim Betrachten historischer Fotografien plötzlich daran, dass ihre eigene Mutter auf einem Bild von der Maueröffnung 1989 zu sehen war. Solche Augenblicke zeigen, dass Geschichte selten abstrakt bleibt. Sie verbindet sich mit Biografien, Orten und Erinnerungen.
Auch der Umgang mit der Kamera wird bewusst thematisiert. Ein Straßenschild soll nicht isoliert dokumentiert werden. Es soll im Zusammenhang mit seiner Umgebung erscheinen, mit Häusern, Bäumen oder dem Himmel darüber. So entstehen keine bloßen Dokumentationsfotos, sondern kleine Momentaufnahmen des Berliner Alltags.
Allgemeinbildung beginnt vor der Haustür
Auf die Frage, was ihr bei diesem Projekt besonders wichtig sei, muss Friederike Büchner nicht lange überlegen. „Mir geht es in erster Linie um Allgemeinbildung. Ich finde es gut, wenn man weiß, wo man sich bewegt, warum etwas so heißt und wer dahintersteht. Wir sind ja nicht auf dem Mond.“
Dieser Satz bringt den Kern des Projekts auf den Punkt. Wer die Geschichte der Straßennamen kennt, der bewegt sich bewusster durch seine Stadt. Aus dem alltäglichen Weg wird eine Entdeckungsreise, aus einem Straßenschild ein Stück Erinnerungskultur. Das Projekt „Schon gewusst?“ zeigt eindrucksvoll, dass historische Bildung nicht erst im Museum beginnt. Sie begegnet uns jeden Tag – an jeder Straßenecke. Wir müssen nur den Blick ein wenig heben und das lesen, woran wir sonst so achtlos vorbeigehen.