Das Auge liest mit

Uwe Ludwig Lauterkorn

Diese Ausgabe unseres Journals stellt Texte aus dem Open Call zum Thema „Auf neuen Wegen“ vor. Sie befasst sich generell mit dem Lesen und Schreiben. Wie Sie vielleicht wissen, sorgt der Kulturring unter anderem dafür, dass Bücher nicht weggeworfen werden. Sie erhalten in unseren sechs „Medienpoints“ ein zweites Leben, indem sie ihre Besitzer wechseln. Ist das nicht schön? 

Das Buch wurde, ebenso wie die Malerei, das Radio und das Kino, schon totgesagt. Die Schallplatte auch. Alle haben sie überlebt. Trotz E-Book-Reader, Internet und angeblichem digitalen Analphabetismus erfreut sich das Buch ungetrübter Nachfrage, wie der Börsenverein des deutschen Buchhandels voller Freude berichtet. Fast vierzig Prozent der in Deutschland verkauften Bücher sind übrigens Belletristik und fast zwanzig Prozent Kinder- und Jugendbücher. 
Trotz dieser guten Nachrichten und Zahlen gibt es ein messbares Nachlassen der Lesefähigkeiten in der Bevölkerung. Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt auf ihrer Webseite: „Schon seit 2009 ist die Gruppe der schwachen Leser:innen in vielen Bundesländern größer geworden. Ab 2015 aber zeigen sich bundesweit starke Einbußen in den Lesekompetenzen von Schüler:innen.“ Das ist nicht nur schade, sondern bedeutet auch schlechteres Lernen und weniger Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, wie die Bundeszentrale erläutert. 

Es trifft aber auch die älteren Jahrgänge. Man beobachtet, wie Frank Schirrmacher schon 2009 in seinem lesenswerten Buch „Payback“ schrieb, ein generelles Nachlassen von Konzentration und Aufmerksamkeit. Das Lesen von Texten wurde zunehmend zum hastigen Scannen nach Stichworten. Das klassische Lesen verlangt Ruhe. Genau diese wurde im digitalen Alltag aber immer seltener. 

Der Kulturring kann weder den Griff zum Buch, noch Freude am Lesen und die nötige Muße dafür herbeizaubern. Aber wir können Werbung für das Lesen machen. Wir laden zu den Lesungen ein, die Martina Pfeiffer mit Schriftstellern und Schriftstellerinnen bei uns veranstaltet (siehe Programmteil). Auch für die „Schreibwerkstatt Mehrstimmig“ machen wir gerne Werbung. Lesen und Schreiben sind die großartigen Kulturtechniken, die die Aufklärung ermöglichten. Immanuel Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ 

Papier und Texte sind geduldig. Sie warten auf ihren Moment. Neue Wege können die alten sein. Statt hektisch scannen, wieder in Ruhe lesen. Um das bewusst zu machen, verzichten wir in dieser Ausgabe auf Fotos und bieten Ihnen puren Text. Zur Erholung gibt es die „Oase“ mit den Ausstellungen ab Seite sechzehn.