Mein Großvater war Lehrer an einer Dorfschule auf der Insel Usedom. Das heißt, er unterrichtete acht verschiedene Jahrgänge in einem Raum. Er brachte den Schülern neben Lesen, Schreiben und Rechnen vor allem Flora, Fauna und Geschichte ihrer Heimat nah. Später weckte er mit Wanderungen durch Feld, Wald und Flur bei uns Enkeln das Interesse. Mein Vater, ein Geschichtslehrer, setzte diese Tradition fort. Jedem Besucher der Familie zeigte er mit großem Enthusiasmus die Schönheiten unserer Insel Usedom. Auch ich bin schon immer gern gereist und habe „über den Tellerrand schauen“ wollen, um andere Städte, Länder und ihre Menschen kennen zu lernen.
Nach dem Studium kam ich 1983 nach Berlin und erkundete in meiner Freizeit sukzessive die Stadt. Natürlich zeigte ich jedem meiner auswärtigen Besucher den Alex, das Nikolaiviertel, den Hackeschen Markt, den Dorotheenstädtischen Friedhof und anderes mehr. Später fuhr ich mit meinen Kindern auch in die westlichen Bezirke der wieder vereinigten Stadt.
Als die Kinder ihre eigenen Wege gingen, setzte ich mit meinen Freunden diese Touren fort, nun mit den Büchern „Sonntagsspaziergänge“ von Carl-Peter Steinmann in der Hand. Ständig hielt ich Ausschau nach weiteren Publikationen über Stadtspaziergänge in Berlin. Schon seit Jahren sammelte ich alle verfügbaren Zeitungsartikel zur Geschichte der Stadt.
2008 zog ich nach Biesdorf, wo es es wieder ein neues Stadtgebiet zu entdecken gab. Damals entdeckte ich die Broschüren vom Kulturring mit Terminen für Stadtführungen von Rotraut Simons und Jörg Bock durch Alt-Lichtenberg und Karlshorst. Spannend!
Durch viele ABM (Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) wurde in den 90er Jahren die Geschichte der einzelnen Berliner Kieze neu erforscht. Eines Tages las ich in der Bezirksbroschüre Lichtenberg den Hinweis auf Publikationen zur Lichtenberger Geschichte und Kiezrundgängen. Diese acht Hefte mit dem Serientitel „Kleine Stadtwanderung“ (in Friedrichshain und Lichtenberg), von 2001 bis 2009 vom Kulturring herausgegeben, musste ich mir unbedingt besorgen! Unter der angegebenen Telefonnummer meldete sich Antje Mann, seit vielen Jahren eine „Institution“ im Kulturring. Wir kamen ins Gespräch und sie erzählte mir, dass Frau Simons und Herr Bock die Stadtführungen gesundheitsbedingt zum Jahresende 2020 aufgeben müssen und noch ein Nachfolger bzw. eine Nachfolgerin gesucht wird. Bingo, das war ja ein Traum! Meine Ruhephase der Altersteilzeit begann und ich konnte einfach in ihre Fußstapfen treten. Erfahrung mit Führungen konnte ich vorweisen, schließlich arbeitete ich seit 2012 ehrenamtlich im Gründerzeitmuseum von Charlotte von Mahlsdorf. Also machte ich mich ans Werk und plante die ersten Rundgänge. Rotraut Simons, Jörg Bock und andere Kollegen im Kulturring standen mir mit Rat und Literatur zur Seite. Die Organisation und Flyer-Herstellung lag und liegt weiterhin in den bewährten Händen des Studios Bildende Kunst. Regelmäßig treffen wir uns in der John-Sieg-Straße 13 und besprechen die letzten durchgeführten Stadtführungen, sowie die Pläne für das nächste Halbjahr. Dr. Oliver Reschke ist ein treuer Begleiter für den organisatorischen Ablauf auf den Stadttouren.
Mein Einstieg wurde durch die Corona-Pandemie kompliziert. Die ersten Stadtführungen mussten leider abgesagt werden. Später galt es, strenge Abstandsregeln einzuhalten. Wo kann man außer im Freien mit mehreren Leuten zusammen sein? Wo gibt es hohe, große Räume, in denen man zehn bis zwanzig Teilnehmern bei Kälte und Regen ein wenig erzählen und wo man sich auch mal hinsetzen kann? Genau, in Kirchen! Also schrieb ich die Pfarrer verschiedener Gemeinden im Bezirk an und bat um Unterstützung. Sie freuten sich, bei dieser Gelegenheit ihre Kirchen vorstellen zu können und ein wenig aus dem „Nähkästchen“ der Kirchengeschichte zu plaudern. Mein Ehrgeiz war geweckt, ich wollte mir den Stadtbezirk und dessen ehemaligen Stadtteile erschließen. Im Laufe der Jahre habe ich mir die verschiedensten individuellen Stadttouren erarbeitet, unter anderem zu Alt-Lichtenberg, Rummelsburg, Friedrichsberg, Boxhagen, Herzberge, Friedrichsfelde, Alt-Hohenschönhausen und Victoriastadt. Zur Zeit führe ich acht unterschiedliche Spaziergänge pro Jahr durch. Wenn ich die Touren nach zwei bis drei Jahren wiederhole, baue ich immer wieder Neues ein. Es verändert sich ja auch viel in unserer Stadt! Ich weise gern auf Stadtteilzentren, Galerien und soziale Projekte in den Kiezen hin, ermuntere meine Besucher, die Angebote anzunehmen oder sich vielleicht sogar selbst zu engagieren.
Die Stadttour Lichtenberg des Kulturrings gibt es seit vielen Jahren. Sie wendet sich nicht an auswärtige Touristen, obwohl Besucher unserer Kiezbewohner natürlich auch gern gesehen sind. Nein, unsere ehrenamtlichen Stadttouren für einen kleinen Obolus sind für die Einheimischen, die Interesse daran haben, mehr über die Geschichte ihres Stadtbezirkes zu erfahren. Dabei können wir architektonische und botanische Kleinode sowie kleine Kunstwerke in ihrem unmittelbaren Umfeld entdecken. Häufige Äußerungen wie „das habe ich ja noch nie bemerkt, obwohl ich hier in der Ecke wohne und oft unterwegs bin“ oder „das habe ich nicht gewusst, ist ja sehr interessant“ sind mein schönster Lohn! Ich möchte die Teilnehmer animieren, mit ihren Freunden und Familien meine Stadttouren nachzulaufen und Neues zu entdecken.
Über Hinweise, wo es weitere schöne und interessante Ecken in Lichtenberg und seinen früheren Stadtteilen gibt, bin ich jederzeit dankbar. Auch über Bücher, Broschüren und andere Materialien zur Stadtgeschichte, die nicht mehr gebraucht werden (z.B. aus Haushaltsauflösungen) freue ich mich. Meine Kinder sind mehr naturwissenschaftlich-technisch orientiert und zeigen kein Interesse daran, die „Familientradition“ fortzuführen. Aber vielleicht hat ja jemand von Ihnen oder aus Ihrem Bekanntenkreis Zeit und Interesse, mich zu unterstützen? Zunächst mit mir gemeinsam und irgendwann allein oder mit weiteren Enthusiasten, um diese Tradition des Kulturrings fortzuführen. Das fände ich wunderbar. Also bis zur nächsten Tour, ich freue mich auf Sie!
