100 Jahre Villa Skupin | Das Haus des Studios Bildende Kunst

Corvin Jordan und Daniel Aldridge

Vor einhundert Jahren sah die Gegend, in der heute das Studio Bildende Kunst seine ­Räume hat, vollkommen anders aus. Südlich der heutigen Frankfurter Allee erstreckte sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein kleinteiliges Gemisch aus Industrie, Gewerbe, Arbeiter­wohnungen und Kleingärten. ­Schmale Straßen durchzogen das Viertel, in dem der Ortsteil Friedrichsberg langsam zu einem Teil des wachsenden Berlins wurde.

Von dieser Stadtlandschaft ist kaum etwas geblieben. Straßen verschwanden, Häuser wurden abgerissen, ganze Wohngebiete veränderten ihr Gesicht. Wo einst Fabriken und viergeschossige proletarische Wohnhäuser standen, prägen heute Plattenbauten das Bild an der Grenze zwischen Lichtenberg und Friedrichshain. Zwei ältere Gebäude haben sich in dieser Umgebung behauptet: die katholische Pfarrkirche St. Mauritius und die Villa Skupin. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf dieses Haus. Denn die Villa ist nicht nur hundert Jahre alt. Sie ist auch ein Stück Erinnerung an einen Stadtteil, der in dieser Form nicht mehr existiert.

Vom Fabrikantenwohnsitz zum Denkmal
Etwa 1924 erwarb der Fleischermeister Paul Skupin das Grundstück an der damaligen ­Tasdorfer Straße 9 und ließ dort eine Fleischwaren- und Konservenfabrik errichten. Wenige Jahre später entstand daneben das repräsentative Wohnhaus der Familie: die Villa Skupin, erbaut zwischen 1926 und 1928. Die Entwürfe stammten von dem Architekten Franz Alcer. Das Haus wurde im modernistischen Stil des Art Déco gestaltet, zugleich finden sich expressionistische Anklänge in der Architektur und eine aufwendige Ausstattung der Innenräume. Hölzer­ne Fuß­böden und Wandtäfelungen, feine Stuckdeko­rationen und individuell gestaltete Räume wie Salon, Speisezimmer und Damenzimmer geben bis heute einen Eindruck davon, wie sehr sich die Architektur der zwanziger Jahre auch über die Gestaltung des privaten Lebens definierte. Alte Fotografien aus der Entstehungszeit lassen diese Welt noch einmal sichtbar werden. Vieles von der ursprünglichen Ausstattung ist erhalten geblieben. Was damals als Wohnhaus einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie entstand, dient heute allerdings ganz anderen Zwecken: Die ehemaligen Wohnräume beherbergen eine Galerie und Werkstätten. Seit 1998 steht die Villa unter Denkmalschutz.

Eine Stadt verändert ihr Gesicht
Die Villa und die Fabrik blieben im Zweiten Weltkrieg unversehrt. Doch die Nachkriegszeit brachte neue Nutzungen und schließlich einen grundlegenden Wandel des gesamten Umfelds. Ab November 1945 wurde die Fabrik als Großküche für die Schülerspeisung und zur Schweinemästerei genutzt. 1955 übernahm Paul Skupin jun. das Familienunternehmen. Drei Jahre später gelangten Fabrik und Grundstück in den Besitz des VEB Fleisch- und Fettverarbeitung Berlin-Weißensee. Dann begann eine Entwicklung, die das Viertel grundlegend verändern sollte. Mit der Errichtung eines neuen Großwohngebietes ab Anfang der 1970er Jahre wurde die ursprüngliche Gebietsstruktur nahezu vollständig beseitigt. Alte Gebäude und auch die Fabrik mussten weichen, um Platz für die Neubauten und die notwendige Infrastruktur zu schaffen. Straßen verschwanden oder blieben nur noch als Relikte am Rand des neuen Wohngebietes erhalten. Die Villa blieb. Damit wurde sie, ohne dass dies ursprünglich ihre Bestimmung gewesen wäre, zu einem ­baulichen Gedächtnis des Ortes. Wer heute vor ihr steht, sieht nicht mehr die Welt, in der sie entstanden ist. Das Haus selbst aber erinnert daran, dass unter den heutigen Straßen und Wohnhäusern eine andere Stadtgeschichte liegt.

Vom Kulturbund zur Kunstwerkstatt
Dass die Villa heute nicht nur als Baudenkmal erhalten ist, sondern weiterhin öffentlich genutzt wird, verdankt sich einer zweiten Geschichte des Hauses. Seit 1976 hat das Studio Bildende Kunst hier sein Domizil. Hervorgegangen aus dem Lichtenberger Kulturbund, entstand es mit dem Ziel, grafische Kunst zu fördern und Kenntnisse über künstlerische und handwerkliche Techniken zu vermitteln. Grafik und Drucktechniken standen dabei von Anfang an im Mittelpunkt. Aus dem ehemaligen Wohnhaus einer Fabrikantenfamilie wurde damit ein Ort kultureller Bildung und eigener künstlerischer Tätigkeit. Menschen kommen hier nicht nur zusammen, um Kunst zu betrachten. Sie arbeiten selbst, lernen Techniken kennen und entwickeln eigene Fähigkeiten. Das ist eine bemerkenswerte Veränderung der Funktion, aber zugleich eine Form von Kontinuität: Die Räume, die einst dem privaten Leben dienten, sind heute wieder Räume, in denen Menschen zusammenkommen, etwas herstellen und sich mit Kultur beschäftigen.
Seit 2004 arbeitet das Studio Bildende Kunst unter dem heutigen Träger Kulturring in Berlin e. V. weiter. Die produktive Zusammenarbeit und Unterstützung durch das Bezirksamt Lichtenberg, Fachbereich Kunst und Kultur, haben dem Studio zusätzliche Stabilität gegeben.

Ein Haus, das weiterarbeitet
Dass diese Geschichte fortgeschrieben werden konnte, war keineswegs selbstverständlich. Mehrfach stand das Studio Bildende Kunst finanziell vor dem Aus. Weitergeführt wurde es durch den Einsatz engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Vereinsmitglieder. Heute gehört deshalb auch die Suche nach neuen Ansätzen zum Selbstverständnis des Studios. Die guten Traditionen sollen bewahrt, zugleich aber immer wieder Möglichkeiten für kreativen Wandel gefunden werden. Das passt zu einem Haus, dessen Geschichte selbst von Veränderungen geprägt ist. Die Villa Skupin hat ihren ursprünglichen Zweck verloren, ihr unmittelbares städtebauliches Umfeld ist verschwunden, und dennoch ist sie kein bloßes Relikt geworden. Sie wird weiterhin genutzt. Nicht als Museum ihrer selbst, sondern als lebendiger Kulturort. Genau darin besteht der besondere Wert eines Denkmals: Es bewahrt nicht nur, was einmal war. Es kann auch Raum dafür schaffen, dass etwas Neues entsteht. Die Villa Skupin erzählt deshalb von mehr als Architektur. Sie erzählt von einem Lichtenberg, das verschwunden ist, von wirt­schaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, von Stadtplanung und Erinnerung, und schließlich von der Möglichkeit, Geschichte nicht nur zu bewahren, sondern mit neuem Leben zu füllen. Eine hundert Jahre alte Villa als Galerie und Werkstatt: Ein Haus zwischen Erinnerung und Gegenwart. Oder einfacher gesagt: Ein Haus, das noch immer arbeitet.