Der Begriff „Bildende Kunst“ gehört zu jenen kulturellen Selbstverständlichkeiten, die selten hinterfragt werden. Wir begegnen ihm in Museen, Kunstvereinen, Akademien und Förderanträgen. Und trotzdem wirkt er auf den zweiten Blick eigentümlich aus der Zeit gefallen. Denn längst schafft die Bildende Kunst nicht mehr nur Bilder.
Installationen besetzen ganze Räume. Performances hinterlassen oft nichts als Erinnerungen. Konzeptkunst besteht aus Gedanken, Texten oder Handlungsanweisungen. Videokunst, digitale Medien und soziale Projekte haben den klassischen Werkbegriff erweitert. Der historische Name ist geblieben, obwohl sich sein Gegenstand verändert hat. Gerade darin liegt eine interessante Pointe. Die entscheidende Frage der Gegenwart lautet nicht mehr, was Bildende Kunst ist. Sie lautet eher: Unter welchen Bedingungen entsteht sie?
Die Kunst der Umwege - Über Bilder, Träume und die Bedingungen des Neuen
Daniel Aldridge
Kreativität als Beruf – und als Risiko
Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurde der Künstler als jemand verstanden, der einer inneren Notwendigkeit folgt. Das Atelier war nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch Rückzugsraum. Hier entstanden Bilder, Entwürfe und Ideen in einer Konzentration, die sich dem Rhythmus des Alltags entzog. Dieses Bild mag romantische Züge tragen. Ganz verschwunden ist es dennoch nicht. Gleichzeitig haben sich die Bedingungen künstlerischer Arbeit grundlegend verändert. Noch nie konnten so viele Menschen kreativ tätig werden wie heute. Digitale Werkzeuge, soziale Medien, offene Werkstätten und Akademien sowie nicht zuletzt die kreativen Workshops des Kulturrings haben die Zugänge zur Kunst demokratisiert. Kreativität gilt als gesellschaftlich erwünschte Ressource. Unternehmen suchen kreative Mitarbeiter, Schulen fördern kreative Kompetenzen, Städte werben mit kreativen Milieus. Und dennoch befindet sich die professionelle Kunst in einer eigentümlichen Schieflage. Nur wenige Künstlerinnen und Künstler können dauerhaft von ihrer Kunst leben. Viele bewegen sich zwischen Ausstellungen, Projektförderungen, Lehraufträgen und Nebentätigkeiten. Der Künstler ist längst nicht mehr nur Produzent von Werken. Er ist zugleich Antragsteller, Netzwerker, Organisator und Öffentlichkeitsarbeiter. Die eigentliche künstlerische Arbeit muss sich ihren Platz oft erst zwischen Formularen, Fristen und Existenzsorgen erkämpfen. Hier zeigt sich eines der großen Paradoxa unserer Zeit: Kreativität wird gefeiert, ihre Produzenten werden nicht immer bezahlt.
Die verborgenen Quellen
Diese Entwicklung betrifft nicht allein ökonomische Fragen. Sie reicht tiefer. Denn Kunst entsteht nicht ausschließlich aus Wissen, Technik und Planung. Sie entsteht auch aus Zuständen, die sich weder terminieren noch verwalten lassen. Carl Gustav Jung sah in Träumen, Phantasien und spontanen Bildern wichtige Quellen kreativer Prozesse. Für ihn war das Unbewusste kein Archiv verdrängter Inhalte, sondern ein produktiver Raum, in dem neue Vorstellungen entstehen können. Viele Kunstschaffende kennen solche Erfahrungen. Eine Idee erscheint unvermittelt. Eine Form entwickelt ein Eigenleben. Ein Bild drängt sich auf, lange bevor es verstanden wird. Der Künstler produziert das Werk nicht ausschließlich. Er begegnet ihm.
Die Kunst des 20. Jahrhunderts hat immer wieder versucht, diesen Bereich freizulegen. Die Surrealisten interessierten sich für Traumprotokolle und automatisches Schreiben. Die informelle Malerei suchte die spontane Geste. Joseph Beuys verstand Kreativität als eine grundlegende menschliche Fähigkeit, die weit über das eigentliche Kunstwerk hinausreicht. In all diesen Ansätzen erscheint das Irrationale nicht als Gegenpol zur Vernunft, sondern als deren notwendige Ergänzung. Der Traum gehört zu den Produktionsmitteln der Kunst.
Zwischen Amateur und Dilettant
Ein neuer Blick auf die Kreativität verändert auch die alte Unterscheidung zwischen Amateur und Dilettant. Oft werden heute diese beiden Begriffe synonym verwendet. Historisch bezeichnen sie jedoch unterschiedliche Haltungen. Der Amateur ist zunächst der Liebende. Das lateinische amare steckt in seinem Namen. Er widmet sich einer Sache aus Interesse, Leidenschaft und Neugier. Nicht der Erwerb, sondern die innere Bindung steht im Vordergrund.
Der Dilettant dagegen bleibt an der Oberfläche. Ihm fehlt nicht die Professionalität, sondern die Vertiefung. Diese Unterscheidung besitzt für die Gegenwart eine überraschende Aktualität. Die entscheidende Grenze verläuft oft nicht zwischen Profi und Amateur. Sie verläuft zwischen Leidenschaft und Routine.
Viele Künstlerinnen und Künstler, die unter prekären Bedingungen arbeiten, verbindet gerade jene Haltung des Amateurs im ursprünglichen Sinn. Sie setzen ihre Arbeit fort, obwohl wirtschaftlicher Erfolg unsicher bleibt. Nicht aus Kalkül, sondern aus einer inneren Notwendigkeit heraus.
Kunst als Erfahrung
Die Frage nach der Entstehung der Kunst ist jedoch nur die eine Seite. Zur Kunst gehören ebenso jene Menschen, die ihr begegnen. Der Besucher einer Ausstellung sucht Anregung, Erkenntnis oder schlicht einen Augenblick der Erbauung. Andere finden gerne „echte“ und trotzdem erschwingliche Kunst, da sie ihrem Alltag eine persönliche Note verleihen wollen. Wieder andere hängen ein Bild an die Wand, weil sie spüren, dass von einem Original etwas ausgeht, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Kunst schafft Resonanzräume. Sie kann irritieren, trösten, herausfordern oder begeistern. Vor allem aber vermag sie Menschen zu berühren. Darin liegt ihre eventuell wichtigste gesellschaftliche Funktion. Dass originale Kunstwerke heute nicht mehr allein Sammlern und Museen vorbehalten sind, sondern auch in Kunstvereinen, offenen Ateliers oder lokalen Ausstellungen, so wie in der Langen Nacht der Bilder, ihren Weg in den Alltag vieler Menschen finden, gehört zu den erfreulichen Demokratisierungen unserer Kultur.
Die Krise der Muße
Die größte Krise der Bildenden Kunst besteht deshalb nicht darin, dass zu wenig Kunst entsteht. Sie besteht darin, dass die Bedingungen für jene Zustände schwinden, aus denen Kunst hervorgehen kann: Muße, Konzentration, zweckfreie Neugier, Offenheit für Zufälle und das Spiel mit dem Unbewussten.
Unsere Zeit bevorzugt Effizienz. Kreative Prozesse folgen einer anderen Logik. Sie leben von Umwegen, von Leerstellen, von Zeiten scheinbarer Unproduktivität. Ein Tagtraum lässt sich nicht beschleunigen. Eine Eingebung folgt keinem Projektplan. Daher berührt die Frage nach der Zukunft der Bildenden Kunst weit mehr als den Kunstbetrieb allein. Sie betrifft die Frage, welchen Raum eine Gesellschaft jenen Erfahrungen zugesteht, die keinen unmittelbaren Nutzen versprechen und dennoch unverzichtbar sind.
Die Bilder erscheinen nicht auf Kommando. Sie nehmen Umwege, lassen sich Zeit, verschwinden und kehren überraschend zurück. Dadurch bewahren sie etwas, das sich bis heute weder organisieren noch verwalten lässt. Und genau hierin liegt ihr Wert für eine Gegenwart, die vieles berechnen kann, jedoch nicht das Entstehen des Neuen.