Evakuierung oder Entführung? Die Kinderlandverschickung Karlshorster Schulen 1940 bis 1945

Wolfgang Schneider

Am 27. September 1940 schrieb Reichsleiter Martin Bormann in einem vertraulichen Rundschreiben: „Auf Anordnung des Führers werden Kinder aus Gebieten, die immer wieder nächtliche Luftalarme haben, zunächst insbesondere aus Hamburg und Berlin, auf Grund freier Entschließung der Erziehungsberechtigten in die übrigen Gebiete des Reiches verschickt. […] Die Unterbringungsaktion beginnt am Donnerstag, dem 3. Oktober 1940.“ Die Bezeichnung „Evakuierung“ wurde vermieden. Stattdessen sprach man von „Unterbringungsaktion“ und später von „Erweiterter Kinderlandverschickung“. Der Schutz der Kinder war jedoch nur ein Vorwand. Die Organisation der Kinderlandverschickung wurde dem Reichsjugendführer Baldur von Schirach übertragen, der die nationalsozialistische Erziehung der Kinder zu einem zentralen Ziel erklärte. Die Erziehung im Elternhaus sollte durch eine kollektive Erziehung in den nationalsozialistischen Jugendorganisationen BdM und HJ ersetzt werden.

Es dauerte sechs Monate, bis die ersten Kinder aus den Lagern zu ihren Eltern zurückkehrten. Ab Mitte 1941 wurden die Eltern bei anstehenden Transporten darauf hingewiesen, dass die Verschickung sechs bis neun Monate dauern werde und eine vorzeitige Rückholung grundsätzlich verboten sei. Falls die Eltern nicht ausdrücklich widersprachen, konnte sich ein weiterer KLV-Lageraufenthalt anschließen. In den letzten Kriegsjahren verbrachten manche Kinder mehr als 18 Monate ununterbrochen im Lager.

Am Beispiel der Marie-von-Ebner-Eschenbach-Schule soll versucht werden, das Martyrium der Kinder nachzuvollziehen. Die erste Verschickung erfolgte am 7. Dezember 1940 nach Bad Teplitz an der Bečva. Sie betraf 79 Schülerinnen. Unterrichtet wurde nach dem Lehrplan der Stammschule durch vom NSLB bestätigte Lehrkräfte. Die Lagerleitung stellte der BdM. Das Lagerleben wurde nach den nationalsozialistischen Erziehungsvorstellungen gestaltet. Neben Sport und Spiel standen Ausflüge, Wanderungen, Ernteeinsätze und andere Hilfstätigkeiten auf dem Plan. Die Tagesabläufe waren streng durchgeplant und begannen mit Fahnenappellen. Am 16. September 1941 kamen 58 Schülerinnen zurück. Die zweite Kinderlandverschickung startete am 17. November 1941. Ziel war Karlsbad. Diesmal nahmen 36 Mädchen teil. Am 20. Juli 1942 endete diese Verschickung. Für viele war sie in diesen Jahren noch ein großes Abenteuer. 

Am 31. August 1943 wurde die „Schulverschickung“ des Lyzeums angeordnet. Es wurde auch der Begriff „verschickte Schule“ verwendet. Die Klassen 1 und 2 erhielten mit drei Lehrern Unterkunft in Kittlitz (Löbau). Die Klassen 3 bis 5 wurden ebenfalls mit drei Lehrern in Obercunnersdorf einquartiert. Im Dezember 1943 gelangten Nachrichten über die großen Bombenangriffe und die Zerstörungen der Berliner Innenstadt nach Obercunnersdorf. Die Sorge der Kinder um ihre Eltern ist nachvollziehbar. Ebenso ihre Frage: „Was wird aus uns?“, denn „die scheinen bereit, Mann für Mann wie die Nibelungen zu sterben!“ Die einheimische Bevölkerung hielt Abstand zu den „Hitler-Mädchen“. Ein Zurück in das zerstörte Berlin gab es nicht. Die Verlegung ins „Protektorat“ wurde angeordnet. Am 9. März 1944 beginnend, wurden die Schülerinnen nach Humpolec verschickt. Die neue Unterkunft war die „Hauptschule“. Die Karlshorster Mädchen wurden in bestehende Klassen eingegliedert. Am 5. April 1945 wurde das Lager aufgelöst und alle Schülerinnen nach Bayern zurückgeführt. Am 12. April 1945 trafen sie in Regendorf ein. Die gesamte Verpflegung des Lagers und das Gepäck der Mädchen gingen durch Fliegerbeschuss verloren. 

Am 24. April wurde Regendorf von amerikanischen Truppen besetzt. Eine neue Zeit der Unsicherheit begann. Die Schülerinnen mussten für Holzsammeln sowie Feldarbeiten bei Bauern und Gärtnern das Lager verlassen. Dabei begegneten sie heimkehrenden Zwangsarbeitern und Soldaten. Es kam zu nächtlichen Überfällen und Übergriffen auch durch die „Befreier“. Die Militärregierung setzte den bisherigen Lagerleiter ab, verbot jedoch die Wiederaufnahme des Unterrichts. Am 16. Juli 1945 erfolgte die Verlegung nach Kloster Pielenhofen an der Naab. Im November 1945 wurde das politische Verhalten der Lehrer durch die amerikanischen Militärbehörden überprüft; im selben Monat wurde der Unterricht wieder aufgenommen. Das Lager bestand bis März 1946 fort. Eine Rückführung in die sowjetische Zone, also die Heimat, gestaltete sich schwierig. Durch Briefverkehr konnten erste Kontakte zu Eltern und Verwandten geknüpft werden. Nachrichten über die Räumung von Karlshorst und die Zerstörung des Lyzeums trafen ein. Die Ereignisse um die Kinderlandverschickung hatten sich tief in das Gedächtnis der Mädchen eingegraben. Es entstand eine enge Bindung durch die gemeinsamen Erlebnisse. Die Schülerinnen der Marie-von-Ebner-Eschenbach-Schule trafen sich ab den 1960er-Jahren regelmäßig. Der ehemalige Direktor des Lyzeums Dr. Arthur Richter sagte auf einem Schultreffen am 5. Mai 1968 in Ulm: „Der Geist der Kameradschaft hat Sie, meine lieben einstigen und einmaligen Schülerinnen immer beseelt.“

 

Ingo Knechtel
Auf den Spuren der Kinder

Als ich den Text von Wolfgang Schneider las, hat er mich sehr berührt. Ich musste an Aktuelles und Vergangenes denken. Vor allem aber an das große Thema „Kinder­rechte“. Der Kulturring hatte sich dem Thema auf dem 1. Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 mit seinem von unserem Mitglied Ingrid Herden gestalteten Stand auf der Agora gewidmet. Ein Jahr zuvor hatte Jan Schäfer von der Bildhauerwerkstatt des Vereins auf dem Fest am Potsdamer Platz zum Weltkindertag das Wort „Kinderrechte“ in Stein gemeißelt. Nun lese ich das Wort „Kinderlandverschickung“, ja sogar die Abkürzung KLV dafür, und bin schockiert, obwohl die Sache über 80 Jahre her ist. Warum wohl? Liegt es am Thema oder an aktuellen Bezügen? Kinder der Obhut der Familie, der Eltern entziehen, vorgeblich zu ihrem Schutz, immer aber mit dem Hintergedanken der Indoktrination, missachtet deren Rechte aufs Gröbste. 

Wolfgang Schneider von den Geschichtsfreunden Karlshorst hat über das Schicksal Karlshorster Kinder intensive Recherchen geführt. Inzwischen hat er das Thema eingebettet in eine breit angelegte Publikation zur Schulgeschichte Karlshorsts und sich als Co-Autorin Bärbel Laschke gesucht. Die Arbeit am Buch liegt in den letzten Zügen. Wir wollen von Wolfgang Schneider Näheres zu seinem Herangehen wissen.

Soviel ich weiß, gibt es keine ähnliche Publikation zur Schulgeschichte Karlshorsts, die Dokumente aus Archiven mit Zeitzeugeninterviews verbindet. Was hat Ihnen dabei geholfen?
W. Schneider: Die Autoren Werner Schüler und Klaus Baumgart erhielten 1992 vom Bezirksamt Lichtenberg den Auftrag, die Schulgeschichte Lichtenbergs von 1900 bis 1949 zu dokumentieren. Ihre Arbeiten in den Archiven waren Ausgangspunkt für unsere Recherchen. Nun gibt es in den Archiven große Lücken – nach jedem Machtwechsel (1933, 1945, 1990) wurde in den Schulen viel vernichtet. Man wollte die Schulen „besenrein“ dem Nachfolger übergeben. Wir haben versucht, diese Lücken durch Zeitzeugenberichte zu füllen. 

Sie und Ihre Co-Autorin Bärbel Laschke sind seit Jahren aktive Mitglieder der Geschichtsfreunde Karlshorst im Kulturring. Was bedeutet Ihnen das für Ihre Arbeit an einem Thema?
W. Schneider: An der Entstehung einer Broschüre ist immer eine Gruppe beteiligt. Einzelne Kapitel werden allen Geschichtsfreunden vorgestellt und diskutiert. Das ist unsere Arbeitsweise. Sie ist aber auch gleichzeitig Motivation für die Autoren, das Ergebnis der Diskussion festzuhalten und aufzuschreiben. 

Gerade eine Veröffentlichung zur Schulgeschichte wird bei vielen Erinnerungen an die eigene Schulzeit wachrufen oder Sachzeugen der Eltern oder Großeltern ins Gedächtnis holen. Wie können Interessenten sich an der Arbeit der Geschichtsfreunde, auch zu anderen Themen Karlshorsts, beteiligen?
W. Schneider: Ich habe bereits von den Lücken in der Geschichtsschreibung gesprochen. Hier hilft nur, mit den Erinnerungen der Zeitzeugen die Lücken zu füllen. Und wem der Mut fehlt, seine Erinnerungen aufzuschreiben, dem helfen wir und halten die Erlebnisse fest. 

Können Sie unseren Lesern noch etwas zum Umfang des Buchs und den inhaltlichen Schwerpunkten sagen?
W. Schneider: Die Broschüre wird in der „grünen“ Reihe des Kulturrings, Karlshorster Beiträge zur Geschichte und Kultur, im Umfang von etwa 120 Seiten erscheinen. Die Schulgeschichte wird in sechs zeitlichen Abschnitten dargestellt: 1895–1918, 1919–1933, 1933–1945, 1945–1949, 1950–1990 und ab 1990 bis heute. Ein Schwerpunkt wird dabei auch die Geschichte der sowjetischen Schule von 1945 bis 1993 in Karlshorst sein. Leider gibt es noch einige Schwierigkeiten bei der Abdruckgenehmigung von ­sowjetischen/russischen Zeitzeugenberichten über ihre Erlebnisse in Karlshorst. Vielleicht schaffen wir es bis zur Drucklegung. Es bleibt spannend.

Wie geht es Ihnen beim Thema Kinderlandverschickung? Zum Ende des geschilderten Beispiels des Lyzeums wird doch auch deutlich, wie sehr das gemeinsam erlittene Schicksal die Betroffenen bis in die 1960er Jahre zusammengeschweißt hat.
W. Schneider: Als ehemaliger Lehrer habe ich beim Thema Kinderlandverschickung immer das Alter der verschickten Kinder vor Augen. Ich sehe die Kinder einer 4. oder 5. Klasse heute und müsste ihnen erklären: Morgen fahren wir für ein Jahr ohne Eltern in ein fremdes Land. Es zerreißt mir das Herz. Der beste Lehrer kann Eltern nicht ersetzen.