„Das interessiert doch niemanden“, sagte der fast 90-jährige Johannes Rasenberger am Telefon. Was er lediglich für einen privaten Familienschatz hielt, entpuppte sich für das Tagebuch- und Erinnerungsarchiv Berlin jedoch als außergewöhnlicher historischer Fund: mehr als 1.000 Briefe seines Vaters, des Schöneweider Pfarrers Kurt Rasenberger, geschrieben zwischen 1944 und den letzten Kriegsmonaten.
Solche Anrufe gehören zu den schönsten Momenten unserer Arbeit. Menschen melden sich bei uns, weil sie Tagebücher, Briefe, Fotografien oder Lebenserinnerungen bewahrt haben – Dokumente, die oft Jahrzehnte in Schubladen oder alten Koffern lagen. Viele glauben, ihre Geschichten seien nur für die eigene Familie von Bedeutung. Doch gerade diese persönlichen Zeugnisse machen Geschichte lebendig. Sie erzählen von Krieg und Frieden, Flucht und Heimat, von Liebe, Verlust und Hoffnung – aus der Sicht der Menschen, die all das selbst erlebt haben.
Genau das ist die Aufgabe des Tagebuch- und Erinnerungsarchivs Berlin: Wir bewahren nicht nur Papier, sondern Erinnerungen. Denn Geschichte wird nicht allein von berühmten Persönlichkeiten geschrieben, sondern auch von ganz gewöhnlichen Menschen.
Die Briefe von Kurt Rasenberger gehören zu den eindrucksvollsten Sammlungen unseres Archivs. Als Pfarrer der Christuskirche in Berlin-Schöneweide blieb er während des Krieges bei seiner Gemeinde, während seine Familie im neumärkischen Breesen/Neumark, heute Polen, in Sicherheit war. Fast täglich schrieb er ihr Briefe, liebevoll gestaltet, mit Zeichnungen, Fotos und kleinen Verzierungen. Selbst während der Luftangriffe versuchte er, seiner Frau und den Kindern Mut zu machen und den Alltag mit Humor zu erleichtern.
Mit der Übergabe begann die eigentliche Archivarbeit. Ehrenamtliche reinigten jedes Blatt, ordneten die Briefe chronologisch und digitalisierten sie. Anschließend mussten die in Sütterlin geschriebenen Texte entziffert werden. Johannes Rasenberger unterstützte uns dabei mit wertvollen Erläuterungen zu Personen und familiären Zusammenhängen. Das Ergebnis dieser Arbeit stellen wir am 3. November 2026 um 18 Uhr im Kulturhaus Baumschulenweg vor.


