Um der Zwischentöne willen

Martina Pfeiffer

Wie Lektüre und Kreatives Schreiben einander guttun

Verblüffend, wie vermeintlich geläufige Begriffe auf eine falsche Fährte locken. Bei einem abendlichen Rencontre, in dessen Verlauf auch auf die Letternkultur abgehoben wurde, warf eine literaturbegeisterte Bekannte in die Runde, „Belletristik“, ja, die sei exakt das, was das Wort etymologisch besage. Nämlich „belle et triste“ – schöne und traurige Literatur. Allerdings lenkt die Belletristik doch in ihrer eigentlichen Bedeutung zurück auf „Belles Lettres“ – schöngeistige Wissenschaften, schöngeistige Literatur. Die Traurigkeit ist also gar nicht mit im Spiel, die nachverfolgbare Wortherkunft gibt das nicht her. Dabei: sich etymologische Wörterbücher vorzunehmen, die eigentliche Wortbedeutung zu erforschen, ist ein Pläsier mit Suchtpotenzial. So bei keinem Geringeren als dem irischen Ausnahmeschriftsteller James Joyce, der sich über Stunden in Skeats „Etymological Dictionary“ vertiefen konnte, sich durch dieses Kompendium Bildungsabenteuer verschaffte, die ihm Echoräume für die hohe Kunst der Anspielung in seinem Textgewebe lieferten.

Der schriftstellerische Gradus ad Parnassum 
Lesen als Fundament
Kreatives Schreiben. Erzählbar machen, was Leben heißen kann. Eher vorsichtig tastend als zupackend. Teils auch Tiefenbohrungen ins unliebsam Verdrängte hinein. Was unweigerlich hinzutritt, ist das Lesen. Denn die unabdingbare Voraussetzung fürs Schreiben ist die erworbene Kompetenz in gerade dieser Kulturtechnik. Lesen als das andere Schreiben. Das vermittels Lektüre Zugeführte bleibt und wirkt. Texte hinterlassen Spuren, selbst wenn wir sie längst vergessen zu haben glauben. Dabei ist keineswegs das bewältigte Pensum entscheidend. Denn der bücherverschling­ende Vielleser wird nicht unbedingt bestehen gegen den, der vergleichsweise weniger, dafür aber intensiv liest, den Mäandern des Lesestücks folgend. Vielleicht geht es nicht nur mir so, dass man in der U-Bahn spontan einen wildfremden Menschen favorisiert, welcher eben den viereckigen Gegenstand auf dem Schoß hat, der als gedrucktes Buch identifizierbar ist, statt wie irre auf der Handytastatur herumzufingern. Und wenn bei Lesetexten auf Internetseiten die Lesezeit prognostiziert wird, verursacht das bei mir ein leises Kopfschütteln. Wer will denn vorschreiben, bei welchem Wort oder Satz ich mich wie lange aufhalte? Lesen kann mit einer Impression einhergehen oder eine Genauigkeitsanstrengung erfordern. Passagen lassen sich überfliegen, das nochmalige Zurückblättern und wiederholte Nachlesen macht die Lektüre andererseits zeitintensiver. Kann nicht auch in wenigen Worten Gehalt dargeboten werden, sodass man erstmal nicht weiterliest, sondern länger verweilt, um vorzubereiten für die eigene „Steinmetzarbeit“? Das bemerken wir immer wieder, wenn wir uns im „Schreibatelier Mehrstimmig“, der Kulturring-Gruppe im Kulturhaus Baumschulenweg, miteinander Lesetexte vornehmen und uns auf Literatur als sinnstiftendes Zeichensystem einlassen. Soviel zur Vorgabe von „Lesezeit“.

„deep-reading“ statt „hyper-reading“
Wer noch niemals von Ehrfurcht vor alten Bänden erfasst worden ist, wer noch nie durch einen liebevoll ausgestatteten Schmuckband, vielleicht sogar mit seidenem Lesebändchen, in Entzücken versetzt war, kann die Zuneigung zu Büchern wohl nicht ohne Weiteres nachvollziehen. Wer „buchfrei“ aufgewachsen ist, mag das Medium als Dinosaurier empfinden. Das Bedürfnis, ein Buch aufzuschlagen und sich hineinzuvertiefen – ach wie fern! Doch das ungeteilte Sich-Versenken ins Buch – „deep reading“ gegenüber flüchtigem „hyper reading“ – ist eine zu erlernende und durch Übung zu festigende Fertigkeit. Beim Lesen geht es nicht wie bei der kursorischen Zurkenntnisnahme um das schnellstmögliche Ansaugen der zentralen Informationen und deren Verarbeitung, als sei das Gehirn ein Turbo-Datenprozessor. Sondern vielmehr darum, sich mit Muße auf das geschriebene Wort einzulassen. Es Teil des eigenen Lebens werden zu lassen und damit die Bedeutungswirklichkeit des Textes mitzuerschaffen. Erkenntnisschwebe zuzulassen. Und dann das Erlebnis höchster Intimität, wenn es gelingt, die eröffneten Räume geistig zu durchmessen, sie kreativ nachzuvollziehen – als wäre es nicht ein fremdes, fiktives Leben, sondern das eigene. 

Bei der Auswahl eines Buches: Welcher literarische Typus darf’s denn sein? Der mit einer leichten Schräge, etwas aus dem Winkel gekippt? Oder ist da eher ein Faible fürs heillose Drunter und Drüber, für Gedankenwirbel? Andere wieder schwören auf ein logisch gezimmertes Weltgebäude, wie es auskalkulierter nicht sein könnte. All das findet sich in der Literatur. Sie wartet auf mit blitzartigem Leseverständnis, gleich einer Epiphanie. Oder mit einem aufs Längere hin konzipierten Einsickern ins Be-Greifen. Weit tiefgängiger als betuliche und bemühte Ratgeberschriften für Menschen an Weggabelungen setzt sich die Belletristik mit dem dunklen Untergrund der Existenz auseinander. Sie sabotiert die Erwartung, dass Literatur Wellness vermitteln müsse. Vergessen wir nicht: Das Motiv, warum überhaupt erzählt wird, kann ein schmerzliches sein. Gibt es ein schlagenderes Beispiel hierfür als Sheherazade, welche die 1001-Nacht-Geschichten erfindet, um ihren Kopf zu retten und weiter leben zu können?

Bücher haben ihre Schicksale
Das Wort „Text“ birgt in seiner sprachhistorischen Bedeutung einen Bezug zum Weben und Flechten. Unter anderem gilt es den Text zu strukturieren, die Motive gleichsam einzuweben. Texte findet man nicht nur in Büchern. Aber: Ein Buch in den Händen, gleitet das Auge über den Titel, man streicht sachte über den ledernen oder leinenen Buchrücken, blättert genüsslich, Seite um Seite. Man goutiert die typographisch gelungene Abstimmung der Form auf den Inhalt: eine unbestritten sinnliche Erfahrung. Nichts geht über die Atmosphäre einer Bibliothek, in der Bücher geduldig Monate, Jahre oder Jahrzehnte darauf warten, dass jemand sich ihrer annimmt und sie aus ihrem Regaldasein erlöst. Habent sua fata libelli. Bücher haben ihre Schicksale. Das Buch ist wie ein Garten für die Tasche, sagen die Chinesen. Auch dem arabischen Kulturraum wird das Sprichwort zugeschrieben. Besagter Garten hält Wunder bereit und diese lassen sich entdecken und deuten. 

Belletristische Texte 
Showing, not Telling
Es gibt die Geschichte vom Blinden, die eine Aussage über das Schreiben trifft, über das Schreiben als Kunst. Der Publizist Roger Willemsen hat sie vom französischen Autor Roger Caillois übermittelt. Sinngemäß: Ein blinder Bettler sitzt auf dem Trottoir. Vor ihm ein Schild „Ich bin blind“. Die Passanten eilen achtlos vorüber. In seinem Hut keine einzige Münze. Nach einer langen Weile bleibt ein Mann stehen. Zum Bettler gewandt sagt er: „Ich kann dir auch nichts geben, denn ich bin Dichter. Ich kann aber etwas für dich tun, was viel wert ist“. Er dreht das Schild „Ich bin blind“ um, schreibt etwas auf die Rückseite, stellt das Schild mit der neuen Beschriftung auf – und plötzlich klingen die Münzen. Der Blinde fragt. „Sag, was hast du geschrieben?“ – „Der Frühling wird kommen und ich werde ihn nicht sehen“. Ein beredtes Beispiel, wie Literatur Dinge erfahrbar macht und Distanzen zwischen Menschen durch die aufgebaute sprachliche Intensität überwindet. Wirkung vermittels der Maxime „Show, don’t tell“. ­Zeigen und Vorführen anstelle reinen Benennens. 

In unserer Kulturring-Gruppe „Schreibatelier Mehrstimmig“ im Kulturhaus Baum­schulenweg wird das individuelle Schreiben durch einen fundierten Input, praxisgestützte Anregungen und ein auf die je einzelne Schreibproduktion eingehendes Feedback begleitet. Die Teilnehmenden wissen: Vordergründig mit einem Wow-Effekt daherzupoltern, der auch noch den Letzten für sich vereinnahmen will oder mögliche Widerhaken vorsorglich zu entfernen für ein aalglattes, beifallheischendes Ergebnis – das dürfte, wenn überhaupt, nur eine Kurzzeitwirkung erzielen. Wir schulen unser kritisches Auge und enttarnen substanzentbehrendes Palaver ebenso wie den kalkulierten und gehäuften Einsatz von Cliffhangern, wie ihn manche Verlage von den Autoren fordern, um ein Buch zu vermarkten. Die Gruppenmitglieder der Schreibwerkstatt streben demgegenüber an, subtil zu schreiben, insbesondere um der Zwischentöne willen, die sich niemals durch grobe Effekte hervorrufen lassen.

Sicherlich, der Internetpranger hat viele Sensible verängstigt, die Haudraufs noch forscher gemacht. Und gerade deswegen brauchen Menschen Bücher in einer Zeit der Irrlichter, in einer zunehmend undurchsichtig und sich verworren gestaltenden Welt. Bücher, die aufzeigen, wie Sprache auch täuschen und verführen kann, wenn man nicht genau hinschaut.

Das Abenteuer kann beginnen
Das Kulturring-Projekt „Literatinnen und Literaten in den Ring!“ bietet in enger Verzahnung mit der Live-Reihe „Baumissimo!“ das Erlebnis von Autorenvorträgen, abgerundet durch Interviews und Buchbetrachtungen, ergänzt durch Podcast-Lesungen seitens der vorgestellten Textschaffenden. Nicht anders die Kooperation mit dem „Haus für Poesie“, einem Projekt mit Hintergrundberichten und Gedichtlesungen, die das Brennglas der Lyrik als solches zur Wahrnehmung bringen.


Im „Schreibatelier Mehrstimmig“ gehen wir gemeinsam den Weg vom Abenteuer der buchstabenbedeckten Seite zum Abenteuer der zu füllenden weißen Seite. Das eine kann ohne das andere nicht bestehen. Vexierspiele mit verschiedenen Erzählebenen und Perspektiven beherrscht man als Autorin oder Autor nicht ohne eigene Leseerfahrung. Das Konzept, den Aufstieg zum Parnass bewältige nur das Genie, vom „Sturm und Drang“ herkommend, lassen wir für unsere Gruppe getrost beiseite. Die Zwischentöne und Abschattierungen, das „mot juste“ und ebenso die „purple passages“, die wir ausfindig machen, sind es, weswegen wir in der Schreibwerkstatt das Lesen vorschalten, bevor wir uns ans Schreiben wagen. Dabei fortlaufend davon fasziniert, dass das Sprachkunstwerk nie in einer einzigen Deutung aufgeht, sich der exklusiv gültigen Auslotung widersetzt. 

Das Lesen ist ein ebenso produktiver Prozess wie das Schreiben. Der Schreibende lockert die innere Zensur, um sich kraft seiner Imagination Freiheiten zu verschaffen, in deren Genuss er ohne das Leseabenteuer mit seinem Wortzauber, seinen Peripetien, seiner Renitenz, seinen Nuancen und Zwischentönen nie käme. Der Wortherkunft nach ist das „Abenteuer“ etwas, das herankommt, sich ereignet. Die Bedeutung dieses Ereignisses, dessen finaler Ausgang im Ungewissen liegt, dieses Wagnis schwingt im Lese-„Abenteuer“ als Voraussetzung für kreatives Schreiben mit. Darin liegt, wenn wir es zulassen, seine größte Freiheit.